"Baumfrevel" oder Notwendigkeit: Werden in Augsburg derzeit zu viele Bäume gefällt?

50 Bäume mussten für ein Bauvorhaben im Spickel fallen. Der Tennisclub Augsburg (TCA) will auf seinem Gelände einen neuen Komplex mit insgesamt sechs Hallen errichten. Anwohner sind über den Kahlschlag empört. Fotos: Katharina Schwarzott
 
Entlang des Herrenbachs möchte die Stadt im Herbst 90 Bäume fällen. Hintergrund sind Maßnahmen für den Hochwasserschutz.

Ob Abholz-Aktionen wegen Baumaßnahmen oder Not-Fällungen nach Beschädigungen durch Baufirmen: In Augsburg fielen zuletzt unzählige Bäume. Ausgerechnet unter einem Umweltreferenten von den Grünen. Doch dieser lässt Vorwürfe nicht gelten.

Die Spaziergängerin redet sich in Rage. "Das ist unverantwortlich", sagt sie, "der reinste Kahlschlag". Auslöser ihres Ärgers: 50 Bäume, die für ein Bauvorhaben im Spickel weichen mussten. Der Tennisclub Augsburg (TCA) will auf seinem Gelände einen neuen Komplex mit insgesamt sechs Hallen errichten. Deswegen mussten die Bäume im März weichen. Nur eine von zahlreichen Fällungen in den zurückliegenden Monaten.

Als "Baumfrevel" bezeichnete zuletzt Stadträtin Regina Stuber-Schneider von den Freien Wählern den Umgang mit dem Grün in Augsburg, nachdem Ende Februar in Göggingen ein 100 Jahre alter Walnussbaum bei Bauarbeiten im Wurzelwerk und im Kronenbereich so stark beschädigt wurde, dass er gefällt werden musste. Ähnlich war es gleich alten Kastanien vor zwei Jahren ebenfalls in Göggingen ergangen. In der Folge brachte die Stadt Augsburg einen Leitfaden zum Baumschutz heraus.

Doch in Augsburg reißen die Meldungen von gefällten Gehölzen nicht ab. Ob wegen der Theatersanierung in der Innenstadt, wegen der geplanten Ausflugsgaststätte am Lechhauser Flößerpark oder wegen des Hochwasserschutzes am Herrenbach: Vielerorts setzt die Stadt die Säge an - und das ausgerechnet unter einem grünen Umweltreferenten.

Dieser lässt derlei Vorwürfe allerdings nicht gelten. Das Umweltreferat werde "nicht aufgeben, jede Baumfällung kritisch zu hinterfragen" und sich für den Erhalt einsetzen, versichert Reiner Erben. Aber: Vor allem durch die Nachverdichtung wegen der wachsenden Nachfrage nach Wohnraum habe man sich zuletzt von einigen Bäumen trennen müssen. Gerade jene Grundstücke, die für neue Wohnbebauung geeignet seien, weisen prägende Gehölzstrukturen und an sich erhaltenswerte Grünflächen innerhalb der bestehenden Bebauung auf.

Reiner Erben: "Nachholbedarf auf allen Seiten"

"Besteht Baurecht auf diesen Flächen und können die Bäume auch nicht durch eine andere Anordnung des Gebäudes erhalten werden - wofür wir uns immer stark machen - können die Fällungen leider allein aus naturschutzrechtlichen Gründen nicht verhindert werden", fasst Erben zusammen.

Grundsätzlich arbeite sein Referat daran, den vorhandenen Baumbestand zu erhalten. Der Umweltreferent verweist auf den Leitfaden für den Baumschutz, der "genaue Hinweise für die Verwaltung, aber auch für Baufirmen gibt". Dieses Regelwerk müsse "jetzt gelebt werden und da gibt es sicher noch Nachholbedarf auf allen Seiten".

Im Herbst wolle er einen Vorschlag zur Verschärfung der Baumschutzverordnung vorlegen, über den der Stadtrat dann entscheiden soll. Das Amt für Grünordnung kümmere sich zudem um den Baumnachwuchs. So wurden in den Wintermonaten über das Stadtgebiet verteilt 200 Jungbäume gepflanzt.

Ersatzpflanzungen "im Umfeld des Eingriffes"

Auch für die gefallenen Gehölze im Spickel werde es Ersatzpflanzungen geben - "im "Umfeld des Eingriffes", verspricht Erben. Es müssten bis zu 38 neue Bäume gepflanzt werden.

Ausgleichs-Bäume genügen jedoch nicht allen - vor allem, weil diese oft an anderer Stelle entstehen. Zuletzt sei "häufig der altangestammte Baumstandort für die Anpflanzung eines adäquaten Jungbaumes an dieser Stelle nicht mehr geeignet", erklärt ÖDP-Stadtrat Christian Pettinger. Im Ergebnis habe Augsburg damit eine große Anzahl von Baumstandorten im Stadtgebiet dauerhaft verloren.

Pettinger hat nun einen Antrag für die nächste Stadtratssitzung eingereicht, eine Online-Plattform einzurichten. Auf dieser sollen dann die Bürger selbst neue oder vergessene alte Standorte für die Pflanzung von Bäumen melden können. Daneben solle das Portal auch die Möglichkeit bieten, "den unsachgemäßen Umgang mit Bäumen zum Beispiel auf Baustellen melden zu können". Pettinger erhofft sich "ein Frühwarnsystem, das sehr frühzeitig Alarm schlägt, bevor es zu einer dauerhaften Schädigung eines Baumes und zu seiner Fällung kommt".

Baurecht sticht den Naturschutz aus

Die enttäuschten Spickel-Bewohner wird der Vorschlag allerdings womöglich wenig trösten, denn die Bäume um das Tennisgelände bringt dies nicht zurück. Nach der Abholz-Aktion trafen sich einige Anwohner gar zu einem spontanen Protest.

Umweltreferent Erben kann den Ärger nachvollziehen. "Wir weisen bei solchen massiven genehmigten Baumfällungen den Bauwerber immer wieder darauf hin, im Vorfeld entsprechende Öffentlichkeitsarbeit zu machen und den Sachverhalt zu erklären", sagt er. Nach der Bayerischen Bauordnung sei das Vorhaben aber nunmal zulässig gewesen, "sodass es nicht unterbunden werden konnte - da sticht das Baurecht den Naturschutz aus."
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