FCA in Berlin: Später Schreck für Augsburgs Plagegeister

FC-Augsburg-Trainer Manuel Baum musste sich in Berlin über zwei späte Tore der Hertha ärgern. (Foto: Archiv/Krieger)

Selbstbewusst, engagiert und mit einem klaren Plan: Der FC Augsburg ist nahe dran, erstmals in der Bundesliga im Berliner Olympiastadion zu gewinnen. Manuel Baums Mannschaft agiert dabei im Plagegeister-Modus gegen lauwarmen Berliner Sommerfußball – bis Baum Christoph Janker einwechselt, der zweimal patzt. 

Nicht der einzige Grund für das 2:2.

Und plötzlich stand es 2:2. Einfach so. Aus dem Nichts. Berlins Davie Selke war Christoph Janker zweimal entwischt. Das erste Mal versuchte der gerade eingewechselte Augsburger Innenverteidiger, den Stürmer mit beiden Händen zu stoppen. Er packte immer wieder zu, so als probiere er, einen glitschigen Fisch zu fassen zu kriegen. Es misslang, und irgendwann fiel Selke. Elfmeter, 1:2. Das zweite Mal wand sich Selke erneut aus Jankers Griff, dieses Mal lief er alleine aufs Tor zu. Locker eingeschoben, 2:2.

„Ich dachte, wir haben den Sieg sicher“, kommentierte hernach Michael Gregortisch. „Eine gefühlte Niederlage“ war es für Torhüter Andreas Luthe, „das darf uns nicht passieren“. 83 Minuten lang hatte alles nach dem ersten Augsburger Sieg in Berlin ausgesehen – und dann das.

Von wegen „Tu’s nicht“: Gregoritsch schießt sich aus der Distanz zum Rekord

Symptomatisch für den beherzten Auftritt des FC Augsburg stand das 1:0 durch Gregoritsch. Es war eigentlich einer dieser Momente im Fußball, in denen man als Zuschauer eingreifen möchte, wie an der Playstation via Controller den Akteur am Ball steuern oder ihn zumindest durch lautstarkes Brüllen vor einer mutmaßlichen Dummheit bewahren. Gregoritsch kam nach einem energischen Ballgewinn von Rani Khedira an den Ball, links und rechts liefen Mitspieler in Position, bereit, einen Pass zu empfangen. Doch Gregoritsch blickte in Richtung Tor und holte aus – da war er, dieser „Tu’s-nicht-Moment“, der stumme Aufschrei in den Köpfen all jener, die diese Szene verfolgten. Doch der Österreicher ließ sich nicht mehr umstimmen und tat es trotzdem: Er zog aus fast 30 Metern ab. Weil Berlins Vladimir Darida abfälschte, traf er.

Dieses erste Augsburger Tor in Berlin seit September 2011, gleichzeitig Gregoritschs dreizehntes in dieser Spielzeit – er löst damit André Hahn als Rekord-Torschützen in einer Ligasaison des FCA ab– es war ein Sinnbild für 83 Minuten der Begegnung im Olympiastadion.

Der FC Augsburg zeigt eine seiner stimmigsten Saisonleistungen

Das sofortige Gegenpressing der Augsburger, gekrönt durch den erfolgreichen Zweikampf Khediras. Das dynamische Umschalten. Der zielstrebige Drang in Richtung Berliner Tor. Das flinke Ausschwärmen. Das Selbstbewusstsein Gregoritschs, aus 30 Metern abzuziehen. Und freilich auch ein wenig Glück, das, so abgedroschen es klingt, der FC Augsburg sich verdient hatte.
                                                        
Der FCA zeigte eine seiner stimmigsten Saisonleistungen. Lag es an der Unbeschwertheit, diesem „Uns-kann-nichts-mehr-passieren“-Gefühl? Oder tatsächlich an der verspäteten Zielvorgabe einstelliger Tabellenplatz? Möglicherweise von beidem etwas. „Wir wollten zeigen, dass wir auch ohne Druck erfolgreich Fußball spielen können“, bekräftigte Luthe später. Begünstigt wurde das Vorhaben davon, dass sich die Hertha auf lauwarmen Sommerfußball beschränkte. Bisschen Ballgeschiebe, bisschen hintenrum, bisschen braun werden.

Augsburgs Trikots so mausgrau wie der Tabellenplatz – das täuscht

Vielleicht erwarteten die Berliner auch nicht mehr von den Augsburger Gästen in ihren Trikots so mausgrau wie ihr Tabellenplatz. Sie wurden schnell eines Besseren belehrt. Wie ein Rudel zähnefletschender Wölfe stürmten Gregoritsch, Marco Richter, Alfred Finnbogason und Caiuby auf die spielaufbauenden Berliner zu, hetzten dem Ballführenden bis in den Strafraum hinterher.

Zum Quartett Attacke stieß oft noch Rani Khedira, dem man wohl Wahnsinn attestieren würde, wüsste man nicht, dass der defensive Mittelfeldspieler auf Geheiß seines Trainers am anderen Strafraum den Gegner unter Druck setzt.

Skjelbred kapituliert vor Baums Pressing-Horde

Baums Plan ging voll auf, weil seine Spieler ihn derart engagiert umsetzten, als müssten sie in einem K.o.-Spiel einen Roma-esken Hinspiel-Rückstand aufholen. Zweikampfstark, lauffreudig, offensivstark – aber nie kopflos. Richter schlenzte übers lange Eck, Jarstein rettete gerade noch vor Finnbogason, nachdem Per Skjelbred vor lauter Schreck ob dieser wie wildgeworden auf ihn zueilenden Augsburger Horde kapituliert hatte, und dem Isländer den Ball fast schon freiwillig in den Lauf zu spielen schien. Gregoritsch verfehlte per Seitfallzieher. Finnbogason schaffte es nicht, einen Traumpass von Richter erfolgreich zu verarbeiten. Chance um Chance erspielte sich der FCA.

Wenn die Hertha einmal in die Nähe des Augsburger Tores gelangte, parierte Andreas Luthe. Der Mann im textmarkergelben Jersey hatte von Baum Spielzeit bekommen, hielt gegen Marvin Plattenhardts Flanke-Schuss-Mischling und einen Versuch von Peter Pekarik.

Baum nimmt Janker in Schutz

Als der erst zwei Minuten zuvor für Gregoritsch eingewechselte Sergio Cordova nach einer Stunde mit einer feinen Aktion auf 2:0 stellte, fühlte sich Augsburg möglicherweise zu sicher. Und freilich hatte der Weg dorthin Kraft gekostet, der FCA kam generell nicht mehr gut in die Zweikämpfe, Janker verlor zwei entscheidende. „Es liegt nie an einem alleine“, verteidigte Baum den Verteidiger, der keine Unterstützung bekommen habe. Die erhält er nun nach Spielende: Gregoritsch versprach, „unseren Teampapa“, Christoph Janker, „wieder aufzubauen“. 
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