"Wenn vom Staat nix kommt": In Augsburg nehmen die Bedürftigen ihr Schicksal selbst in die Hand

Große Auswahl im contact Laden. Foto: Patrick Bruckner
 
Die Vorsitzende von contact in Augsburg e.V. Roswitha Kugelmann Foto: David Libossek

Wie wird die Miete bezahlt? Von welchem Geld das Essen kaufen? Carla W. (Name geändert) bekam monatelang keine Rente. Ihre letzte Hoffnung war es, ein paar Stunden mehr im Sozialkaufhaus bei Roswitha Kugelmann zu arbeiten. Geschichten wie diese kann Kugelmann Dutzende erzählen.

Sie leitet das Sozialkaufhaus Contact in Augsburg und bietet damit eine Anlaufstelle für Bedürftige und Hilfesuchende. Mit seinen Mitarbeitern, die zum großen Teil selbst schwere Lebenskrisen erleben mussten, können sie über sämtliche Probleme sprechen und eine Lösung finden.

Contact wurde 1999 gegründet und hat seine Anfänge in der Wärmestube in Augsburg. Aus einem kleinen Laden entstand ausschließlich durch eigene Arbeitskraft, ohne Mitgliedsbeiträge und fast ohne Zuschüsse ein großes Sozialkaufhaus in Augsburg. Aus elf Gründungsmitgliedern wurde im Laufe der Jahre ein Team von derzeit mehr als 90 aktiven Mitarbeitern, die selbst fast ausschließlich zum Kreis der Bedürftigen gehören und kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. 20 Prozent der Beschäftigten sind Behinderte. Zusätzlich arbeiten noch 50 bis 60 Freiwillige im Sozialkaufhaus. Bevor etwas weggeschmissen wird, kann jeder überschüssige Sachen, die noch gut in Schuss sind, an Contact spenden. Der Vorsitzenden Roswitha Kugelmann war es immer wichtig, dass die Menschen etwas zu tun haben.

"Wir nehmen viele, die noch nie die Chance auf eine feste Beschäftigung hatten und sich von Praktikum zu Praktikum hangelten", hebt Kugelmann hervor und ergänzt: "Wenn man ihnen nicht hilft, bleibt meist nur eine Anstellung in einer Behindertenwerkstatt." Ihre Befürchtung, dass diese Menschen, die allein gelassen werden, sich noch weiter zurückziehen, radikalisieren oder in eine Drogensucht abrutschen, sei groß.

Der zweite Vorsitzende Michael Rühl war selbst Alkoholiker und ist nun schon seit 19 Jahren trocken. Er macht daraus kein Geheimnis und geht sehr offen damit um. Für viele Mitarbeiter, Kunden und Hilfesuchenden besitzt er eine Vorbildfunktion und gibt ihnen mit seiner Geschichte einen Ansporn, es ihm gleich zu tun.

Auch Flüchtlinge sind froh, bei Contact einkaufen zu können

Durch die steigende Zahl an Flüchtlingen stellte das Sozialkaufhaus einen Kundenzuwachs fest. Dabei ist es für Flüchtlinge allerdings wichtig, dass sie sich selbst etwas kaufen können, das sie brauchen, und nicht alles geschenkt oder zur Verfügung gestellt bekommen. "Vielen sei das nämlich äußerst unangenehm", betont die Vorsitzende. Laut Kugelmann handelt es sich bei den Bedürftigen zum gleichen Teil um deutsche wie ausländische.

Das Ziel von Contact ist es, die Sachen so günstig wie möglich weiterzugeben. Die Spender der Kleidung oder anderer Dinge wollen es am liebsten selbst an Bedürftige verschenken, aber haben entweder keine Verbindungen oder Berührungsängste und stellen es darum Contact zur Verfügung.

Neben den Billigverkaufsräumen gibt es im Sozialkaufhaus einen schön gestalteten Raum, die "Boutique". Dieser Raum hebt sich angenehm ab und soll dafür sorgen, dass Kunden aus allen Bevölkerungsschichten angesprochen werden. Dort werden gute Sachen, die ihren Preis haben, angeboten.

Das Sozialkaufhaus verdient sein Geld damit, dass es Designer-Handtaschen oder hochwertigeres Geschirr ein bisschen teurer verkauft. So wird sichergestellt, dass andere Dinge sehr billig angeboten werden können.

Außerdem zählen Menschen, die im Bezug auf den Umweltschutz darauf achten, dass Ressourcen geschont werden, zum Kundenstamm des Sozialkaufhauses. Beispielsweise stabile, alte Möbel sind beliebt.

Monatliche Kosten in Höhe von 150 000 Euro für Contact

Leider ist der immer wiederkehrende Diebstahl ein Problem. Grund hierfür könnte sein, dass sich viele Leute denken "Ihr kriegt die Sachen ja eh geschenkt", vermutet Kugelmann. "Natürlich ist es sehr ärgerlich, da jeden Monat Kosten in Höhe von 150 000 Euro anfallen, aber man darf sich davon nicht herunter ziehen lassen".

Nach jahrelanger Aufbauarbeit läuft das Contact in Augsburg gut und Roswitha Kugelmann kann sich weiteren Themen widmen.

Mit Sorge blickt sie auf die Zukunft der Beschäftigten, da die meisten später ohne Grundsicherung auskommen müssen. Carla W. kam zu Kugelmann und hat sie darum gebeten, noch mehr arbeiten zu dürfen, da ihre Rente in Deutschland nicht ausreicht. Die Dame, die ursprünglich aus Russland stammt und von dort einen Teil ihrer Rente bezieht, musste feststellen, dass sie dieses Geld plötzlich nicht mehr bekommen hat. Nach einigem Hin und Her mit den deutschen und russischen Behörden, musste die Frau wieder ihren alten Namen annehmen, um ihre Rente aus Russland doch zu bekommen.

Bei Contact herrscht familiäre Atmosphäre

Viele Menschen kommen aber auch einfach nur zu Contact, um nicht mehr alleine sein zu müssen und sich unterhalten zu können. Das schafft eine familiäre Atmosphäre und hat einen jungen Praktikanten aufgefangen. Er hatte starke gesundheitliche Probleme und lebte isoliert, erzählt Kugelmann. Auch die zwischenmenschlichen Fähigkeiten litten darunter. Seit er bei Contact in Augsburg arbeitet, geht es ihm viel besser und er ist überglücklich endlich eine Aufgabe gefunden zu haben und nicht mehr alleine sein zu müssen.

Genau das ist meistens das Problem, sagt Roswitha Kugelmann. "Du musst es allein schaffen, aber du schaffst es nicht allein."

"Wenn vom Staat nix kommt, muss man selber etwas tun"

In diesem Zusammenhang möchte Kugelmann ein Öko-Dorf aufbauen. In einem solchen Dorf leben Gemeinschaften, die mehr Wert auf das friedliche und umweltfreundliche Miteinander als auf den materiellen Wohlstand legen. Dieses Konzept rückte seit einigen Jahren langsam in den Blickpunkt einer breiteren Öffentlichkeit. Auf die Unterstützung des Staats muss Kugelmann allerdings verzichten. "Wenn vom Staat nix kommt, muss man selber etwas tun", beklagt sie und weist auf die Anfänge der Sozialkaufhäuser hin. Auch sie hatten einen schlechten Ruf, bis sie im Laufe der Jahre ein fester Bestandteil der Gesellschaft geworden sind. "Es spricht sich herum, was wir hier für eine sinnvolle Arbeit leisten und es bieten sich mehr freiwillige Helfer an, als ich hier beschäftigen kann", stellt Roswitha Kugelmann zufrieden fest. 
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