Es werden "Leute in Abos gezwungen" - Augsburger Stadtrat debattiert Tarifreform

Seit Januar gelten für Bus und Tram neue Tarife. Viele Fahrgäste ärgern sich über die Veränderungen. Am Mittwoch debattierte der Augsburger Stadtrat über die Kritik an der AVV-Reform. Foto: Halil Ölmet

Im Augsburger Stadtrat muss sich Stadtwerke-Geschäftsführer Walter Casazza zur Tarifreform einiges an Kritik anhören.

Die Referentenbank, auf der Casazza Platz genommen hat, wird immer mehr zur Anklagebank. Vor allem die Stadträte, die der Tarifreform im vergangenen Jahr nicht zugestimmt haben, konfrontieren den Geschäftsführer der Stadtwerke mit ausführlichen Fragen und deutlicher Kritik. Zwei Stunden dauert die Diskussion. Am Ende der Sitzung am Mittwochnachmittag einigen sich die Beteiligten darauf, dass die Stadtwerke nun schon bis April auswerten sollen, an welchen Stellen der AVV-Reform aus Augsburger Sicht nachgebessert werden muss.

Die Tarifreform des Augsburger Verkehrs- und Tarifverbundes (AVV), verärgert in erster Linie die Fahrgäste in der Stadt. Die Tickets in Augsburgs verteuerten sich für Gelegenheitsfahrer deutlich. Vor allem der Wegfall der Preis-Zonen für Kurzstrecken und Streifenkarten fallen ins Gewicht. Auf vielen Fahrten, auf denen früher einmal stempeln reichte, muss nun zweimal entwertet werden. 

4800 neue Abo-Nutzer in den ersten Wochen

Allem Ärger zum Trotz: 4800 neue Abo-Nutzer könne man seit Anfang des Jahres verzeichnen, berichtet Stadtwerke-Chef Casazza zu Beginn der Diskussion. Das seien 13 Prozent neue Abo-Kunden. Casazza wertet dies als großen Erfolg und als ein Kennzeichen, dass man durchaus auf dem richtigen Weg ist. Denn das Ziel sei ja schließlich, dass Kunden dauerhaft den ÖPNV nutzen - und das, so die Quintessenz des Vortrags, gehe mit einem günstigen Abo-Angebot am besten.

Als "eine Zwangsmaßnahme" bezeichnet Regina Stuber-Schneider von den Freien Wählern dies später in der Sitzung - jenen Vorgang, Tickets für Gelegenheitsfahrer unattraktiver zu machen, um "Leute in ein Abo zu zwingen, das sie gar nicht brauchen".

Alexander Süßmair, vormals die Linke, inzwischen parteilos, findet die 4800 neuen Abo-Kunden als Zahl wenig aussagekräftig. Man wisse ja nicht, wie viele dieser Fahrgäste zuvor mit Zeitkarten unterwegs waren, etwa mit dem durch die Reform abgeschafften Wochenticket oder dem Monatsticket ohne Abo, das nun teuerer ist als vor der Reform. Wenn die 4800 alles Kunden seien, die vorher eine Zeitkarte gehabt hätten, habe man eben nicht mehr Fahrgäste, nur weil man mehr Abos habe, betont Süßmair.

"Zwangsweise über ein Abo nachdenken"

Stuber-Schneider nennt das Beispiel einer Seniorin, die die Straßenbahn für gelegentliche Einkäufe, Arzttermine oder Besuche bei der Tochter nutzt. Durch den Wegfall der Zonen und durch das neue Stempeln nach vier Haltestellen plus Einstieg würden einzelne Fahrten nun so teuer, dass die Frau zwangsweise über ein Abo nachdenken müsse - eben "eine Zwangsmaßnahme".

