Wie sich eine Augsburgerin nach einem Schicksalsschlag zurück ins Leben kämpfte

Marion Retter hat sich ihren Traum erfüllt. Sie absolvierte eine Ausbildung bei der KJF, bekam therapeutische Hilfe und fand einen Arbeitsplatz, der ihr gefällt. Foto: KJF/Kathrin Ruf

Augsburg (kjf) Schritt für Schritt hat sie sich zurück in ein normales Leben gekämpft. "Ich bin megastolz auf mich. Ich habe gelernt, Hilfe zu holen. Ich bin da angekommen, wo ich hinwollte", erzählt Marion Retter, die im vergangenen Sommer ihre Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement erfolgreich abgeschlossen hat und nun Sekretärin des Abteilungsleiters Berufliche Bildung und Integration bei der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Augsburg (KJF) ist.

Während die 30-Jährige erzählt, strahlt sie übers ganze Gesicht, sie redet schnell. Ihre lebendige und positive Art ist mitreißend. Sie ist der Typ Mensch, der sofort mit anpackt, wenn es etwas zu tun gibt. Seit Jahresbeginn ist sie die Sekretärin von Michael Breitsameter, der bei der KJF die Abteilung Berufliche Bildung und Integration leitet, zu der auch das KJF Berufsbildungswerk Augsburg gehört. "Ich schreibe Briefe und Protokolle, lege Terminmappen an, erledige die Post, bin viel am Telefon, kümmere mich um Terminvereinbarungen, Zugtickets, Hotelreservierungen, Reisekostenabrechnungen - vom Aufgabenspektrum her ist es genau das, was ich mir gewünscht habe", berichtet Marion Retter. "Alle meine Fähigkeiten kann ich hier ausüben und weiter ausbauen. Jetzt erlebe ich, wo die Theorie aus der Ausbildung aufhört und die Praxis anfängt."

Dabei sah es vor etwas mehr als drei Jahren, zu Beginn ihrer Ausbildung im Herbst 2014, noch nicht nach so einem Happy End aus: "Es gab immer wieder Zeiten, in denen ich alles hinschmeißen wollte. Ich war psychisch total unstabil. Meine Vergangenheit hat mich immer wieder eingeholt." Die Vergangenheit: Marion Retter brach ihre Ausbildung zur Erzieherin ab, als 2008 ihr Sohn geboren wurde. Als er mit drei Jahren in den Kindergarten kam, wollte die alleinerziehende Mutter wieder zurück ins Arbeitsleben, doch nicht mehr als Erzieherin. Schon nach ihrem Realschulabschluss stand für sie neben dem Erzieherberuf auch der einer Bürokauffrau in der engeren Wahl. Nun wollte sie diesen Weg beschreiten.

Die Arbeitsagentur hatte ihr bereits einige Maßnahmen vermittelt, als ein Schicksalsschlag alle ihre Pläne durchkreuzte. Ihr Opa erkrankte schwer, wurde pflegebedürftig und starb. Eine ihrer wichtigsten Bezugspersonen fehlte plötzlich. Denn bei den Großeltern war Marion Retter aufgewachsen, nachdem ihre Mutter bei einem Autounfall gestorben war. "Ich bin in ein riesengroßes Loch gefallen. Mein Opa war der, der alles mit mir gemacht hat", erzählt sie. Etwa ein Jahr lang fühlte sie sich in diesem Loch, in ihrer großen Traurigkeit gefangen, während sie sich weiter um ihren kleinen Sohn kümmerte und ihrer Großmutter half. Die Situation überforderte die junge Frau.

Sie zog die Reißleine: "Ich habe gesehen, dass ich mein Leben vor die Wand gefahren habe", erinnert sich Marion Retter. Die Arbeitsagentur vermittelte ihr schließlich ein Jahrespraktikum bei der Diakonie. "Da wurde mir klar, dass ich einen Beruf, eine Aufgabe brauche, um wieder ein normales Leben zu führen." Und der Entschluss, den Beruf der Kauffrau für Büromanagement zu ergreifen, stand nun fest. Im Herbst 2014, damals war sie 27, begann Marion Retter ihre Ausbildung im KJF Berufsbildungswerk Augsburg. Weil sie Mutter ist, konnte sie die Ausbildung in Teilzeit machen. In 30 Wochenarbeitsstunden musste sie allerdings den gleichen Stoff lernen wie ihre Kollegen in Vollzeit.

"Ich habe die Unterstützung bekommen, die ich gebraucht habe", berichtete Marion Retter im Rückblick über ihre Ausbildungsjahre. "Ich habe im KJF Berufsbildungswerk den psychologischen Dienst in Anspruch genommen. Das hat mir gut getan." Je stabiler sie psychisch wurde, desto besser konnte sie sich auf die Ausbildung und das Lernen, die Tage in der Berufsschule konzentrieren. Nach drei Jahren legte sie ihre Abschlussprüfung vor der Industrie- und Handelskammer mit Bravour ab und begab sich auf Stellensuche.

Laut Breitsameter ist das der große Vorteil einer Ausbildung in einem der drei KJF Berufsbildungswerke: "Die jungen Menschen bekommen genau die individuelle Förderung und, falls nötig, therapeutische Begleitung, die sie brauchen, um eine Berufsausbildung erfolgreich abzuschließen. So leisten wir einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Teilhabe." Und darüber, dass seine Sekretärin in einer seiner Einrichtungen gelernt hat, freut er sich besonders.

Für Marion Retter ist es "einfach toll, dass ich es geschafft habe, meinen Traum zu erfüllen. Ich bin sehr zufrieden und stolz. Ich habe Spaß an der Arbeit und komme morgens gern her. Dass ich diese schweren Zeiten überstanden habe, hat mich sehr stark gemacht."
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