„Münchens wahre Liebe“ siegt im sechsten Drittel

Die Matchwinner für den AEV: Olivier Roy hielt 70 von 71 Schüssen, Brady Lamb traf nach 103:34 Minuten. (Archivbild)
 
"Münchens wahre Liebe" rastet aus. (Archivbild)
München: Olympia-Eisstadion |

Brady Lamb entscheidet das sechstlängste DEL-Spiel mit einem Schlenzer in der 104. Minute, nachdem im ersten Drittel Jamie Arniel die Panther mit seinem ersten Tor für Augsburg in Führung geschossen hatte. Olivier Roy avanciert mit 70 gehaltenen Schüssen zum Matchwinner, einzig John Mitchell konnte ihn im Powerplay überwinden.

Der große und lautstarke Anhang aus Augsburg hatte Grund zu feiern, nachdem er seine Mannschaft ununterbrochen zum Sieg geschrien hatte.

Münchens wahre und große Liebe: Der AEV

Egal wie Münchens Eishockey-Club sich nannte, ob EHC, Hedos, Maddogs, Barons oder Red Bull, es ist bekannt, dass seine fußballaffinen Fans mehrheitlich Löwen-Anhänger sind. Und die sind stolz darauf, dass innerhalb der Stadt München der blaue Drittligist immer noch beliebter ist als der rote Serienmeister von der Säbener Straße. „Münchens große Liebe“ ist der TSV von 1860, so lautet das Motto der Sechziger. Münchens rote Fans änderten das ab und provozieren die innerstädtische Konkurrenz mit „Münchens wahre Liebe: FCB“

Am Sonntagnachmittag adaptierten knapp zweitausend Eishockeyfans aus Augsburg diesen Song und sorgten für Sprachlosigkeit in der Nordkurve des Olympia-Eisstadions. Führte er den Münchner Eishockeyfans doch vor Augen, wie es um die Beliebtheit des Red-Bull-Konstrukts in der Metropole steht: Entweder man kennt es nicht, trotz dreier Meistertitel, oder man lehnt es ab und drückt stattdessen dem nur innerhalb des Stadions verhassten AEV die Daumen. Außerhalb gilt: „Münchens wahre Liebe: AEV!“, denn das Konstrukt Red Bull mit seinen diversen Clubs rangiert auf der Beliebtheitsskala der Roten knapp hinter Borussia Dortmund, bei den Blauen hinter Uli Hoeneß und dem vereinseigenen "Scheich". Schon auf dem Weg ins Stadion zeigten Passanten in U- und S-Bahnen und im Olympiapark ihre Sympathie gegenüber dem rotgrünweißen Haufen, der sich auf dem Weg zu einem denkwürdigen Spiel befand. Und irgendwann auf diesem Weg fiel jemandem die ultimative Provokation ein: WIR sind der Underdog, WIR erfahren hier nicht die erwartete Ablehnung, also sind WIR Münchens wahre Liebe – und das werden wir den Blauen und Roten drüben in der Nordkurve um die Ohren schmettern.

Münchens Reaktion im Stadion: Schweigen. Die volle Nordkurve musste schlucken,  dieser Tiefschlag saß. Nach einiger Zeit versuchte man zu kontern, mit einem Klassiker, den man dort gegen jeden bayrischen Rivalen auspackt: Augsburg soll die Schande Bayerns sein. Die Sonthofener, Memminger, Landshuter, Rosenheimer, Straubinger, Münchner (!) und natürlich die vielen Augsburger in der Gästekurve mussten schmunzeln und feierten weiter Bayerns wahre Liebe – den Augsburger Eislaufverein.

