Sudden Silver – das Wintermärchen von Gangneung

Der silberne Panther: Marco Nachrichter betreut als Zeugwart die Augsburger Mannschaft. Nicht nur bei den Deutschland Cups im Curt-Frenzel-Stadion arbeitete er auch für den DEB und wurde von Marco Sturm mit nach Süd-Korea genommen.
 
Bundesweit klingelten am Sonntagmorgen die Wecker vor 5 Uhr und trafen sich Eishockeyfans zum gemeinsamen Mitfiebern. Zum Beispiel auch im Herz des Curt-Frenzel-Stadions, dem Raum der Eismeister.
 
Nicht nominiert: Schwenningens Goalie Dustin Strahlmeier und AEV-Stürmer Thomas Holzmann

Vor den Olympischen Spielen war die Entrüstung groß bei den vielen „Nationaltrainern“ in den Eisstadien, vor den Computern und an den Smartphones: Was macht denn der Marco Sturm da, verzichtet auf die aktuell besten deutschen Goalies Dustin Strahlmeier und Niklas Treutle und nominiert viel zu viele Mannheimer, die eine bestenfalls mittelprächtige Saison spielen – so und ähnlich schimpften sie, die Home-Trainer in den DEL-Drittelpausen und den sozialen Netzwerken. Auch ich gehöre dazu, ich hatte wenig Vertrauen in dieses Team.

Und ich hätte niemals gedacht, dass diese Jungs so weit kommen würden. Sie haben relativ schwach begonnen, sich aber immer weiter gesteigert. Der Niederlage gegen Finnland (2:5) folgte ein unglückliches 0:1 gegen Schweden, in der Generalprobe vor den Ausscheidungsspielen gab es gegen Norwegen den ersten Sieg, 2:1 n.P. Das folgende Spiel gegen die Schweiz entpuppte sich als doppelte Überstunden: Die Top vier waren qualifiziert fürs Viertelfinale, während Deutschland in diesem „Achtelfinale“ gegen die Eidgenossen auch noch in die Verlängerung musste. Lang dauerte diese nicht, schon nach 26 Sekunden Overtime war Deutschland nach einem Rückhand-Schuss von Seidenberg eine Runde weiter.

Lake Placid 1932 und Innsbruck 1976 - die bronzenen Sternstunden

Blickt man 86 und 42 Jahre zurück, dann zeigt sich die Dimension dieses Erfolgs, der – Bronze in Innsbruck hin, Bronze in Lake Placid 1932 her – schon jetzt ein historischer war: In Lake Placid wurde das „Deutsche Reich“ Dritter - bei allerdings nur vier Teilnehmern. Und, ohne den Erfolg der Innsbrucker Bronze-Jungs schmälern zu wollen, sei auch dort auf das Teilnehmerfeld hingewiesen: 1976 waren noch keine Profis aus der NHL zugelassen und zusätzlich fanden die Spiele ohne Schweden und Kanada statt.

Gegen den Weltmeister im Viertelfinale:
Endstation Schweden?

Der Modus ist heute ein anderer, und ausgerechnet mit den zwei damals fehlenden Teams hatte es Marco Sturms Truppe jetzt zu tun. Endstation Viertelfinale dachte die Eishockeywelt, der amtierende Weltmeister aus Schweden würde die kleine Eishockeynation Deutschland auch ohne NHL-Spieler zurück in die DEL schicken. Doch das Team von Marco Sturm wuchs über sich hinaus und sorgte für das erste Wunder von Gangneung: Die Schweden hatten Deutschland wohl etwas unterschätzt, verschossen ihr Pulver in den Anfangsminuten und sahen sich anschließend mit 0:2 zurückliegen.

Was zum Teufel war da los? Die Wikinger wurden früh gestört, an die Bande gedrängt und so gezwungen, es mit harmlosen Schüssen zu versuchen. Der Anschlusstreffer im Schlussabschnitt wurde schnell gekontert, dann begann die Zeit des deutschen Nägelkauens: 2:3, 3:3, nervenaufreibender Druck auf Aus den Birkens Tor, Overtime – die dritte im dritten Spiel. Wieder dauerte die Verlängerung nicht lang, dann sorgten zwei Nürnberger für die deutsche Jubelorgie: Pass vom bedrängten Ehliz auf Patrick Reimer, der zieht breitbeinig vors Tor, erster Versuch, Fasth kann den Puck nicht festhalten, nachgestochert – Tor!