Dass vier plus eine Haltestelle zu wenig ist für eine Kurzstrecken-Fahrkarte zum Preis von 1,45 Euro, das ist auch Inhalt des Großteils der Beschwerden, die seit 1. Januar bei den Stadtwerken eingehen. 50 Prozent seien zu diesem Thema, erläutert Casazza. Die meisten anderen der insgesamt 300 bis 350 Reklamationen würden sich auf die beiden weggefallenen Fahrkarten, das Wochenticket und die Seniorenkarte, beziehen sowie auf das teure Zustempeln für Abo-Kunden, die über ihre Zone hinaus fahren wollen, und auf den eingeschränkten Fahrkartenverkauf in den Straßenbahnen.

Letzteres beschäftigt vor allem Oliver Nowak (Polit-WG) in dessen Wortmeldung. Seit der Reform verkaufen die Fahrer in der Tram nur noch Einzelfahrscheine - für 2,90 Euro. Wer "schnell mal aufspringen" wolle, sagt Novak, sei gezwungen jenen Preis zu zahlen, auch wenn er eigentlich nur eine Kurzstrecke mitfahren wollte. Zusätzliche Absurdität erlange das Ganze dadurch, dass im Bus - eben anders als in der Straßenbahn - weiterhin auch Kurzstreckentickets gekauft werden können

"Das kommt oberlehrerhaft rüber"

Warum das so sei, möchte Nowak von Casazza wissen. Dieser antwortet mit dem Fahrplan. Ticketverkauf in der Straßenbahn führe oft zu Verzögerungen. "Und das trifft nur auf die 1,45-Euro-Fahrscheine und nicht auf die für 2,90 Euro zu?", fragt der Stadtrat ungläubig nach. Der Stadtwerke-Chef argumentiert nun mit Didaktik: Wer einmal drinnen mehr gezahlt hätte, würde diesen Fehler künftig nicht mehr machen und folglich seine Fahrkarten draußen am Automaten oder mit dem Handy kaufen.

Diese Argumentation komme "oberlehrerhaft rüber", findet Volker Schafitel (Freie Wähler) und Oliver Nowak fordert, über den Ticketverkauf in der Tram abstimmen zu lassen. Dass in Augsburger Straßenbahnen alle Fahrkarten verkauft werden können, "das können wir doch auch ohne den AVV beschließen", sagt er.

Doch soweit kommt es nicht. Am Ende einigt sich der Stadtrat darauf, den Stadtwerken Zeit zu geben, die ersten Ergebnisse der Reform und die Beschwerden der Fahrgäste auszuwerten. Bis April soll das kommunale Unternehmen auch klären, unter welchen Voraussetzungen das Wochenticket wieder eingeführt werden könnte und ob Kurzstreckenticket und Stempelkarte für mehr als nur vier plus eine Haltestelle gelten könnten.

Im Mai möchte der Stadtrat dann über die Ergebnisse der Auswertung abstimmen.

Änderungen in den Tarifen könne man allerdings nicht außerhalb des AVV beschließen, mahnt Casazza. Die Stadtwerke und die Stadt Augsburg könnten Entscheidungen nicht ohne die Zustimmung der anderen Beteiligten treffen. Es sei "alles Sache des AVV". Zudem, so betont bereits ganz am Anfang der Sitzung Zweite Bürgermeisterin und Finanzreferentin Eva Weber (CSU), müsse alles auch finanzierbar bleiben. Ausgangslage in den entscheidenden Gremien sei auch gewesen, dass sich der Zuschuss für den Nahverkehr nicht ändert.

Das sei dann wiederum eine politische Frage, sagt gegen Ende Stefanie Schuhknecht von den Grünen. Für ein 365-Euro-Jahres-Ticket, das rund um die Uhr gelte, also einen Euro pro Tag koste, müsste die Stadt hochgerechnet 8,5 Millionen Euro zur Verfügung stellen.

Bürgerforum zur Tarifreform

Margarete Heinrich (SPD) fordert schließlich noch ein Bürgerforum - eine Art Arbeitskreis, in den auch Fahrgäste ihre Forderungen einbringen können. Dafür erhält sie auch von der CSU Zustimmung.

Und Stadtwerke-Chef Casazza verspricht mit Blick auf April/Mai: Sobald die Auswertungen abgeschlossen sind, "mache ich auch gerne dieses Bürgerforum."
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