Erstes Tor für Jamie Arniel

Und sie bekamen Grund zu feiern, zu singen, zu brüllen, lange 104 Minuten dauerte die Party. Die ging so richtig los durch Jamie Arniel, der einen Pass in den Lauf von Thomas Holzmann (bei München ausgemustert) in der 10. Minute vollendete. Ausgerechnet der Spieler, der nur durch den Ausfall des verletzten Scott Valentine ins Aufgebot rutschte, ließ mit seinem ersten Tor für Augsburg die Dämme vollends brechen und die AEV-Fans noch lauter werden. München fiel zunächst nichts ein, im Gegensatz zum zweiten Spiel in Augsburg, wo sie immerhin dreimal trafen. Sicher, der Meister war länger in Puckbesitz, er setzte sich auch immer wieder im Drittel vor Oli Roy fest, aber Augsburgs Mannschaft fightete dagegen, jeder Spieler stapelte in jedem Wechsel neue Ziegel auf Augsburgs Stadtmauer. Das imposante Bollwerk ließ die Roten Bullen verzweifeln, mit 1:0 für den Underdog ging es in die erste Pause.

Das zweite Drittel sah vermehrte Angriffe des EHC, auch geschuldet der kleinlichen Regelauslegung der Unparteiischen. Folgerichtig fiel der Ausgleich im Powerplay, John Mitchell war wieder der Vollstrecker, die Vorarbeit verrichteten Trevor Parkes und Mark Voakes (33. Minute). Mehr Tore als dieses eine ließen Roy und das Torgestänge nicht zu. München war tatsächlich sehr bemüht einmal mehr zu treffen, aber Augsburgs Verteidigung begann schon in der immer wieder vorcheckenden Sturmspitze, in der neutralen Zone wurden Münchens Angreifer konsequent Richtung Bande gedrängt, gedrückt oder gecheckt und die Blaue Linie mit aller Macht gehalten. Konnte sich Red Bull dann doch einmal im Drittel der Panther festsetzen, dann wurden Schüsse geblockt, Passwege zugestellt und die Roten Bullen in Zweikämpfe an der Bande verwickelt. Was an Pucks durchkam war die Beute von Roy, der 70 von 71 Schüssen hielt – eine schier unglaubliche Fangquote von 98,59%.

Nach John Mitchells Ausgleich:
Augsburgs Stadtmauer hält 70 Minuten stand

Und Münchens Trainer Don Jackson wusste um die Gefahr, die von Augsburgs wenigen Kontern ausging. Konsequenz: Das aggressive Forechecking, für das München bekannt ist kam fast nie zum Einsatz, auch im sonst so gefährlichen Unterzahlspiel verhielt sich die Mannschaft vorsichtiger als gewohnt. Die Teams egalisierten sich zusehends: Konnte man für München im zweiten Drittel noch mehrere Pfosten- und Lattentreffer zählen, so versackten die Angriffe mit der Spielzeit immer mehr. Die Blauen versuchten die weiße Wand zu überspielen, die verhielt sich aber so geschickt, dass oft nur ein Zwei- und Mehrkampf beim Dump-and-Chase-Hockey heraussprang. Wenn nicht, dann hieß die Endstation immer wieder Roy.

In der Verlängerung sah das ausverkaufte Olympia-Eisstadion einen AEV, der sich wesentlich mehr traute als zwei Spiele vorher: Immer wieder konnte man sich vor aus den Birken festsetzen und Münchens Goalie mit Schüssen eindecken. Die größte Chance hatte Daniel Schmölz, dessen Schuss in der zweiten Verlängerung an s Gestänge ging.

Brady Lamb trifft in der 104. Minute

Wie beim ersten Gastspiel in München fiel die Entscheidung in der dritten Verlängerung. Diesmal dauerte es noch ein wenig länger - und der Sieger des sechstlängsten DEL-Spiels hieß Augsburg. Mit Sahir Gill und Matt Fraser sowie Patrick Hager und Ryan Button standen vier Spieler vor aus den Birken, so dass der Keeper Brady Lambs zweiten Schlenzer – der erste wurde von Justin Shugg geblockt – erst sah, als es zu spät war. Riesiger Jubel auf dem Eis, der AEV-Bank und in der Südkurve: Der Heimvorteil wandert nach Augsburg, nur noch zwei Siege fehlen dem Cinderella-Team zur kompletten Überraschung.
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