Thanks a lot & merci beaucoup, oh Canada

Das bedeutete: Halbfinale gegen das Mutterland des schönsten und aufregendsten Sports der Welt. Oh Canada, vielen Dank für diese „Erfindung“. Und vielen Dank, dass Du diesmal angereist bist ohne Subban, Crosby und McDavid, sondern stattdessen mit den „Aussortierten und Unbekannten“ (Toronto Star), welche nicht mehr oder noch nie gebraucht wurden in der NHL, mit unter anderem Kölns Back-up Justin Peters als Back-up und Gilbert Brulé, der seine Rubel in der KHL verdient und im hintersten China spielt.
Eigentlich sollte es für eine Nation, die mit so vielen Talenten gesegnet ist und wo es in jedem Dorf einen eigenen Hockeyclub gibt, gegen den deutschen Eishockeyzwerg auch ohne die besten 404 Spieler reichen, die aktuell in der NHL spielen. Eigentlich…

Es dauerte jedoch über vierzig Minuten, bis sich auch Team Canada als ein Team präsentierte - die Deutschen beherrschten sie aus genau diesem Grund, weil sie sechzig Minuten lang für und miteinander arbeiteten. Die ersten zwei Drittel spielten die Verteidiger des Rekord-Olympiasiegers passabel und Goalie Poulin hielt was zu halten war. Der Sturm dagegen stellte sich an diesem Tag als laues Lüftchen heraus, und weil wegen des nicht genügenden Back-Checkings auf Poulin auch ein paar eher Unhaltbare abgefeuert wurden stand es nach dem ersten Drittel 1:0 für den krassen Außenseiter und 3:1 nach dem zweiten. Die „nicht mit großem Talent gesegneten Deutschen“ (Toronto Star) hatten einen Tanz aufs Eis gelegt und führten auch in der Höhe völlig verdient. Selbst dumme Strafen (zweimal zu viele Spieler, ein brutaler Check von Schütz…) wurden unbeschadet überstanden, nach vorn die immer nervöser werdenden Kanadier ausgekontert: Frank Mauers Schuss durch die eigenen Beine zum 3:0 war ein Tor des Jahres. Der oben angesprochene Brulé traf doppelt, erst zum 1:3-Anschlusstreffer, dann David Wolf im Gesicht, folgerichtig musste er vorzeitig duschen gehen.

Dieses harte Zeichen weckte Kanada auf, sie überstanden die fünfminütige Unterzahl – und kassierten trotzdem den vierten deutschen Treffer: Nach dem nächsten Foul schlug die Scheibe schon nach wenigen Sekunden Powerplay hinter Poulin ein. Ein paar aufrüttelnde Worte musste Coach Desjardins in der Pause gefunden haben, denn in den letzten zwanzig Minuten sah sich Danny aus den Birken einem kanadischen Dauerfeuer ausgesetzt. 2:4 nach 43 Minuten, 3:4 nach 50 – die vom Schwedenkrimi verbliebenen Fingernägel wurden weitere zehn Minuten strapaziert – dann war der größte Erfolg der deutschen Eishockeygeschichte perfekt: Finale gegen OAR, die „Olympischen Athleten aus Russland“.

"Wir haben keine Gegner mehr
Schickt uns doch die Russen her!"

hieß es zu erfolgreichen Zweitliga-Zeiten im Curt-Frenzel-Stadion. Das Nonplusultra der 80er Jahre, die Sbornaja, wurde als einziger Gegner mit Chancen gegen den AEV besungen. Und jetzt? Waren genau diese Russen tatsächlich der letzte Gegner der DEB-Auswahl.

Millionen stellten sich den Wecker auf den frühen Morgen, denn das historische Spiel begann um 5:10 deutscher Zeit. Das frühe Aufstehen hatte sich gelohnt, es sollte ein Krimi folgen wie ihn kaum jemand erwartet hatte. Denn die Russen hatten ihre Spieler nicht wie die anderen großen Eishockeynationen aus vielen verstreuten Clubs zusammengeklaubt, sondern setzten auf eingespielte Blöcke: ZSKA Moskau, SKA St. Petersburg und Metallurg Magnitogorsk – Spieler von anderen Vereinen blieben in Igor Znaroks Planungen außen vor, er wollte die Wiederbelebung der Roten Maschine aus den 80er Jahren. Damit hatte der beim AEV und seinen Fans nicht gerade beliebte Trainer (er spielte lange Zeit beim EV Landsberg und sorgte zusammen mit dem Pawlow‘schen Hund namens Igor viel zu oft für Aufruhr vor dem Augsburger Tor) Erfolg bis ins Finale: 23:5 Tore verbuchten die Russen, die nicht Russen genannt werden durften bis dahin. Und dann kamen die Deutschen…

