Müssen die Bahnfahrer im Regen stehen? Diskussion um zu kurze Dächer am Hauptbahnhof

Bereits zur Eröffnung des Bahnsteigs F war offensichtlich: Das Dach ist zu kurz und überdeckt nur einen zu kleinen Abschnitt. Foto: Markus Höck


Nieselregen, Dezemberwind - eine Gruppe Männer drängt sich in einen verglasten Unterstand. Es ist die Eröffnungsfeier des Bahnsteigs F und ein Makel des neuen Bauwerks ist für alle offensichtlich: Das Dach ist zu kurz.

Der Bahnsteig F wurde vor knapp einem Jahr fertiggestellt, damit die Untertunnelung des Hauptbahnhofs trotz laufenden Betriebs ohne größere Behinderungen ablaufen kann. Und der Bahnsteig F ist gewissermaßen die Blaupause für die Umgestaltung der bestehenden Bahnsteige und somit der Dächer. 40 Prozent kürzer sollen die neuen sein. Konkret wären es dann 190 statt 280 Meter - zu kurz nicht nur für das Empfinden der Freien Wähler. Deren Stadtrat Volker Schafitel hat nun beantragt, dass die geplanten Verkürzungen der Dächer zurückgenommen werden. Auch mit dem Dachmodell "Zwiesel" ist er nicht einverstanden. "Das Billigmodell Zwiesel bietet nur einen begrenzten Wetterschutz, was bei der Hochlage des Augsburger Bahnhofs, seinen schmalen Bahnsteigen und seiner schutzlosen Öffnung gegen die Hauptwetterrichtung Westen kaum einen Schutz bietet", argumentiert Schafitel.

Immerhin investiert die Bahn 100 Millionen Euro in den Umbau des Augsburger Hauptbahnhofs. Umso unverständlicher ist für Schafitel die Kürzung der Bahndächer. "Allgemein wird in unserem Rechtssystem bei Änderungen von einem Bestandsschutz ausgegangen", sagt Schafitel. Die DB aber definiere den Bedarf der Reisenden nach völlig abstrakten, katalogisierten Kriterien und begründe so den Abbau von bestehender Infrastruktur. Besonders stört ihn, dass die Bahnsteighalle an Gleis 1 abgebrochen werden soll. Diese Halle aus den 1980er-Jahren ließe sich problemlos für die geplanten Aufzüge anpassen, ist Schafitel überzeugt. Er verlangt von der Stadt, dass sie sich gegen diese Planungen stellt. Fraglich ist freilich, wie viel Einfluss die Stadt auf die Bahn in dieser Frage überhaupt nehmen kann.

Aber Kritik an der Vorgehensweise der Bahn übte jüngst auch Bayerns Verkehrsminister Hans Reichhart. Diese Kritik greift nun SPD-Landtagsabgeordneter Harald Güller in einem Schreiben an den Verkehrsminister auf. Die Position Reichharts in Bezug auf die durch die Deutsche Bahn geplante Verkürzung von Bahnsteigdächern begrüße er ausdrücklich. "Auch, dass die Verkehrsministerkonferenz nun beschlossen hat, dieser Position zu folgen, ist ein Schritt in die richtige Richtung", so Güller. Eine mangelnde Überdachung von Bahnsteigen mindere schließlich nicht nur die Aufenthaltsqualität an Bahnhöfen, sondern habe noch weitere Nachteile. Dabei erinnert er Reichhart daran, dass auch "beim Um- und teilweisen Neubau der Bahnsteige am Augsburger Hauptbahnhof nur noch verkürzte Bahnsteigdächer vorgesehen" sind - "ein Schildbürgerstreich erster Rangordnung!", ordnet Güller die Planung ein. Denn: "Über Augsburg verkehren auch zahlreiche ICE-Verbindungen in Doppeltraktion. Je nach Platzbuchung und Wagenreihung müssen somit manche Fahrgäste im Regen warten sowie ein- und aussteigen, oder hektisch nach Einfahrt des Zuges im Regen zu ihrem Wagen außerhalb der Überdachung eilen", argumentiert der SPD-Abgeordnete. Ähnlich sieht es für die Verbindungen des Fugger-Express aus, deren Zugteile in Augsburg getrennt werden und weiter Richtung Ulm beziehungsweise Donauwörth fahren.

"Diese völlig realitätsferne Richtlinie der DB Station&Service für künftig kürzere Bahnsteigdächer dient ausschließlich der kurzfristigen Kosteneinsparung", vermutet Güller und verlangt, "den Fehler von verkürzten Bahnsteigdächern noch zu verhindern".

Unterstützung erhält Güller vom CSU-Bundestagsabgeordneten Volker Ullrich. Er wendet sich in einem Brief an den Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer. Dieser solle auf die DB Station und Service AG der DB einwirken, damit die Dächer an den Bahnsteigen im Zuge des Umbaus des Augsburger Hauptbahnhofes verlängert werden. "Die Festlegung der Dachlängen ist nicht mehr sachgerecht. Sie wurden zu einer Zeit festgelegt, als Augsburg weniger Einwohner zählte und auch der Deutschlandtakt noch nicht bestand. Eine Umplanung ist zwingend erforderlich", erklärt Ullrich.

Die Bahn selbst befindet sich hier offenbar in einer Zwickmühle, denn für die Bahndächer gibt es Fördermittel vom Bund. Die Höhe der Förderung richtet sich nach der Zahl der Fahrgäste: In Augsburg sind es etwa 45 000 Personen, die den Hauptbahnhof benutzen - für längere und bessere Dächer reicht das nach den Bahnrichtlinien offenbar nicht.
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