Der Sandmann: Aichacher Viktor Reger übersteht den härtesten Lauf der Welt

Knapp 61 Stunden läuft der Oberbernbacher Viktor Reger insgesamt durch die Sahara. (Foto: Viktor Reger)
 
Die Wanderstöcke halfen Viktor Reger über die Anstiege hinweg. (Foto: Viktor Reger)
 
Von der spektakulären Wüstenkulisse, sagt Reger, habe er oft nichts mitbekommen. Zu sehr sei er auf den beschwerlichen Etappen mit sich selbst beschäftigt gewesen. (Foto: Viktor Reger)

Ein rastloser Mann streift in tiefster Nacht durch die Gänge seines Hotels im marokkanischen Ouarzazate. Während er wandert, trägt er in seinem Kopf einen Kampf aus, in dem er mit sich selbst ringt. Dabei müsste er doch so dringend schlafen. Viktor Reger, so heißt der Hoteldurchstreifer, will schließlich tags darauf in die Wüste aufbrechen, um den Marathon des Sables, den Sandmarathon, zu absolvieren. Oder will er doch nicht? Jetzt, so kurz vor dem Start des 250-Kilometer-Rennens quer durch die unwirtliche Weite der Sahara, ist das plötzlich gar nicht mehr so klar.

"Ich hatte eine komplette Blockade", erzählt Reger nach seiner Rückkehr. "Die Schlaflosigkeit hat mich eingenommen, ich hatte fast schon Panikattacken." In Ouarzazate packt Reger seinen Koffer. Nur einen Flug kann er nicht buchen, das einzige Reisebüro der Stadt hat bereits geschlossen. Und so wandelt der Oberbernbacher über die Flure. "Ich konnte nicht zurück ins enge Zimmer", erinnert er sich. Warum ihn diese Angst ergriff, kann er sich bis heute nicht erklären. 

Als am Morgen die ersten anderen Starter aus ihren Zimmern kommen, ist für ihn "zu 100 Prozent klar, dass ich nach Hause fliege". Dann aber schießt Reger eine Erinnerung in den Kopf. Er denkt zurück an eine Bergtour, die er kurz vor dem steilen Gipfelanstieg aufgegeben hat. Seine Begleiter meisterten den Aufstieg, Reger blieb "mit einem Drecksgefühl", wie er es nennt, zurück. Ein Gefühl, dass er nicht nochmal braucht. Er steigt in den Bus in die Sahara. 

Auf einem Plateau ist kreisförmig das Lager errichtet, das in den kommenden Tagen das Zuhause der mehr als 800 Sandläufer sein wird. Mit sieben anderen Deutschen bezieht Reger das Zelt mit der Nummer 16. Schlafen kann er wieder nicht. Immerhin deutet sich tags darauf an, dass die Temperaturen nicht besonders heiß ausfallen sollten, zwischen 25 und 35 Grad werden es letztlich sein.

Der 38-Jährige wird derweil, wie alle anderen Starter, medizinisch durchgecheckt. Er erhält ein GPS-Gerät und eine Wasserkarte, auf der die täglichen Rationen dokumentiert sind. Dann muss Reger seinen Koffer abgeben. Es bleibt der etwa zehn Klio schwere Rucksack mit dem trockengefrorenen Essen, dem Kocher, seinem Schlafsack, seiner Jacke, dem Schlangenbiss-Set und der Stirnlampe. Nach einer weiteren Nacht, in der Reger kaum ein Auge zubekommt, startet der wohl härteste Lauf der Welt. 

Anhand eines Hefts mit den Etappenkarten zeichnet der Schreiner die Strecken nach, die er in der Sahara zurückgelegt hat. Der erste von sechs Abschnitten führt über 32,2 Kilometer. Es läuft gut, findet Reger, "so, wie ich es mir erträumt habe". Er überquert einen ausgetrockneten See und steinige Ebenen, an den Anstiegen zahlen sich seine Wanderstöcke aus. Regelmäßig gießt er Wasser über seine Mütze mit den seitlichen Sonnensegeln an Schläfen und Hinterkopf. Nur gegen den Sand, der durch die Wüste weht, ist nichts zu machen. Selbst Gamaschen halten die Körnchen nicht davon ab, sich zwischen Ferse und Schuh einzunisten und Blasen zu verursachen, die Reger sich im Lager behandeln lässt. 

