Warum manche Menschen zwei Meter, andere zwei Zentimeter verdienen

  „Wer ist der größte Lügner im ganzen Land? Der Durchschnitt! Im Durchschnitt geht es den Deutschen nämlich sehr gut. Aber der Durchschnitt verschweigt die Armut und versteckt den Reichtum“, so begann der finanzpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag, Lothar Binding, seinen Redebeitrag bei der Diskussion der Bundestagsabgeordneten Ulrike Bahr im Augsburger Hollbau.

Ulrike Bahr führte zunächst ins Thema „Steuern, Steuerflucht und Verteilungsgerechtigkeit“ ein: „Die 45 reichsten Menschen in Deutschland besitzen so viel, wie die ärmere Hälfte der gesamten Bevölkerung. Und anders herum: Die reichsten fünf Prozent verfügen über mehr als die Hälfte des gesamten Vermögens, so eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Ist das noch eine soziale Marktwirtschaft?“ Dann übergab sie das Wort an Lothar Binding, der seit 20 Jahren im Bundestag für eine gerechtere Steuerpolitik kämpft.

Er ist ein genialer Dozent, er kann komplexe schwierige Sachverhalte gut, verständlich und dabei aber höchst unterhaltsam wiedergeben. Seine Hilfsmittel sind eine Flipchart mit anfangs noch weißen Blättern und ein roter Meterstab. Auf diesem zeigt er, wie eklatant die Unterschiede zwischen arm und reich zum Beispiel in einem deutschen Unternehmen sind: „Wenn in einem Unternehmen die Leute im Durchschnitt vier Zentimeter verdienen, also die Klofrau vielleicht zwei Zentimeter und die Ingenieurin acht Zentimeter, dann verdienen die Manager 50 mal so viel, nämlich zwei Meter!“ 80 Prozent aller Vermögen in Deutschland seien Erbschaften, erläuterte Binding. „Da erbt dann womöglich ein Kind, was 3.000 Arbeiter und Angestellte in den letzten 20 Jahren erwirtschaftet haben – so ist unsere Gesetzeslage – aber ist das gerecht? “ Binding erwähnte auch, dass unmittelbar nach dem Krieg die Steuer für die sehr Reichen bei 90 Prozent gelegen habe. „Und, stellen Sie sich vor, keiner hat deswegen damals das Land verlassen. Wir sollten uns von Drohungen, dass die superreichen Deutschen auswandern würden, nicht einschüchtern lassen!“, so Binding. Es gebe eine „unanständige Diskrepanz“ im Land zwischen arm und reich, so der Finanzpolitiker. Das durchschnittliche Jahreseinkommen liege in Deutschland bei 30.000 Euro. „Es gibt aber viele Menschen in Deutschland, die verdienen 50.000 Euro am Tag!“

Wie die großen Unternehmen mit Tricks Steuerzahlungen vermeiden, beschrieb Binding eindrücklich. Die Unternehmen gründen Tochterfirmen in Steueroasen oder verlegen den Sitz ihrer Zentrale dorthin. Sie verschieben die Kosten für Lizenzen, Zinsen oder Leistungen zwischen den Unternehmensteilen in verschiedenen Ländern. Die Gewinne fallen damit dann nicht in Deutschland, sondern in Steueroasen an und werden dort nur minimal besteuert. Das führt dazu, dass Unternehmen wie Apple, Google, Amazon oder IKEA in Deutschland so gut wie keine Steuern zahlen. Im Anschluss an den Vortrag von Binding schloss sich eine lebhafte Diskussion an. Viele Teilnehmer formulierten hinterher ihre Begeisterung für den lebendigen aufschlussreichen Vortrag.
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