WM-Kampf: Augsburger Boxerin Tina Rupprecht verteidigt im Sportpark Kühbach ihren Gürtel

Die flinke Boxerin Tina "Tiny Tina" Rupprecht verteidigte vor 1100 Zuschauern ihren WM-Titel im Minimumgewicht gegen die Venezolanerin Niorkis Carreno.
 
Tina Rupprecht verteidigte nach einstimmigem Urteil der Kampfrichter ihren WM-Titel.

Um 23.41 Uhr sind sich Tina Rupprecht und Niorkis Carreno noch einmal ganz nah. Noch einmal schwingt die Venezolanerin wütend ihre Fäuste in Richtung der Augsburgerin. Noch einmal weicht Rupprecht flink aus, blockt die Angriffe ihrer Kontrahentin, um dann selber kurze Schläge auf Carreno einprasseln zu lassen. Noch einmal löst der Aufprall ihres Handschuhs Tropfen aus Schweiß, Wasser und Blut von der Haut der Getroffenen, die zu einem Nebel zerstäuben, der die Boxerinnen einhüllt. Dann schlägt die Glocke – und die beiden Frauen, die gerade so erbittert aufeinander eingeprügelt haben, fallen sich in die Arme. Wenig später wird verkündet: Tina Rupprecht hat ihren WBC-Weltmeistertitel im Minimumgewicht verteidigt.

Diese letzte Sequenz des Kampfes vor den rund 1100 Zusehern im nicht ganz ausverkauften Sportpark Kühbach fasste die zehn vorangegangenen Runden zwischen der amtierenden Titelträgerin und ihrer Herausforderin aus Südamerika in wenigen Augenblicken zusammen. Eine Auseinandersetzung, die sich vom ersten Glockenschlag an entwickelte, wie es kaum einer erwartet hatte. Eigentlich, sagte Rupprecht später, „wollte ich sie erst einmal ein bisschen anboxen, mit ihr spielen“. Doch die Venezolanerin hatte darauf eben wenig Lust und attackierte umgehend – und zerschlug damit sämtliche Vorhersagen. Weil Rupprechts erste Rechte gleich saß, ließ die Augsburgerin ihre Vorsätze fallen – keine Spielchen. Attacke. Klar machen, wie sie es später ausdrückte, wer hier den Ton angibt.

„Ich musste sie bremsen“, berichtete hernach Trainer Alexander Haan, der seinen Schützling anwies, die Arme oben zu halten. Denn Carreno sei „eine K.o.-Boxerin“ (sieben ihrer neun Siege errang sie durch Knockout) und „eine Drecksau im Ring“. Das meinte er durchaus positiv: Carreno – sechs Jahre jünger, sechs Zentimeter größer und beim Wiegen fast ein Pfund schwerer als Rupprecht – ließ die 26-Jährige geduldig kommen, um im richtigen Moment ihr ganzes Körpergewicht in ihre kraftvollen rechten Schwinger zu legen und die Faust in Richtung des Kopfes der 26-Jährigen rauschen zu lassen.

Kopfstöße: Beide Boxerinnen bluten

„Darauf musste ich aufpassen“, kommentierte Rupprecht als sie weit nach Mitternacht aus der Kabine kam. Die Voraussetzung für den Plan, den Haan und Rupprecht in der ersten Pause fassten: Carreno auf links drehen lassen, damit die amtierende Weltmeisterin ihre eigene Rechte ins Ziel bringen kann. Rupprecht profitierte dabei von ihrer Fitness und ihrer Beweglichkeit. „Ich hätte auch über zwölf Runden das Tempo halten können“, sagte sie. Und welch ein Tempo das war: Rupprechts Füße standen nie still, sie tänzelte unter lautstarken „Tina“-Rufen ihres Fanblocks durch den Ring, duckte sich geschmeidig weg, täuschte geschickt an – und schlug dann knallhart zu.

Doch die dritte Runde beendete die Augsburgerin mit blutverschmiertem Gesicht. Carrenos Kopf war gegen ihren geknallt, über Rupprechts linkem Auge platzte die Haut auf. Die Venezolanerin erhielt einen Punktabzug, weil es laut WBC-Regeln keine Rolle spielt, ob der Kopfstoß beabsichtigt war oder nicht. „Das war witzig, weil ich mich noch darüber gefreut habe und mir eine Runde später selber ein Punkt abgezogen wurde“, bemerkte Rupprecht später mit zwei Streifen Klammertape über der Wunde, aber eben auch Blut ihrer Kontrahentin im Haar. Denn im vierten Durchgang erwischte die 26-Jährige die Südamerikanerin, mit dem Kopf. Carreno trug einen Cut über ihrem rechten Auge davon, von dem aus sich das Blut über Backen und Kinn seinen Weg bahnte.

Das verlieh dem Duell einen martialischen Anstrich, besonders dann, wenn die beiden in den Nahkampf übergingen und die blutbesudelten Handschuhe in hoher Frequenz für einen offenen Schlagabtausch durch die Luft sausten. Rupprecht verstand es aber, diese engen Situationen rechtzeitig zu verlassen und sofort wieder die Deckung aufzubauen. So verpufften die meisten von Carrenos Kontern.

„Tina ist in jedem Kampf eine andere“

Mit dieser Strategie beherrschte die Titelträgerin das Geschehen, lag bereits nach den Zwischenwertungen der Punkterichter souverän vorne, ehe die Südamerikanerin gegenüber der flinken und nimmermüden Augsburgerin immer schwerfälliger wurde. „Ich habe heute schlau geboxt, gut aufgepasst und das Baby nach Hause gebracht“, urteilte Rupprecht später, weil es ihr gelungen war, „den Kampf zu kontrollieren“ und nicht in einen Schwinger der Kontrahentin zu geraten. Auch Trainer Haan lobte, dass sich seine Boxerin schnell auf neue Situationen einstellen kann. „Sie ist in jedem Kampf eine andere.“ Wie wandelbar sie ist, kann Rupprecht bald öfter zeigen. Vier Kämpfe pro Jahr sind angedacht, eventuell auch in anderen Gewichtsklassen. Bereits im März soll die 26-Jährige wieder in den Ring steigen. „Jetzt mache ich aber erst einmal eine Woche lang gar nichts.“

Um 23.45 Uhr wurde Rupprecht nach einstimmigem Urteil der Gürtel angelegt. Dann drehte sie sich um, hüpfte in einer Ecke des Rings auf die Seile, und reckte beide Fäuste nach oben. Unter ihr jubelten ihre Fans in blauen T-Shirts. Es war der letzte große Schlagabtausch des Abends in Kühbach. Einer der gegenseitigen Wertschätzung.
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