Die hatten jetzt wirklich nichts mehr zu verlieren, sondern nur noch mehr zu gewinnen. Und so traten sie auch auf: Russland schießt das 1:0, 0,5 Sekunden vor der ersten Sirene? Na und, wenn’s nicht mehr wird gleichen wir halt aus. Aus der Schlacht vor dem deutschen Tor entwickelte sich ab dem Mitteldrittel eine unerwartet offene Partie und das DEB-Team zum ebenbürtigen Finalisten. Das für seinen Einsatz belohnt wurde, in der 31. Minute war es ausgerechnet der ehemalige Russland-legionär Felix Schütz, der den Puck aus spitzem Winkel im Tor der OAR unterbringen konnte. Das 1:1 nach 40 Minuten war hochverdient, die goldfarbenen Deutschen hatten viel Sand ins Getriebe der Roten Maschine geschaufelt, der große russische Bär wankte. Auch die erneute Führung der Russen durch Gussev sechs Minuten vor Spielende beantwortete Kahun postwendend: Nur acht Sekunden darauf – die deutschen Fans saßen noch fluchend vor den Fernsehern – glich der 23-Jährige wieder aus. Und es kam noch besser: Jonas Müller jagte die Eishockeynation drei Minuten vor der Schlusssirene endgültig aus den Sesseln: Tor! Gold! Der absolute Wahnsinn, Marco Sturm hatte aus einem vier Jahre zuvor nichtqualifizierten Team eine Immer-weiter-Maschine geformt, die tatsächlich nach dem goldenen Stern griff.

55,5 Sekunden fehlen zum totalen Triumph

Noch noch 2:11 waren zu spielen und der Traum rückte noch näher: Strafe gegen OAR, Überzahl für Deutschland, also keine Möglichkeit für Znarok mit sechs Feldspielern das deutsche Tor bombardieren zu lassen. Aber die deutschen wollten zu viel. Statt die Zeit von der Uhr zu spielen wurde wurde die endgültige Entscheidung im Powerplay versucht. Der Versuch ging schief, die Russen befreiten sich und setzten sich im deutschen Drittel fest – zu fünft, Torhüter Koschetschkin hatte so doch sein Tor verlassen können. 55,5 Sekunden vor der Sirene war es wieder Gussow, der einfach mal mit der Rückhand Richtung Tor schoss und OAR in die Overtime rettete.

20 Minuten mit vier gegen vier Spielern sehen die Regularien für die Extratime vor, ein Tor beendet das Spiel sofort. Weiter ging es auf Augenhöhe, bis Patrick Reimer das blödeste Foul passierte, das die Eishockey-regeln kennen: Weil sein Schläger beim Abwehrversuch den seines Gegner hinaufrutschte bis in dessen Gesicht gab es zwei Minuten wegen Hohen Stocks. Unterzahl zu viert gegen fünf Weltklasse-Spieler ist hart zu verteidigen, zu dritt gegen vier wird es noch schwerer, denn dann ist Platz auf dem Eis. Und so gewannen die Deutschen die Silbermedaille nach 70 Minuten und 19 Sekunden. Der Frust war den Spielern anzusehen, aber er war schnell vergessen: Silber im Eishockey, das gab es noch nie, das hatte dem Team niemand zugetraut und das wurde gefeiert: Mit breitem Grinsen nahmen Sturms Jungs die Medaillen entgegen, mit viel Champagnerspritzen und ausgelassenem Toben rissen sie im Anschluss fast das Deutsche Haus in Pyeongchang ab.

Am Mittwoch schon spielen die Helden wieder gegeneinander, die letzten drei Hauptrundenspiele machen die Silber-Teammates wieder zu Gegnern. Und beim AEV wird Marco Nachrichter gefeiert, der bei den Deutschland Cups als idealer Zeugwart entdeckt wurde und ein wenig vom koreanischen Silberglanz auch ins Curt-Frenzel-Stadion mitbringen wird.
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George Stadler aus Augsburg - City | 26.02.2018 | 00:13  
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