Stadtberger Geschichten: Walter Bäumler und die Anziehungskraft riesiger Motoren

Walter Bäumler in seinem Element: Für die Messe AGRItechnica in Hannover organisierte er einen 108 Jahre alten Original MAN-Motor und war dort bei den Vorführungen für die Information von Messebesuchern über die Geschichte und die Motoren der MAN zuständig. Foto: privat von Walter Bäumler
 
Walter Bäumler fuhr auf jedem dieser Schiffe. Foto: Monika Saller
 
Blick ins Buch: Anschaulich werden die Motoren mit technischen Details, Verwendungszweck, Geschichte und Auffinde-Situation beschrieben. Foto: Walter Bäumler

Drei ehemalige MAN Profis haben sich zusammengetan, um ein besonderes Buch mit Leben zu füllen. Wie es dazu kam, erzählt beispielhaft die Lebensgeschichte von Walter Bäumler, der heute tatsächlich in Stadtbergen (fast) sesshaft geworden ist.

Mit ihrem Bildband über große MAN Diesel-Motoren der Baujahre 1895 bis 1945 trugen die drei Autoren und MAN Mitarbeiter im Ruhestand, Walter Bäumler, Horst Köhler und Werner Oehlers, ein umfassendes Nachschlagewerk für Techniker und ein historisches Denkmal für eine ganz spezielle Technologie zusammen. Das wunderschön gestaltete Buch ist das Ergebnis einer jahrelangen Sammeltätigkeit und liefert als erstes seiner Art Geschichte und Technik in einem Band. Es erzählt, wann der jeweilige Motor gebaut wurde, wie viele es davon gab und welcher Verwendung sie dienten. Vor allem aber stellt es jeweils ein heute noch existierendes Exemplar vor. Die drei ehemaligen Kollegen, jeder ein langjährig tätiger Spezialist auf seinem Gebiet, kommen aus den Bereichen Technik, Verkauf und Promotion und haben nach ihrer „aktiven“ Zeit ein gemeinsames Hobby gefunden. Derzeit ist der Bildband nur über die MAN Diesel & Turbo SE erhältlich.
Die Aufgabe des Stadtbergers Bäumler war es in diesem Trio, die Motoren ausfindig zu machen, zu besuchen und ihre „Lebensumstände“ zu untersuchen. Dabei wollte er während seiner Berufstätigkeit noch gar nichts von den alten Riesen wissen. Sie waren dem Techniker, der aktuelle Schiffsmotoren bis ins letzte Detail kannte, eher suspekt.

