Höhen und Tiefen: Augsburger Sektion des Deutschen Alpenvereins wird 150 Jahre alt

Die Gründer der Sektion Augsburg Theodor Lampart (links) und Friedrich Schenkenhofer (rechts) nach der Besteigung des Großglockners: Am 8. Juli 1869 riefen die beiden den DAV in Augsburg ins Leben. (Foto: DAV-Sektion-Augsburg/Archiv)
 
Das neue DAV-Kletterzentrum in Augsburg, das auch Landesleistungszentrum für ganz Bayern ist. (Foto: Eckart Matthäus)

"Wir müssen wissen, wo wir herkommen, damit wir begreifen, wer wir sind, und entscheiden, wo wir morgen hingehen." Mit diesen Worten leitet Thomas John, Vorsitzender der Sektion Augsburg des Deutschen Alpenvereins (DAV), in der Sonderausgabe des "alpenblicks" zum großen Vereinsjubiläum seinen Blick in die Zukunft ein.

Am Montag feiert die Sektion ihr 150-jähriges Bestehen. Genau auf den Tag vor 150 Jahren trafen sich am 8. Juli 1869 im "Local Grünes Haus" 40 Augsburger Herren der gehobenen Gesellschaft und gründeten die Deutsche Alpenvereinssektion Augsburg.

Damit zählt die Augsburger Sektion zu den Gründungssektionen des bundesweiten Deutschen Alpenvereins. Sie entwickelte sich von einer Vereinigung zur Erforschung und touristischen Erschließung der Alpen zu einem wichtigen Bergsport- und Naturschutzverein. Heute zählt die Sektion mit 15.500 Mitgliedern zu den größten Vereinen in Augsburg und ist fest in der regionalen Gesellschaft verankert.

1868 auf Bergtour kennengelernt

Zur Gründung eingeladen hatten die beiden Augsburger Theodor Lampart und Friedrich Schenkenhofer. Als begeisterte Bergsteiger lernten sie 1868 auf einer Tour zum Großglockner den Prager Kaufmann Johann Stüdl kennen. Er gehörte neben dem Tiroler Pfarrer Franz Senn zu den zentralen Figuren in der Gründungsphase des Deutschen Alpenvereins in München. Durch Stüdl inspiriert nahmen beide an der Gründung des DAV in München am 9. Mai 1869 teil. Als der Aufruf erging, auch in anderen Städten eigenständige Vereine zu gründen, waren sie sofort Feuer und Flamme und ergriffen die Initiative zur Bildung eines zwanzigköpfigen Gründungskomitees. Am 8. Juli 1869 war es soweit, die Sektion Augsburg wurde gegründet.

Theodor Lampart war einer der wichtigsten Verleger in der Stadt. Er wurde 1842 als Sohn des Buchhändlers und Verlegers Johann Georg Lampart geboren und übernahm nach dessen Tod die Geschäfte. Er baute einen alpinen Verlag auf. Gerade Lampart war in Augsburg sehr gut vernetzt. Er war auch in anderen Vereinen in den Vorständen vertreten und als Gemeindebevollmächtigter in der Funktion des Finanzreferenten tätig. Wie tief die Verbundenheit der Familie Lampart mit dem DAV in Augsburg war, zeigt, dass das Lampartsche Geschäft bis 1921 als Ort für die Mitgliederaufnahme fungierte. 

Auch die anderen Gründer und Vorstände stammten aus dem Wirtschaftsbürgertum, wie etwa Otto Forster und Theodor Hassler. Forster kam aus einer wohlhabenden und traditionsreichen Textilfamilie. Hassler war in der Reichenbachschen Maschinenfabrik - später das Augsburger Standbein der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg (MAN) - als Jungingenieur tätig und wechselte später in die Augsburger Textilindustrie zu Riedinger.

Die Motive zur Gründung wirken recht widersprüchlich. So lebten die Gründer einerseits in schwärmerischer Begeisterung für die alpinistische Entdeckung, die von Forschergeist, Abenteuerlust, wilder Bergromantik und hehrem Idealismus geprägt waren. Andererseits läuteten sie eine neue Phase der wirtschaftlichen Entwicklung und des Wandels durch den Tourismus ein. 

