"Ein Land der Nichtschwimmer" - Streit um 50-Meter-Becken geht weiter

In Augsburg fehlt ein 50-Meter-Schwimmbecken für Training und Wettkämpfe. Ihrer Forderung haben die Augsburger Schwimmvereine nun Nachdruck verliehen. Foto: Archiv

Der Standpunkt der Schwimmsportvereine ist eindeutig: In Augsburg muss ein 50-Meter-Hallenbecken her. Schwaben ist schließlich der einzige Regierungsbezirk in Bayern ohne eine solche Sportstätte. Im jüngsten Sportausschuss fiel die Reaktion auf das selbstbewusste Auftreten der Vereine sehr unterschiedlich aus - manch eine Stadträtin witterte gar eine reine Wahlkampfaktion. Immerhin: Nun soll die Verwaltung den Vorschlag der Vereine als vierte Variante zusätzlich zu den drei vorhandenen aus einer Machbarkeitsstudie prüfen.

Der Gedanke an Wahlkampf keimte auf, weil die Schwimmvereine gemeinsam mit Wasserwacht und DLRG überraschend scharfe öffentliche Kritik an Sportreferent Dirk Wurm (SPD) übten. Der hatte den Vereinen die drei Varianten aus der Machbarkeitsstudie zur Bädersanierung vorgestellt - aus Sicht der Schwimmer eine Katastrophe, denn zwei Vorschläge sehen gar kein 50-Meter-Becken vor und die dritte Variante koppelt das Becken an den Bau eines Familienbads mit Rutschen, Salzgrotte und Saunalandschaft.

Als nun die Sitzung des Sportbeirats, der großen Einfluss auf die sportlichen Entscheidungen des Stadtrats hat, anstand, in der Wurm eben diese Varianten präsentierte, sahen sich die Vereine zum Handeln gezwungen. So erklärt es Bernd Zitzelsberger. Er ist Sprecher der "Arbeitsgemeinschaft 50-Meter-Hallenbad für Augsburg" und eben auch Ortsvorsitzender der CSU im Stadtteil Pfersee - da liegt der Verdacht freilich nahe, dass der Angriff nicht der Sache, sondern dem Wahlkampf dienen soll.

Doch die Arbeitsgemeinschaft, immerhin 23 Vereine aus Augsburg, Bobingen, Friedberg, Königsbrunn, Landsberg und Stadtbergen, hat starke Argumente für den Bau eines Beckens. Neben der schieren Notwendigkeit für die einzelnen Schwimmsportvereine, denen eine passende Sportstätte fehlt, führen sie vor allem den Schulsport und die Schwimmausbildung ins Feld. Denn: In Augsburg fehlt es tatsächlich an ausreichend für den Schulsport geeigneten Wasserflächen. "Wir entwickeln uns zu einem Land der Nichtschwimmer", warnt Gertrud Nigg-Klee, Bezirksvorsitzende des Bayerischen Lehrerverbands Schwaben. Sie beruft sich auf eine Studie aus dem Jahr 2017, der zufolge 60 Prozent der Zehnjährigen keine sicheren Schwimmer mehr sind. Und auch für die Lehrerausbildung selbst, die das Schwimmen vermitteln sollen, fehlen die Becken. Ähnlich sind die Probleme der Wasserwacht und der DLRG, wie deren Pressesprecherin Dagmar Leeb bestätigt.

"Augsburg braucht ein 50-Meter-Hallenbad!"

Hier könnte das von den Vereinen geforderte 50-Meter-Becken Abhilfe schaffen, ist Zitzelsberger überzeugt. Darum die klare Aussage: "Augsburg braucht ein 50-Meter-Hallenbad!" Auch einen möglichen Standort hat die Arbeitsgemeinschaft dafür ausgemacht, nämlich das Gelände des ehemaligen Sportbeckens am Plärrer, das aufgegeben wurde.

Im Sportausschuss wurde aber deutlich, dass die Stadträte vor einem zusätzlichen Neubau noch zurückschrecken. 25 Millionen Euro könnte der kosten. Referent Wurm favorisiert eher den Ersatz eines bestehenden Hallenbads durch das gewünschte 50-Meter-Becken. Denn die in die Jahre gekommenen Sportstätten müssten ohnehin alle saniert werden. Die Kosten dafür etwa beim Spickelbad belaufen sich auf rund neun Millionen Euro. Diese wurde man sich durch den Ersatz mit einem neuen Hallenbad sparen, so die Rechnung der Stadtverwaltung - zur Wahrheit gehört dabei aber auch, dass dann die Wasserfläche des Spickelbads in der Gesamtbilanz wiederum fehlt, zeigen die Vertreter der Arbeitsgemeinschaft die Schwäche in Wurms favorisierter Variante auf.

Doch neben den Baukosten gibt es da noch den Faktor der laufenden Betriebskosten. Hier will Wurm mit dem Familienbad gegensteuern, das genug abwerfen soll, um den Betrieb der 50-Meter-Halle zu finanzieren. Das Familienbad selbst kostet allerdings nochmal rund 50 Millionen Euro. Doch Saunagarten und Rutschen fanden jedenfalls deutlich mehr Zustimmung bei den Nicht-CSU-Mitgliedern im Sportausschuss. Regina Stuber-Schneider (Freie Wähler), die hinter dem Anliegen der Arbeitsgemeinschaft eine unfaire Wahlkampfattacke vermutete, glaubt fest an den Bedarf für ein Familienbad in Augsburg - "für Augsburger", wie sie betonte. Damit war sie auf einer Linie mit Margarete Heinrich (SPD), die ebenfalls eine Wahlkampfaktion der CSU vermutete. Für sie habe das 50-Meter-Becken keine Vorrangstellung. "Meine Priorität sind die Schulen und die Augsburger Gehwege", klärte sie die übrigen Stadträte im Ausschuss auf. Auch störte sie sich daran, dass sich in der Arbeitsgemeinschaft auch Vereine aus dem Umland befinden. Dann sollten sich auch die Landkreise finanzielle beteiligen, so Heinrich.

CSU-Stadtrat Juri Heiser hielt dagegen und betonte mit seinem Fraktionskollegen Peter Schwab noch einmal den Bedarf für das neue Hallenbad eben auch vonseiten der Wasserwacht und DLRG.

Eine Tendenz war im Sportausschuss demnach noch nicht feststellbar. Für die Schwimmsportvereine ist es zumindest ein Etappensieg, dass nun von der Verwaltung als Variante vier der eigene Vorschlag geprüft werden soll, das 50-Meter-Hallenbad neben dem Plärrer zu errichten. Ende Oktober soll das Ergebnis schriftlich an die Fraktionen gehen, am 6. November dürfen sich dann in einem Bürgertalk die Augsburger selbst im Rathaus zu den Badplänen äußern. Eine grundsätzliche Entscheidung des Stadtrats erwartet Wurm frühestens Ende Dezember.
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