Rückkehrberater treffen sich in Augsburg: Warum für viele Flüchtlinge der Weg zurück so schwierig ist

Friederike Stahlmann, Gutachterin zu Afghanistan, sagt: "Die Taliban können jederzeit an einem anderen Ort zuschlagen." Foto: Caritas/Bernhard Gattner

Wer über Afghanistan, Syrien und den Irak spricht, verbindet damit Bürgerkrieg, Terror, unsägliches Leid, Vertreibung, Flucht und dass es keine stabilen Strukturen für Bildung und Arbeit gibt. Trotz dieser schwierigen Situation zuhause entscheiden sich immer wieder Flüchtlinge und Asylbewerber aus diesen drei Ländern zur Rückkehr. Rückkehrberatungsstellen der Caritas, der Diakonie, des Roten Kreuzes und anderer Organisationen in der Europäischen Union helfen ihnen dabei mit Beratung und finanzieller Unterstützung.

Rückkehrberatung kann nur so gut sein, wie gut die Berater über die Herkunftsländer informiert sind. Das Projekt Transnational Exchange IV hat deshalb unter Federführung des Caritasverbands für die Diözese Augsburg Rückkehrberater aus verschiedenen EU-Staaten nach Augsburg eingeladen. An drei Tagen hatten 38 Berater aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Dänemark, Schweden, Belgien und den Niederlanden Gelegenheit, sich mit Länderexperten auszutauschen, Zusammenhänge erklären zu lassen und sich auf einen gemeinsamen Informationsstand zu bringen.

Allein in Deutschland lebten in 2018, so das Bundesamt für Migration auf seiner Homepage, rund 770 000 Syrer, 245 000 Iraker und 117 000 Afghanen. In den Irak gingen im vergangenen Jahr 1834 Menschen zurück, nach Syrien 373. Nach Afghanistan kehrten 2018 so wenige zurück, dass das Bundesamt sie nicht eigens erwähnt. Die Zentrale Rückkehrberatung Süd- und Südostbayern meldet dagegen für das vergangene Jahr 81 Ausreisen nach Afghanistan. In den Irak wollten 57 Personen, nach Syrien niemand.

Afghanistan, in das die Bundesrepublik immer wieder abschiebt, wird nach wie vor von Terroranschlägen geplagt. Die UN-Kommission für Menschenrechte betont, dass im vergangenen Jahr 3800 Zivilisten, darunter mehr als 900 Kinder, durch Terroranschläge zu Tode kamen. 7189 wurden verletzt. Friederike Stahlmann, die selbst in Afghanistan lebte und als Gutachterin für Gerichte tätig ist, sagte, wer glaube, es gebe sichere Zonen in dem Land, der täusche sich. "Die Taliban können jederzeit an einem anderen Ort zuschlagen. Sie wissen Bescheid, wer nach ihrer Auffassung nicht dazugehört, nicht mit ihnen zusammenarbeitet. Sie haben ein dichtes Informationsnetz und arbeiten mit lokalen Milizen zusammen. So können sie ihre Macht und ihren Einfluss ohne Rücksicht auf Zivilisten, Frauen oder Kinder unkontrolliert ausüben."

Egal, wo sich ein Rückkehrer in Afghanistan bewege, die Taliban erführen davon. Wer in sein Heimatland Afghanistan zurückkehre, der stehe zunächst einmal unter dem Verdacht der Verwestlichung. "Das kann das Todesurteil bedeuten", so Stahlmann. Auch für Freunde und Familienangehörige. Friederike Stahlmann beobachtete, dass jene, die nach ihrer Rückkehr ständiger Lebensgefahr ausgesetzt seien, sich wieder auf den Weg in Nachbarländer wie den Iran machten.

Zur Sicherheitslage in Syrien hat sich auch der Präsident des Deutschen Caritasverbands, Prälat Peter Neher, geäußert. Er hält es für "völlig unakzeptabel, davon auszugehen, dass inzwischen eine Rückkehr nach Syrien möglich ist". Neher weist darauf hin, dass die Sicherheitslage weiterhin "hochgradig instabil" sei und nach wie vor eine weitere Eskalation drohe. Damit sprach er sich gegen die aktuelle Auffassung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge aus, das die Meinung vertritt, in Syrien herrsche mit Ausnahme der Provinz Idlib kein bewaffneter Konflikt mehr.

Dennoch werden Rückkehrberatungsstellen zunehmend auch von Syrern angefragt, die freiwillig heim möchten. Sie haben oft eine unklare Perspektive in Deutschland und leiden unter der Trennung von Familienangehörigen, weil Verfahren zum Familiennachzugs oft Jahre dauern.

Simon Jacob, syrisch-orthodoxer Christ, der in Augsburg aufgewachsen ist und sich heute als Friedensaktivist engagiert, bot einen historischen Einblick in die innere Zerrissenheit des Landes. In verschiedenen Teilen Syriens sei ein geregelter Alltag noch nicht möglich, da entweder der bewaffnete Konflikt schwele oder die zerstörte Infrastruktur einer Rückkehr entgegenstehe. Er rät Syrern, die vor ihrer Flucht politisch aktiv oder Journalisten waren, von einer freiwilligen Rückkehr ab.

Im Irak stellt sich die Situation wieder anders da. Rückkehrer stehen dort, so Karin Köcher, nicht unter dem Verdacht, das Land oder die Religion verraten zu haben: "Sie werden akzeptiert." Köcher arbeitet für das European Technology and Training Centre ETTC und kennt den Arbeitsmarkt im Irak genau. Das Problem der Rückkehrer sei in der "ineffizienten Wirtschaftsstruktur" und der niedrigen Bildungsquote gegeben. 38 Prozent der Bevölkerung hätten gar keine Ausbildung. Hinzu komme das starke Bevölkerungswachstum mit einer Geburtenrate von 4,5 Kindern pro Frau.

Neben wirtschaftlichen Herausforderungen leidet auch der Zentralirak unter Terroranschlägen und einer instabilen Sicherheitslage. Daher entscheiden sich vor allem Nordiraker für die Heimreise. Die autonome Region Kurdistan gilt als relativ sicher und bietet Chancen für einenUnklar beruflichen Wiedereinstieg. (
Von Bernhard Gattner)
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