Das Hochgebirge sollte "begehbar" werden. Um dies zu erreichen, sollten die alpinen Kenntnisse vertieft und verbreitet werden, etwa durch Vorträge, Kartenmaterial und Tourenbeschreibungen. Die Aktivitäten der Sektion konzentrierten sich zunächst auf das geografisch nahegelegene Allgäu. Auf der Tagesordnung standen die Organisation des Bergführerwesens, die Regelung von Unterkunftsverhältnissen und das Registrieren von Besteigungen. Besondere Aufgaben war zum Beispiel der Wegebau im Zustieg zur Mädelegabel. Die gewonnenen Erkenntnisse und Eindrücke wurden vor allem auf den Monatsversammlungen des Vereins in Form von Vorträgen vorgestellt und geteilt. 

Antisemitismus im Alpenverein

Der Alpinismus und der Verein mit seinen Traditionen stand über die gesamte Zeitspanne von 150 Jahren in enger Wechselwirkung mit gesellschaftlichen Entwicklungen. Dazu gehören nach der liberalen Gründungsphaser auch unheilvolle Traditionen. Großdeutscher Nationalismus und völkische Ausrichtung gewannen lange vor der Machtergreifung des Nationalsozialismus zunehmenden Einfluss auch in Augsburg. 

Die alpinen Ideale der Jugend wurden für zwei Weltkriege instrumentalisiert. Jüdische und andersdenkende Bergsteiger wurden ausgegrenzt. Eine "Gleichschaltung" mit Vorstandswechsel in der Sektion Augsburg war 1933 nicht nötig, da die nationalsozialistische Gesinnung schon längst bestimmend war.

Gerade der Ausschluss der jüdischen Mitglieder ging schnell voran. Am 20. Juni 1933 beriet der Vorstand über eine Neuformulierung der Aufnahmekriterien für die Sektion. In der Satzung wird ab diesem Zeitpunkt klar gesagt, dass Personen jüdischer Abstammung künftig nicht mehr als Mitglieder aufgenommen werden dürfen. "Aus den Unterlagen der Sektion ist trotz intensiver Nachforschung leider nicht ersichtlich, wie viele jüdische Mitglieder die Sektion zu diesem Zeitpunkt hatte", erläutert der Verein. Ebenso "finden sich auch keine Hinweise darauf, wie die Sektion mit diesen bereits aufgenommenen Mitgliedern umgegangen ist".

Der Deutsche Alpenverein begann erst in den 1990er-Jahren sich mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Auch die Sektion Augsburg beteiligte sich an der Aufarbeitung. So zeigte sie 2014 die vom Bundesverband konzipierte Ausstellung "Berg Heil", die mit ergänzenden Beiträgen vom Historiker und Vereinsmitglied Dr. Florian Pressler begleitet wurden. 

Und die Zukunft des DAV?

Im Juni 2018 wurde das DAV-Kletterzentrum Augsburg eröffnet. Als gleichzeitig erstes Landesleistungszentrum für Sportklettern wurde ein Nebeneinander von Breiten- und Spitzensport geschaffen, "von dem beide Seite nur profitieren", betont der Verein.

"Die vielen begeisterten Rückmeldungen nach einem Jahr Betriebszeit zeigen, dass das Konzept aufgegangen ist." Die Sektion möchte zudem den Fokus wieder verstärkt auf das eigenverantwortliche Bergsteigen legen. Sie versteht sich als eine Plattform für Alpinisten, die die Möglichkeit haben, sich zu vernetzen und weiterzuentwickeln.

DAV: Naturschutz und Sport zusammenbringen

Eine große Herausforderung sieht der Verein auch im heutigen Widerspruch von Bergsport und Naturschutz. Die vergangenen fünfzig Jahre waren durch immer mehr Wohlstand und damit verbundene Freiheiten geprägt. Die Berge weltweit waren für viele erreichbar. Die Alpen wurden zum Freizeitpark vor der Haustüre.

"Unsere schnelllebige Konsumgesellschaft macht vor dem DAV nicht halt", räumt der Verein ein. In den vergangenen Jahren aber habe sich die Sektion verstärkt mit dem Thema Naturschutz auseinandergesetzt. in einem ersten Schritt seien Angebote geschaffen worden, die zur Umweltbildung beitragen. Im nächsten Schritt geht es um konkret praktizierten Natur- und Umweltschutz im bergsportlichen Alltag.

Heute sieht sich die Sektion Augsburg als bunter, lebendiger Verein, der sich für Vielfalt, Toleranz und gegenseitige Achtung einsetzt und die Zukunft des Sports in diesem Sinne gestalten möchte. (pm)
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Julian Schenkenhofer aus Meitingen | 04.09.2019 | 14:28  
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