Immer dem Motor nach

Was ihm allerdings sehr bekannt war, war das Reisen zu den Motoren. Schon als Jugendlicher musste er dorthin, wo seine Arbeit war. Aufgewachsen in Cham, verschlug es den technikbegeisterten jungen Mann nach Lüdenscheid, wo er einen der wenigen begehrten Ausbildungsplätze in der Wunschbranche gefunden hatte. 2,45 Mark Stundenlohn lockten ihn nach Norden. Er wurde Werkzeugmacher und fuhr heimwärts die Strecke nach Cham gerne mit dem Fahrrad, wenn nicht gerade Winter war. Im Anschluss arbeitete Bäumler als Maschinenschlosser in einem Walzwerk, später im Mühlenbau und als Monteur in verschiedenen Hamburger Werften. Auf einer seiner Pendelreisen wurde ihm in Kassel sein Fahrrad gestohlen. Kurzerhand arbeitete er daraufhin acht Wochen lang im Eisenwaggonbau, bevor er nach Hamburg weiterstrampeln konnte. Eines Tages brachte ihn sein Job auf die „Bunte Kuh“ nach Helgoland. Danach ging es immer wieder raus aufs Meer, als Ingenieur-Assistent auf Schiffen. Für ein Maschinenbau-Studium kehrte Walter Bäumler für eine Zeit in die Oberpfalz nach Regensburg zurück, bevor er 1965 bei MAN in Augsburg am Prüfstand für Serien-Dieselmotoren begann, mit Abnahmen durch Klassifikationen und Kunden.
Die Motoren, mit denen er zu tun hatte, waren von 40 bis 40000 PS stark. Dann schickte MAN ihn den Motoren nach. Auf vielen langen und kurzen Reisen nahm er Motoren in Betrieb, auch auf dem Kreuzfahrtschiff „Queen Elizabeth 2“ war er dabei. Als Steigerung dazu kamen die Seereisen im so genannten Außenversuch. Die betreuten Motoren liefen im Langzeittest unter realen Bedingungen und Walter Bäumler war für deren Überwachung und die Betriebswertergebnisse zuständig. Kreuz und quer über die Weltmeere führte ihn sein Beruf. Anders als heute, gab es für die Schiffe noch viel mehr Häfen anzulaufen mit mehrtägigen Liegezeiten. So konnte sich der Ingenieur im Laufe der Jahre die ganze Welt ansehen. Sein Arbeitszimmer ist voller Souvenirs von geschätzten 200 Reisen weltweit. Eine ganze Reihe hochwertiger Schwarz-Weiß-Fotografien von Schiffen ziert die Wände. Auf allen ist der Weltenbummler gefahren und erläutert die Besonderheiten der Motoren an Bord und dass das entscheidende Merkmal von Bootsmotoren ist, dass man sie rückwärts laufen lassen kann. Obwohl er aus der Oberpfalz stammt und schon eine Ewigkeit im Raum Augsburg seinen Wohnsitz hat, spricht er das Wort „Motor“ mit einem langen „ou“ und einem „d“ in der Mitte – wie die Seeleute aus dem Norden. Eine Zeit arbeitete er als „Troubleshooter“ im Werk Augsburg.

Der Ruhestand, der keiner ist

Als schönste Zeit seines Lebens bezeichnet der Stadtberger seine ersten Rentenjahre, in denen er anfing, seltenen Dieselmotoren nachzureisen, um sie zu besichtigen. „Mir ging es da noch nicht um tolle Fotos, ich wollte wissen, wo sie sind und vor allem, ob sie noch laufen“, sagt der Diesel-Kenner. Dabei begegnete ihm so mancher technische Schatz, wie beispielsweise der DM 20 (20 PS) von 1905, der einem Landwirt aus dem Chiemgau gehörte. Von der MAN nach einem Hingucker für die Weltleitmesse der maritimen Wirtschaft – SMM – gefragt, erinnerte er sich an dieses angestaubte Prachtstück. Der Motor wurde auf abenteuerliche Weise mit einem Schwertransport nach Hamburg gefahren, restauriert und Bäumler betreute die stündlichen Betriebsvorführungen und stand für Fragen der Fachbesucher zur Verfügung.
Ein liebevoll als „Opa“ bezeichneter rüstiger 106-järiger ist in Parow bei Stralsund noch immer in Betrieb und dient als Übungsgerät für die Bundesmarine, um zu lernen, wie ein Dieselmotor funktioniert. Er tat schon in der kaiserlichen Marine Dienst.

Über 100 Jahre für MAN

Nun begann eine Sammelleidenschaft, die auch Bäumlers Mitstreiter erfasste. Zusammen waren die Spezialisten deutlich über hundert Jahre für MAN tätig. So haben auch die beiden anderen ihr riesiges Wissen und ihre Leidenschaft in dem Bildband untergebracht, von dem es sogar einen selbst gestalteten Prototyp gibt. Horst Köhler war in den letzten Jahren seiner Firmenzugehörigkeit für Technical Promotion zuständig, hielt Vorträge und beriet Diplomanden und Dissertanten zum Thema Dieselmotoren. Kaum im Ruhestand, befasste er sich mit der Motoren-Geschichte, mit Abgasemissionen der Schifffahrt und dem Klimawandel. Für Werner Oehlers begann die Sammelaktion im Deutschen Museum München. Dort arbeitete er zum Thema „100 Jahre Effizienz“ und sammelte die Gesprächsergebnisse mit Besuchern. Der Verkäufer von Schiffsmotoren – zuletzt in Nordamerika – hatte vorher auch eine erfolgreiche technische Karriere und unter anderem ein patentiertes Antriebskonzept für Eisbrecher entwickelt.
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