Theater: Wer hat Schuld am Kostendesaster?

Ein gläsernes Orchesterprobengebäude sollte Besuchern die Möglichkeit geben, den Musikern beim Proben zuzusehen. Das Gebäude wird nach aktuellen Plänen in der Form jedoch nicht realisiert. Foto: Visualisierung © form 3d-AAA
 
Noch im Plan: Für die Sanierung des Großen Hauses rechnen die Planer weiterhin mit Kosten von 113 Millionen Euro. Derzeit sind 25 Prozent der Aufträge schon ausgeschrieben. Foto: Archiv

Strukturiert, sinnvoll, sauber - das alles seien die Pläne für das Augsburger Staatstheater aktuell nicht, so die Kritik von Volker Schafitel (Freie Wähler), die in ihrer Wortwahl noch milde ausfällt. Und es bleibt freilich nicht die einzige Rüge, die die Mitglieder des Gremiums der Stadtregierung, der Stadtverwaltung und dem zuständigen Architekten Walter Achatz erteilen. Auch zwischen der Stadt und Achatz scheint die Stimmung angespannt zu sein. Rund vier Stunden lang dauert die Diskussion um das nun wohl deutlich teurere Theater.

Erst vor wenigen Tagen war bekannt geworden, dass die bisher kalkulierten Kosten für das Theater nicht eingehalten werden können. Während die Sanierung des Großen Hauses mit 113 Millionen Euro aktuell weiter im Plan liegt, würde der geplante Neubau für eine zweite Spielstätte, Werkstätten, Probebühnen und Lagerflächen nach derzeitiger Prognose 125 Millionen Euro kosten. Bislang war von 72 Millionen Euro die Rede gewesen, das Limit, das die Stadt gesetzt hatte, liegt bei 80 Millionen Euro. Daher wurde nun eine abgespeckte Variante 2 für 92 Millionen Euro erarbeitet, die unter anderem vorsieht, auf das gläserne Orchesterprobengebäude, eine Probebühne und einen großen Teil der Lagerflächen zu verzichten. Zudem gibt es eine Untervariante 2a, der zufolge das "Neue Haus", wie die zweite Spielstätte auch genannt wird, vorerst gar nicht gebaut werden soll, sondern erst in zehn Jahren. Das würde zwar jetzt rund 11 Millionen Euro sparen und damit die Kosten unter den geforderten Deckel drücken, eine spätere Realisierung würde jedoch womöglich aufgrund der Baukostensteigerung mit 22 Millionen Euro zu Buche schlagen.


"Wir machen jetzt unter dem Stress der Kosten irgendwelche Pläne und nehmen irgendetwas weg. Das sind keine kleinen Korrekturen, sondern einschneidende Maßnahmen", sagt in der Sitzung Volker Schafitel, der selbst als Architekt arbeitet, und resümiert: "Das jetzt ist - ich sag es mal Augschburgerisch - ein Gewurschtel." Oberbürgermeister Kurt Gribl wehrt sich gegen diesen Vorwurf: "Wir wurschteln uns nicht durch. Es ist unser Auftrag, aufzuzeigen, wie man mit diesem Zwischenergebnis nun umgeht."


Für die abgespeckte Variante 2 habe man sich mit dem Staatstheater zusammen gesetzt und gemeinsam überlegt, "wo wir reduzieren können, ohne die Funktionalität zu gefährden", berichtet Kulturreferent Thomas Weitzel. Ergebnisse aus dem Bürgerbeteiligungsprozess seien aber weiterhin im Plan.


Warum hingegen so manch anderer Plan nun korrigiert werden musste, verteidigt Achatz. Ein entscheidender Grund sei der gestiegene Grundwasserspiegel, durch den das vierte Untergeschoss zur Hälfte im Wasser stehen und deutlich teurer werden würde. In der Variante 2 habe man deshalb ganz auf die Etage verzichtet, die als Lagerfläche fungieren sollte. Auf die kritische Nachfrage aus dem Stadtrat, warum dieser Umstand erst jetzt bekannt sei, erklärt der Architekt, der Wasserspiegel sei in den vergangenen Jahren um eineinhalb Meter gestiegen. Zum Zeitpunkt des ursprünglichen Entwurfs sei das nicht absehbar gewesen.


Ein weiterer Grund ist die sogenannte Versammlungsstättenverordnung. Dadurch, dass der große Neubau auch die zweite Spielstätte enthalten sollte, wäre das Gebäude unter diese Verordnung gefallen, mit der deutlich teurere Brandschutzmaßnahmen einhergehen. Stattdessen soll das "Neue Haus" nun an der prominenten Stelle zwischen Großem Haus und Volkhardstraße entstehen, die ursprünglich für ein großes Orchesterprobengebäude gedacht war. Dieses sollte mit einer gläsernen Fassade den Bürgern einen Einblick in die Arbeit des Theaters bieten und ein Stück zeitgenössischer Architektur auf dem neuen Theatergelände darstellen.


Wieso nicht früher erkennbar war, dass für den Neubau diese Verordnung greift, will Verena von Mutius (Grüne) wissen. Denn die Gesetzeslage habe sich nicht geändert. Während laut Achatz die Versammlungsstättenverordnung "einem Interpretationsspielraum" unterliege und die Planungen eben Zeit bräuchten, übt Norbert Reinfuss, der Projektleiter der Stadt, deutliche Kritik am Architekten: "Der Brandschutz wurde parallel zu den Plänen untersucht. Man hätte in manchen Punkten einfach früher sagen müssen, dass es ein Problem gibt." Baureferent Gerd Merkle versucht schließlich, die erhitzten Gemüter zu beruhigen. "Wir sind erst in der Planungsphase", stellt er klar. "Ich komme mir ein bisschen so vor, als wären wir schon im Bau und hätten einen Schaden in Millionenhöhe."


Auch wenn bislang kein Schaden entstanden ist, viele Stadträte fordern nun, die Planungen so anzupassen, dass man wieder unter dem zuvor festgesetzten Limit von insgesamt 186 Millionen Euro liegt. "Die Stadt braucht ein Staatstheater", sagt etwa Bernd Kränzle (CSU). "Aber der Kostendeckel muss eingehalten werden." Dieser Meinung ist auch SPD-Fraktionschef Florian Freund. Auch die aktuelle Beschlussvorlage zur Theatersanierung gebe 186 Millionen Euro vor, argumentiert er.


Ein neuer Beschluss sei derzeit auch nicht notwendig, sagt Merkle. In der Sitzung gehe es nur darum, die Stadträte über die aktuelle Prognose in Kenntnis zu setzen. Architekt Achatz solle nun die Planungen vorantreiben. Sobald es etwas Neues gebe, werde der Stadtrat informiert, dann könne man erneut diskutieren, schildert er das weitere Vorgehen. Das wird allerdings dauern. Voraussichtlich in einem halben bis dreiviertel Jahr sollen konkrete Berechnungen zur aktuellen Prognose vorliegen. 
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.