Armes Augsburg? Studie der Hans-Böckler-Stiftung

Im Textilviertel sind noch die Spuren der für Augsburg ehemals bedeutsamen Textilindustrie zu sehen - ihr Niedergang beschäftigt die Stadt noch heute, wie die Studie zum durchschnittlichen Haushaltseinkommen zeigt. Foto: Archiv


Eine aktuelle Studie der Hans-Böckler-Stiftung zum durchschnittlich verfügbaren Pro-Kopf-Einkommen der Privathaushalte hat Augsburg einmal mehr als das Armenhaus Bayerns ausgewiesen. Nur 19 203 Euro stehen den Augsburger Haushalten pro Kopf und Jahr zur Verfügung. Der Durchschnitt in Bayern liegt bei 24 026 Euro. Spitzenreiter ist der Landkreis Starnberg mit 34 987 Euro. Die Linkspartei hat das nun zum Anlass für harsche Kritik an der Augsburger Stadtspitze genommen.

"Das ist ein Armutszeugnis für die Stadtregierung aus CSU, SPD und Grünen. Es darf nicht weiter zugesehen werden, wie Arbeitsplätze in Augsburg abgebaut und Menschen in Leiharbeit gedrängt werden. Hier ist kein klarer Kurs der Stadt zu erkennen, diesem Teufelskreis ein Ende zu setzen", wettert Christine Wilholm, Kreissprecherin der Linken.

Doch: "Die Ursachen sind vielfältig und auch in der Geschichte Augsburgs als Produktionsstandort begründet", erklärt Wirtschaftsreferentin Eva Weber (CSU). "So sind beispielsweise nach wie vor die Nachwirkungen unserer Geschichte als Textilstadt spürbar, die sich vor allem bei den mittlerweile in Rente stehenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern niederschlägt." Grundsätzlich gelte, dass Standorte, an denen Finanz- oder Versicherungsdienstleistungen angesiedelt sind oder Automobilisten ihren Standort haben, besser aufgestellt seien, ergänzt Weber.

Interessant sei aber auch, dass "die Brutto-Löhne, die im Stadtgebiet bezahlt werden, höher liegen als in den angrenzenden Landkreisen", so Weber weiter. Dies zeige neben dem Berufseinpendler-Überschuss deutlich, dass viele Besserverdienende ihren Wohnsitz nicht im Stadtgebiet, sondern in den Landkreisen haben. "Dieses Phänomen ist seit längerem bekannt. Insoweit wäre wünschenswert, wenn Statistiker nicht nur Augsburg als Stadt, sondern Augsburg als Verflechtungsregion betrachten würden", weist Eva Weber auf eine Schwäche der Studie hin.

Und noch etwas wurde nicht beachtet, wie Augsburgs Sozialreferent Stefan Kiefer (SPD) anmerkt: "Bedrückend ist die Statistik der Hans-Böckler-Stiftung auch deshalb, weil in ihr die relativ hohen Lebenshaltungskosten in Augsburg noch nicht einmal berücksichtigt sind - beispielsweise der hohe Anteil, den der Faktor Wohnen an den ohnehin niedrigen Durchschnittseinkommen einnimmt." Hier können laut Kiefer realistisch betrachtet nur bundespolitische Maßnahmen helfen, "zum Beispiel die schon lange diskutierte Grundrente für langjährige Beschäftigte, um Altersarmut zu vermeiden. Sie würde viele ältere Menschen in Augsburg - insbesondere Frauen - betreffen".

Gerade hier setzt die Kritik von Bezirksrat Frederik Hintermayr (Linke) an: "Es ist doch vollkommen absurd - während das Einkommen der Menschen in Augsburg immer geringer wird, steigen die Lebenshaltungskosten ins unermessliche. Erst dieses Jahr wurden beispielsweise die Preise für den öffentliche Nahverkehr erhöht. Auch die Mieten sind für die meisten Menschen längst nicht mehr bezahlbar. Mindestens 20 000 Wohnungen fehlen aktuell." Hier habe die Stadt zulange tatenlos zugesehen. Die fehlenden Wohnungen müssen laut Hintermayr durch die Wohnbaugesellschaft der Stadt Augsburg gebaut werden.

