Zwischen Schwedenstiege und St. Gallus - Kräuter an der alten Stadtmauer

 
Brennnessel
"Wer mit offenen Augen und Ohren durchs Leben geht, findet immer wieder einen Grund zum Staunen" (Ernst Ferstl)

Wer dann, so wie ich, den Blick auch auf den Boden richtet, kann viele Pflanzen sehen, denen sonst keine oder wenig Bedeutung geschenkt wird. Ganz im Gegenteil. Vieles wird mit Gift vernichtet und bekämpft, weil es ja sogenanntes "Unkraut" ist. Unsere Vorfahren wussten jedoch um die Heilwirkung und Bedeutung der Pflanzen und sahen sie mit ganz anderen Augen. Viel Wissen ging verloren und nur so langsam kommt das Bewusstsein der Menschen zur Natur zurück.

Man muss nicht in den Wald oder aufs Land gehen, um wild wachsende, essbare Pflanzen zu finden. Sie wachsen überall dort, wo man sie lässt. Sogar mitten in der Stadt. Ganz bewusst habe ich mir als Spaziergang den Weg an der alten Stadtmauer ausgewählt. Hätte ich eine Salatschüssel und Dressing dabei gehabt, hätte ich mir mit dem was dort alles wächst, einen schönen Salat zubereiten können. Sie lachen und glauben mir nicht? Ich beweise es Ihnen.

Ich habe beim "Stoinernen Ma" zum Beispiel Breitwegerich, Brennnessel, Giersch und Löwenzahn gefunden. Um nur einige der durchaus wohlschmeckenden Heilkräuter zu nennen.
Widmen wir uns der Brennnessel. Jeder kennt sie und schon fast jeder hat irgendwann einmal Bekanntschaft mit ihren brennenden Eigenschaften gemacht. Ganz zu Unrecht wird sie gemieden. Mal abgesehen davon, dass sie der Freund aller Schmetterlinge ist, hat die Brennnessel auch eine große Heilwirkung.

So ist sie eine wertvolle Eiweißquelle. Sie enthält in der Trockenmasse mehr Eiweiß als die Sojabohne. Sie wirkt blutreinigend, blutbildend und entschlackend, enthält Vitamin A, C, E, K und B-Vitamine, Magnesium, Kalium, Eisen und Silicium. Ihre Blätter enthalten einen Wirkstoff, der Bakterien im Wachstum hemmt. So hat man damals, um Fleisch haltbarer zu machen, dieses in die Blätter der Brennnessel eingewickelt. Die Samen der Brennnessel sollen durchblutungsfördernd wirken. Sie wurden schon im Mittelalter als Aphrodisiakum verwendet. Mönchen und Nonnen war es deshalb verboten Brennnesselsamen zu verzehren. Sie enthalten tatsächlich hormonähnliche Substanzen.

Bei den Kelten und Germanen wurde die Brennnessel dem Donnergott "Donar" (Thor) geweiht, der unter anderem auch für das Bierbrauen zuständig war. Deswegen war es Brauch, bei drohendem Gewitter Brennnesseln auf das Bierfass zu legen, damit das Bier nicht sauer wurde. Wegen ihrer "brennenden" Eigenschaften wurde die Pflanze bei Gewitter ins Feuer geworfen, um das Haus und den Hof vor Blitzeinschlägen zu schützen.

Berühmte Gelehrte wie Hippokrates, Plinius, Paracelsus und Hildegard von Bingen wussten um die Heilwirkung der Pflanzen. Traditionell wird die Urtica, so der Gattungsname, auch heute noch bei Harnwegsbeschwerden, Gicht, Rheuma, Gelenkschmerzen und Kopfhautschuppen angewendet.

Verwendet werden die ersten jungen Triebe. Um diese "gefahrlos" genießen zu können, werden die Blätter nach dem Pflücken mit Handschuhen entweder mit kochendem Wasser übergossen oder mit einem Nudelholz sanft bearbeitet. So brechen die winzigen Brennhaare an der Blattunterseite und können keinen ungewollten Schaden anrichten.

Dieser Artikel ersetzt natürlich bei Beschwerden nicht den Gang zum Arzt. Vielmehr soll er dazu anregen, die Brennnessel mit anderen Augen zu sehen.
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2 Kommentare
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Sebastian Summer aus Aystetten | 17.01.2018 | 18:22  
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Katharina Wieser aus Augsburg - City | 17.01.2018 | 23:04  
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