„Abscheuliche Straftaten“: Bistum Augsburg stellt Schlussbericht zu Missbrauchsfällen in Donauwörther Kinderheim vor

Der Bischof von Augsburg hatte eine Arbeitsgruppe beauftragt, den Missbrauch im Kinderheim Cassianeum in Donauwörth zu untersuchen. Der Abschlussbericht der Gruppe wurde nun vorgestellt. (Foto: Peter Maier)

Im Donauwörther Kinderheim Heilig Kreuz wurden über Jahrzehnte Kinder missbraucht. Eine vom Bistum Augsburg eingesetzte Arbeitsgruppe hat die grausamen Gewalttaten untersucht. Ein Versagen der Kirche sieht die Kommission aber nicht.

Im Kinderheim Heilig Kreuz der Pädagogischen Stiftung Cassianeum in Donauwörth kam es zwischen 1952 und 1977 zu massiver sexueller Gewalt. Die von Bischof Zdarsa eingesetzte Untersuchungskommission hat nun ihren Schlussbericht vorgelegt.

Drei Betroffene – zwei Männer und eine Frau – wurden dem Bericht zufolge regelmäßig vom pädagogischen Direktor der Stiftung, einem Priester, in massiver Weise sexuell missbraucht. Sechs weitere Frauen schilderten den sexuellen Missbrauch durch Mitarbeiter der Stiftung und ältere Heimkinder. Zudem wurden Kinder immer wieder in ein Verlies gesperrt, verprügelt und gedemütigt – so dokumentiert es die Untersuchung auf 68 Seiten.

„Den bedrückenden Schilderungen der Betroffenen nach, erlebten sie physische, psychische und soziale Gewalt“, erklärt Manfred Prexl. Der frühere Richter am Oberlandesgericht München bildet zusammen mit Michael Triebs, ebenfalls pensionierter Richter aus München, und Professor Dr. Gerda Riedl, Leiterin der Hauptabteilung VI des Bischöflichen Ordinariats, die Untersuchungskommission, die im April 2018 eingerichtet worden war. Insgesamt vierzehn Opfer seien bereit gewesen, offen – und namentlich genannt – über ihre Erlebnisse zwischen den Jahren 1952 und 1975 zu sprechen.

Kinderheim Heilig Kreuz: Täter sind bereits verstorben

Beschuldigte Personen hätten nicht befragt werden können; diese seien bereits verstorben oder namentlich nicht bekannt.

Allerdings sei den Berichten der Betroffenen zu den Gewaltanwendungen im Heim eine so hohe Plausibilität beizumessen, „dass an deren Wahrheitsgehalt keine vernünftigen Zweifel“ bestünden, betont Prexl. Ihre Erlebnisse könnten zudem keinesfalls mit dem Hinweis auf andere Erziehungsstandards in früherer Zeit abgetan werden.

Pflichtverletzung durch Aufsichtsrat der Stiftung und Bistum?

„Die dargestellten Fälle physischer Gewaltanwendung erfüllten allesamt auch nach damaliger Gesetzeslage den objektiven und subjektiven Tatbestand der Körperverletzung.“ Noch „viel gravierender“ seien freilich die Fälle sexuellen Missbrauchs.

Hätten die Taten verhindert werden können? Prexl sagt, es gebe mit Blick auf die Rahmenbedingungen dieser massiven Fälle von Gewaltanwendung „keinen Nachweis für eine Pflichtverletzung“ durch den Aufsichtsrat der Stiftung, des Bistums und der Vormundschaftsgerichte. Allerdings sei dem Landesjugendamt anzulasten, „dass es weder selbst noch mittels der örtlichen Jugendbehörden im Heim hinreichend präsent und um das Wohl der betroffenen Kinder ausreichend bemüht war“.

Soweit Vormünder beziehungsweise Pfleger überhaupt persönlichen Kontakt zu den Betroffenen gehabt hätten, sei dieser in keiner Weise von einem Bemühen um das Kindeswohl geprägt gewesen.

Zwei Personen, einem Mitarbeiter des Jugendamts Lindau sowie einer Lehrerin der Volksschule Donauwörth, wirft Prexl zudem Versagen vor. Sie hätten nicht unerheblich dazu beigetragen, dass zum einen der sexuelle Missbrauch von Heimkindern unentdeckt geblieben sei und zum anderen überbordende Gewalt im Kinderheim bis zu dessen Schließung ungehindert habe geschehen können.

"Paternalistische Grundidee der Stiftung“

Die Arbeitsgruppe habe „keine Anhaltspunkte gefunden“, dass in der Vergangenheit Archivmaterial zur Verschleierung der Straftaten bewusst entsorgt worden sei, sagt Gerda Riedl.

Während der Recherchen in verschiedenen Archiven hätte sich ein aufschlussreiches Bild der Verhältnisse im Kinderheim ergeben. „Schon die Gründungsidee des Kinderheims darf heute als fragwürdig gelten“, berichtet Riedl.

Sie konstatiert eine „paternalistische Grundidee der Stiftung“. Die Lebensbedingungen im Kinderheim seien über lange Zeiträume hinweg prekär gewesen. Wegen ungeeigneter Unterbringung und einem eklatanten Mangel an Nahrungsmitteln habe es in den Jahren zwischen 1945 und 1953 im Kinderheim sogar eine ungewöhnlich hohe Säuglingssterblichkeit gegeben. Als weitere „strukturelle Problemzonen“ identifiziert sie „das unkontrollierte Agieren einer charismatischen Leitungsperson“, die „effiziente Vernetzung in kirchliche und gesellschaftspolitische Bereiche“ sowie das „Diktat der Wirtschaftlichkeit auf verschiedenen Ebenen“.

Peter Kosak aus dem Stiftungsvorstand des Cassianeums bezeichnet den Bericht zusammenfassend als „nichts weniger als ein aufrüttelndes Zeugnis monströser Verfehlungen.“

Missbrauchsfälle: Generalvikar entschuldigt sich

Und das Bistum Augsburg? Er habe in dem Bericht „zutiefst Erschütterndes, Verstörendes gelesen“, sagt Generalvikar Harald Heinrich. „Oder bewusst auch ganz juristisch formuliert: Ich habe durch den Bericht Kenntnis von abscheulichen Straftaten bekommen.“

Menschen, die zu Opfern wurden, seien viel zu lange nicht gehört worden. An die Betroffenen gewandt, die bei der Vorstellung des Berichts zugegen sind, sagt er: „Ich kann deshalb nur stellvertretend für die Täterinnen und Täter von damals um Verzeihung für das bitten, was Ihnen widerfahren ist.“ (jaf)
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