Im Autopilot über die Dünen

Eigentlich könnte jetzt doch trotzdem alles gut sein - ist es aber nicht. Wieder ist Reger schlaflos in der Sahara. Dennoch startet er auf der zweiten Etappe, legt eineinhalb Kilometer zurück. "Und dann kamen die Dünen." Die Tonlage, in der er den Satz äußert, lässt ahnen, welche Qualen die Sandhügel mit sich brachten. Wer schon einmal länger durch Tiefschnee gelaufen ist, hat eine ungefähre Vorstellung. Über 13 Kilometer erstrecken sich die Dünen, "hässlich und doch so schön", wie Reger zwiegespalten beschreibt. Er wird an die Grenzen seiner Belastbarkeit stoßen. 

"Geschockt" sei er davon gewesen, dass eine derartige Schikane bereits an Tag zwei lauert. Plötzlich schwant ihm, dass das Zeitlimit von elf Stunden für die Etappe alles andere als großzügig bemessen ist. Reger kämpft gegen die Hitze, gegen den Wind und den Sand, den der Wind verteilt, versucht, die Blasen an seinen Füßen auszublenden, genauso seinen Rucksack, den er, so sagt er, "völlig unterschätzt hat". Von seiner Umgebung bekommt der 38-Jährige schon lange nichts mehr mit. Er schaltet in eine Art Autopilot.

Wie er die Dünen letztlich meistert, kann er dementsprechend nicht mehr wirklich erklären. Nur, dass er kurz darauf mit Magenkrämpfen medizinisch betreut werden muss. Ferngesteuert wie er war, hatte er vergessen, zu trinken und seine Salztabletten gegen den Mineralienverlust zu nehmen. 45 Minuten, vier Tabletten und eine Flasche Wasser später kehrt er auf die Strecke zurück. Reger läuft, stemmt sich gegen die Zeit und das drohende Ausscheiden. Zehn Stunden nach dem Start erreicht er schließlich das Lager. Im Zelt legt er sich auf die Seite - und schläft bis zum Morgen durch. 

Entsprechend "einfach" empfindet der Oberbernbacher den dritten Abschnitt, der 36,9 Kilometer umfasst. Reger, der mittlerweile der mehr als 500 Mann starken Gruppe der Marschierer angehört, merkt: "Ich kann's finishen." Diese Erkenntnis ist wichtig, weil tags darauf die Doppeletappe über 76,3 Kilometer ansteht. 36 Stunden Zeit haben die Läufer, um sie zu bewältigen.

Als "machbar, aber immer hart an der Grenze", bewertet Reger die Herausforderung. An Checkpoint vier, nach 50,9 Kilometern, schläft Reger zwei Stunden lang. Danach bricht er alleine auf in die stockfinstere Saharanacht. 

Viele hätten vom meditativen Charakter geschwärmt, den der Lauf durch Stille und Dunkelheit habe.

"Mich hat's gestresst", erwidert der 38-Jährige. Er hat nur eine Sonnenbrille mit Sehstärke dabei, nicht aber seine Brille. Durch die getönten Gläser erkennt er in der Finsternis gerade so, was seine Stirnlampe unmittelbar vor ihm sichtbar macht. Der Schreiner orientiert sich an Leuchtfackeln, die von Hügeln aus flimmernd den Weg weisen. Das führt dazu, dass Reger Anhöhen erklimmt, die er eigentlich gar nicht erklimmen muss. 

27 Stunden lang alleine durch die Wüste

Reger ist alleine. Wie insgesamt fast 27 Stunden lang während der Etappe. Er habe, erzählt er, "an jeden gedacht, den ich kenne". Nur eines kommt ihm nie in den Sinn, versichert der 38-Jährige: aufgeben. "Aber ich habe mich schon des Öfteren hinterfragt: Warum machst Du das? Was gibt dir das?" Wenn aber morgens die Sonne sich ihren Weg über die Dünen bahnte, die grau-karge Umgebung mit Licht flutete und in eine eindrucksvolle Kulisse verwandelte, den Blick auf die beschwerlichen Herausforderungen des Tages freigab, "dann hatte ich meine Antwort auf diese Fragen".

Für den Oberbernbacher steht an Tag sechs des Rennens "nur noch der Marathon an". Regers Füße sind mittlerweile übersät mit Blasen. Dennoch habe er "den Tag genossen". Am Ende der "spektakulären" 42,2 Kilometer erwartet ihn pure Erleichterung. Nach 60:59:39 Stunden trägt ein Mann die Startnummer 337 über die Ziellinie, von dem mehr Gewicht abfällt, als die vier Kilogramm, die er während des Wüstenwahnsinns verloren hat. Er hat seine Rastlosigkeit besiegt. Dass er letztlich trotz aller Anspannung nachts Schlaf fand, dass er sich gegen die Blockade im Kopf durchsetzte - das, stellt Reger fest, "war viel wichtiger als irgendeine Zeit". 
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