Wie geht es Augsburgs Prostituierten? Ausschuss zieht Bilanz nach eineinhalb Jahren Prostituiertenschutzgesetz

22 Prozent der Befragten arbeiten in Laufhäusern. 61 der Befragten (19 Prozent) sind in Terminwohnungen, 46 in FKK-Clubs. Im klassischen Bordell arbeiten 21 Prostituierte, vier sind Escort-Damen, zehn bezeichnen sich als Dominas (Symbolbild). (Foto: stockcrafter, 123rf.com)

Im Juli 2017 trat deutschlandweit das Gesetz zum Schutz der in der Prostitution tätigen Personen, kurz Prostituiertenschutzgesetz, in Kraft. Seitdem benötigen im Gewerbe Tätige eine Arbeitserlaubnis und müssen sich bei der Ordnungsbehörde registrieren lassen. Dazu gehört ein verpflichtendes Beratungsgespräch, unter anderem zu Gesundheitsfragen. Jetzt wurde eine erste Bilanz im Ordnungsausschuss der Stadt Augsburg erörtert.

Aktuell gibt es in Augsburg 27 genehmigte Prostitutionsstätten an 25 Standorten. Sie benötigen eine gebührenpflichtige Erlaubnis und werden regelmäßig kontrolliert. Gut 100 000 Euro wurden im Jahr 2018 durch Erlaubnisgebühren eingenommen.

Im Zuge des neuen Antragsverfahrens mit zahlreichen Auflagen gaben zwölf Betreiber ihren Betrieb auf. Drei klagten wegen der Auflagen vor dem Verwaltungsgericht gegen die Stadt, man einigte sich auf einen Vergleich.

Zwei Sozialarbeiterinnen und eine Ärztin beraten in Augsburg die Prostituierten. Die Stelle für die in Teilzeit tätigen Sozialarbeiterinnen wurde aufgrund des Gesetzes neu geschaffen. Anfangs, berichteten sie im Ordnungsausschuss, hätten sich die Prostituierten eher abwartend verhalten, zumal bis Jahresende 2017 eine Übergangsregelung galt. Nach deren Ablauf wurden die Beratungstermine jedoch stark nachgefragt. Wie hat so eine Beratung abzulaufen? Bis heute fehlen dazu noch Vorgaben des Freistaats.

In Laufhäusern arbeiten ausschließlich ausländische Prostituierte

Innerhalb eines Jahres haben sich im Augsburger Gesundheitsamt 329 Prostituierte zur Erstberatung gemeldet. 320 davon sind Frauen, neun bezeichnen sich als Transgender. 85 Prozent der Prostituierten stammen aus dem Ausland, die meisten, 144, aus Rumänien. 29 kommen aus Thailand, 25 aus Ungarn, 19 aus Bulgarien. Lediglich 50 (15 Prozent) sind Deutsche.

Die Prostituierten konnten freiwillig berichten, in welcher Form und wo sie tätig sind. 270 Frauen äußerten sich dazu. Im Ergebnis sind die meisten, allerdings keine einzige Deutsche, in einem sogenannten Laufhaus aktiv. In derartigen Häusern mieten sich 74 (22 Prozent) der befragten Dirnen ein Zimmer.

61 (19 Prozent) sind in Terminwohnungen, 46 in FKK-Clubs. Im klassischen Bordell arbeiten 21 Prostituierte, vier sind Escort-Damen, zehn bezeichnen sich als Dominas.

Die meisten Dirnen, nämlich 63 Prozent, sind krankenversichert. Die 116 ohne Absicherung stammen alle aus dem Ausland, meist aus Rumänien. Die Hälfte der Frauen hat keine Berufsausbildung. Sieben Prozent haben eine Berufsausbildung und ein Studium, fünf Prozent ein Studium. Die meisten der 43 Prostituierten mit Uniabschluss haben Wirtschaft, Jura, Lehramt, Naturwissenschaften sowie Medien- und Kommunikation studiert. 23 Dirnen mit akademischem Abschluss stammen aus Rumänien, fünf aus Deutschland, diejenigen mit abgeschlossener Berufsausbildung gaben zu 17 Prozent einen medizinischen Beruf wie Arzthelferin, Krankenschwester und pharmazeutisch-technische Assistentin an. 14 Prozent haben eine Ausbildung im Friseur- und Kosmetikbereich, elf im kaufmännischen, acht Prozent in Erziehung und Pflege.

Die meisten befragten Frauen sind zwischen 30 und 45 Jahre alt (37 Prozent) sowie 21 bis 29 (35 Prozent). Jünger als 21 sind neun Prozent, älter als 60 vier Prozent, die älteste ist 68 Jahre alt. Die Hälfte der Frauen sind Mütter, eine hat sogar acht Kinder. 86 Dirnen erzählten, sie hätten keinen Arzt, bei dem sie sich regelmäßig untersuchen lassen, 220 lassen sich durchchecken, 23 beantworteten die Frage nicht. Insgesamt berichteten die Beraterinnen, dass 91 Prozent der Frauen aktiv die Gesprächsmöglichkeit genutzt hätten und nur 27 Prostituierte diese eher passiv über sich ergehen ließen. Nur eine Dirne habe der Beratung völlig ablehnend gegenüber gestanden. Obwohl die Prostituierten die gesundheitliche Beratung im Vorfeld oft als lästige Pflicht oder gar Zwang empfunden hätten, habe es anschließend meist positive Resonanz gegeben. Geschätzt wurde die Möglichkeit, vertraulich und anonym heikle oder ungewöhnliche Fragen stellen zu können.

Weil manche Prostituierten von sich aus berichteten, wie es ihnen mit dem Job geht, wurde Mitte Februar 2018 beschlossen, den Punkt Aversion gegen die Prostitution mit aufzunehmen.

Seitdem berichteten 23 Prostituierte, dass ihnen die Ausübung missfällt. Allgemein ist die Frustration groß, weil Kunden sehr häufig nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr fragen, und sich besonders Frauen ohne deutsche Sprachkenntnisse schwer tun, dergleichen abzulehnen. Insgesamt, so das Fazit, herrsche bei den Prostituierten ein negatives Gesamtbild des männlichen Geschlechts vor und einige wünschten sich mehr Aufklärungskampagnen für Kunden: Diese hätten die gesundheitliche Beratung wesentlich nötiger, sagen die Prostituierten.
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Lenius Wehrle aus Augsburg - City | 23.03.2019 | 14:28  
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