Die Puppenkiste als Namensgeber: Gibt es in Augsburg bald eine Lummerlandstraße?

Kommt bald die "Lummerlandstraße"? Für den geplanten Stadtteil Haunstetten-Südwest hat das zuständigen Geodatenamt auf seiner Straßennamen-Vorschlagsliste auch das Thema Augsburger Puppenkiste. Symbolbild: Janina Funk
 
Diese Karte des städtischen Geodatenamtes zeigt die über rund 90 Straßennamen-Themen im Augsburger Stadtgebiet. Foto: Stadt Augsburg, Geodatenamt

Hochzoll und Lechhausen wurden im Jahr 1913 nach Augsburg eingemeindet. Das spiegelt sich auch nach 105 Jahren auf den Straßenschildern wider. Der Grund ist, dass damals der Stadtrat für die beiden neuen Stadtteile östlich des Lechs jeweils ein beherrschendes Straßennamen-Thema festgelegt hatte. Bei Lechhausen ging es um ein vaterländisches Thema und bei Hochzoll um ein topographisches Thema. Im geplanten Stadtteil Haunstetten-Südwest könnte die Puppenkiste Namensgeber werden.

Viele Straßen von Lechhausen wurden nach Schlachtorten, Feldherren und anderen Protagonisten der Befreiungskriege gegen die Franzosen umbenannt. Der Anlass war das 100-jährige Jubiläum dieser siegreichen Befreiungskriege von 1813 bis 1815. So machte man in Lechhausen zum Beispiel aus der "Hauptstraße" die "Blücherstraße" nach dem Generalfeldmarschall.

Aus der "Lechhauser Straße" wurde die "Zugspitzstraße"

Viele Straßen von Hochzoll wurden nach dem Oberland, also dem Allgäu und den bayerischen Alpen umbenannt. Der Auslöser war die in Richtung Oberland führende "Oberländer Straße". So machte man in Hochzoll zum Beispiel aus der "Lechhauser Straße" die "Zugspitzstraße" nach dem höchsten deutschen Berg. Heute besitzt nur ein Dutzend der 111 Hochzoller Straßen einen anderen Namenspaten als das Oberland.

Die Hochzoller sind mit ihrem Straßennamen-Thema zufrieden, denn es erinnert an südliche Ausflugsziele.

Im Stadtteil Bärenkeller stechen zwei Straßennamen-Themen hervor. Nördlich der Bahnlinie findet man 13 Pflanzenarten und südlich der Bahnlinie 33 Vogelarten. Die ersten elf Straßen im südlichen Bärenkeller sollten im Jahr 1935 eigentlich für die nationalsozialistische Propaganda dienen. Aber dem NS-Gauleiter war die neue Siedlung nicht würdig genug für die vorgeschlagenen Bezeichnungen, wie "Straße des 9. November". Ein Straßennamen-Thema der Nationalsozialisten hat allerdings überlebt und sogar einem Stadtquartier seinen Namen gegeben. Die Rede ist vom Nibelungenviertel nach der germanisch-heroischen Nibelungensage. Andere Akzente setzt seit 2007 das Straßennamen-Thema in der ehemaligen Sheridan-Kaserne mit dem einstigen KZ-Außenlager. Dort erinnern zehn der 15 Straßen an NS-Widerstandskämpfer.

Gögginger kämpften um die "Allgäuer Straße"

Früher konnte man sich bei der Orientierung weitgehend auf die Straßennamen-Themen verlassen. So musste eine "Nebelhornstraße" in Hochzoll sein. Insider, wie Taxifahrer, wussten sogar, dass die Oberland-Berge eher in Hochzoll-Süd und die Oberland-Orte eher in Hochzoll-Nord zu finden sind. Aber die Verlässlichkeit der Straßennamen-Themen litt stark unter den Eingemeindungen von Haunstetten, Göggingen, Inningen und Bergheim im Jahr 1972. Damals waren für 219 Straßen andere Bezeichnungen notwendig. Diese Belastung wollte man erstmalig auf neue und alte Stadtteile verteilen.

Mehr als ein Jahr dauerten die Diskussionen wegen den Umbenennungen. Als Ergebnis wurden etliche Straßennamen-Themen zerpflückt. So trauert mancher Alt-Haunstetter noch immer um das Quartett nach dem berühmten Volkslied "Alle Vögel sind schon da". Von der "Amsel-, Drossel-, Fink- und Starstraße" blieb nur die "Starstraße" übrig. Die Gögginger durften nach einem harten Kampf ihre bedeutende "Allgäuer Straße" trotz dem Hochzoller Oberland-Thema behalten. Daraufhin machte man die gleichnamige Straße in Hochzoll zur "Neuschwansteinstraße".

Nach den vier Eingemeindungen von 1972 konnte mit dem Universitätsviertel ein neuer Stadtteil entstehen. Passenderweise hat man auf diesem Gelände des ehemaligen Messerschmitt-Werksflugplatzes die meisten der 28 Straßen für Flugpioniere reserviert. Das Straßennamen-Thema für den im Aufbau befindlichen Innovationspark ergab sich durch ein studentisches Universitätsprojekt. Es lautet "Forschung in gesellschaftlicher Verantwortung". So wurde kürzlich die "Karl-Drais-Straße" nach dem Zweirad-Erfinder eröffnet.

Puppenkisten-Straßennamen in städtischer Vorschlagsliste

Rund 90 Straßennamen-Themen mit mindestens drei Straßen findet man heute in Augsburg. Gespannt sein darf man auf die Themen im geplanten Stadtteil Haunstetten-Südwest. Aber es wird noch mehrere Jahre dauern, bis die städtischen Gremien nach Vorliegen der Bebauungspläne darüber beraten. Vielleicht entscheidet man sich für eine "Urmelstraße", "Jim-Knopf-Straße" und "Lummerlandstraße", denn in der Straßennamen-Vorschlagsliste des zuständigen Geodatenamtes schlummert auch das Thema Augsburger Puppenkiste.

Wilfried Matzke, der Autor des Artikels, leitet das Augsburger Geodatenamt. Diese städtische Vermessungsbehörde ist zuständig für die Adressierung, also die Straßenbenennung und die Hausnummerierung. 
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