Tatsächlich habe die Stadt Augsburg in den zurückliegenden Jahren ihre Anstrengungen im Bereich des geförderten Wohnens ausgeweitet, hält Kiefer dagegen. "In der laufenden Stadtratsperiode werden 1800 Wohnungen errichtet - eine Verdreifachung im Vergleich zur vorherigen Periode." Aber: Bedingt durch bundes- und landespolitische Fehlentscheidungen vergangener Jahre, fielen gleichzeitig viele Wohnungen aus der Sozialbindung. Deshalb müsse der Anteil dieser geförderten Wohnungen steigen, die auch Durchschnittsverdienern zur Verfügung stehen - "es gelten recht hohe Einkommensgrenzen", so Kiefer. Auch eine Quote für geförderten und sozial gebundenem Wohnungsbau müsse seiner Meinung nach beschlossen werden.

Nur auf den sozialen Wohnungsbau zu schauen, hält Wirtschaftsreferentin Eva Weber für zu kurz gesprungen. "Zusätzlich müssen auch attraktive Wohnmöglichkeiten für Besserverdiener in der Stadt vorhanden sein", sagt sie. Ansonsten bestehe die Gefahr einer weiteren Abwanderung in die angrenzenden Landkreise - eine Tendenz, die bereits heute am Berufseinpendlerüberschuss ersichtlich sei.

Der in Augsburg vorhandenen Armut begegnet die Stadt mit verschiedenen Angeboten, wie zum Beispiel das Sozialticket, Projekte wie Kinderchancen oder die Sozialpaten mit ihren Beratungen in den Stadtteilen. "Ziel ist es, Teilhabemöglichkeiten zu ermöglichen, auch für Menschen mit geringem Einkommen", erklärt Stefan Kiefer.

Vielleicht noch entscheidender aber sind die Bemühungen der Stadt, das strukturelle Problem zu überwinden: Aufgabe der Stadt sei es, die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die Menschen ein besseres Auskommen erhalten können, sagt Weber. "Dies ist in den zurückliegenden Jahren auf vielfältige Weise geschehen: Zu nennen ist hier der Innovationspark mit Technologie- und Innovationsförderung; die Uniklinik ebenso oder die Startup-Förderung im Projekt ,Augsburg gründet!'. Auch Fachkräfteprogramme einschließlich die Integration von Migranten in den Arbeitsmarkt gehören dazu", erklärt Weber und stellt fest, dass es bei aller Sorge über das Ergebnis der Studie auch durchaus positive Entwicklungen für Augsburg zu verzeichnen sind. "So haben wir derzeit mit 147 402 Personen einen Höchststand an sozialversicherungspflichtig Beschäftigten und mit 4,9 Prozent eine historisch geringe Arbeitslosenquote. Auch der Anteil an Hartz IV-Empfängern, der jetzt bei 2,7 Prozent liegt, ist zurückgegangen", sagt sie. Dies zeige, dass der Arbeitsmarkt derzeit robust sei und dass der Stellenabbau bei großen Unternehmen im Stadtgebiet durch viele zusätzliche Arbeitsplätze im Mittelstand kompensiert werden konnte. Auch der Anteil der Hochqualifizierten sei in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Dies sei auch an den Einkommensteueranteilen ablesbar, die die Stadt erhalte. "Im deutschlandweiten Vergleich liegt Augsburgs übrigens im Mittelfeld", stellt Weber fest.

Bei allen Schwierigkeiten dürfe nicht außer Acht gelassen werden, dass sich Augsburg in den zurückliegenden Jahren positiv entwickelt habe. "Das verfügbare Einkommen ist tatsächlich ja gestiegen - in anderen bayerischen Städten nur stärker", so Weber. Es brauche eben seine Zeit, bis historisch und sozial bedingte Defizite ausgeglichen werden können. ( Markus Höck )
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