Zwischen Klassenzimmer und Boxring

Tina "Tiny Tina" Rupprecht gewann am 16. Juni den Weltmeister-Gürtel der WBC. Fotos: Patrick Bruckner
 
Beim Boxtraining wird nicht nur geboxt, sondern durch zahlreiche Ausdauer- und Kraftübungen der gesamte Körper beansprucht.


Wie kleine aufgereihte Sonnen glänzen und glitzern die Meisterschaftsgürtel in einem Regal hinter dem Tresen. Davor steht eine blonde, fast zierliche Frau. Ein paar der Gürtel hat sie erkämpft: Die 26-jährige Christina Rupprecht ist Box-Weltmeisterin.

"Ich hab grad noch trainiert", sagt Tina Rupprecht, während sie an den etwa zwei Dutzend Boxsäcken im Boxclub Haan vorbeigeht. Auf dem grauen Boden liegen Medizinbälle und Autoreifen plus Eisenstangen.

Matten für Partnerübungen oder als Platz zum Seilspringen und Trainieren mit Kurzhanteln liegen aus - "Boxen ist echt vielseitig. Es wird jede Partie des Körpers beansprucht", erklärt sie.

Schon früh entdeckte Christina Rupprecht den Kampfsport für sich. Bereits mit 13 Jahren kommt sie zum Kickboxen, eher zufällig, wie sie sagt. Das sei allerdings nichts für sie gewesen und so wechselte sie nach einem Jahr zum Boxen. 2007 bestritt sie im Alter von 15 Jahren ihren ersten Kampf, zu dem sie ihre Eltern fuhren, da sie natürlich noch keinen Führerschein hatte. 2009 und 2010 wurde sie deutsche Jugendmeisterin in der U19 im Papiergewicht bis 46 Kilogramm.

"Du darfst dir nur keine Sorgen um deine Nase machen"

In den darauffolgenden Jahren 2011 und 2012 gewann sie die deutsche Meisterschaft im Halbfliegengewicht bis 48 Kilogramm. Angst vor Verletzungen hat sie nie gehabt. "Du darfst dir nur keine Sorgen um deine Nase machen, aber das hatte ich nie", sagt sie. Außerdem sei Boxen noch verletzungsarm im Gegensatz zu anderen Kontaktsportarten, ergänzt die Weltmeisterin. Obwohl sie in ihrer Jugendlaufbahn mehrere Titel gewann, war es ihr nicht vergönnt, nach Olympia zu fahren. Zum einen, weil Frauenboxen erst seit 2012 olympisch ist und zum anderen, weil bei Olympia festgelegt ist, wie viele Medaillen es insgesamt gibt. Darum können beim Boxen nicht alle Gewichtsklassen ausgetragen werden. Tina Rupprecht kämpft in einer der Klassen, die nicht olympisch sind. Außerdem wird zwischen dem Amateur-Boxen, also dem olympischen Boxen, und dem Profiboxen unterschieden. Seit 2013 ist Tina Rupprecht als Profi unterwegs.

Obwohl sie mehrere Meisterschaften erringen konnte, setzte sie nicht alles auf nur eine Karte und hat ein Studium des Grundschullehramts mit dem Hauptfach Sport begonnen. Anfang des Jahres schloss sie dieses mit dem Staatsexamen ab. "Als nächstes steht ein Referendariat an, aber das kann ruhig noch ein bisschen warten", sagt sie mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Sie wisse noch nicht, wie lange sie im Ring stehen wird. Konkrete Pläne gebe es nicht, aber "international gibt es manche Boxerinnen, die kriegen Kinder und stehen danach wieder im Ring, sogar noch mit 40 Jahren", erklärt Rupprecht.

Momentan trainiert sie nicht ganz so viel. Wenn kein Kampf kurz bevor steht, trainiert sie nur ein oder zwei Mal pro Woche. An diesem Tag legt sie eine zusätzliche Einheit ein, um zu zeigen, was es mit den Autoreifen und Eisenstangen auf sich hat, die neben dem Ring liegen. Sie nimmt eine Eisenstange und holt aus. "Immer von ganz hinten ausholen", erklärt sie und schwingt die Stange mit einer Wucht in Richtung Reifen, auf dem sie mit einem lauten Knall aufprallt. Abwechselnd schlägt die Weltmeisterin schnell nacheinander über die rechte und linke Schulter auf den Autoreifen ein. Nach einigen Schlägen fängt sie dann doch an zu pusten, aber es ist dennoch erstaunlich, was für eine Kraft in der 1,53 Meter "kleinen" Frau steckt.

Für gewöhnlich startet sie etwa acht Wochen vor einem Kampf mit der Vorbereitung. In der ersten Zeit besteht das Training größtenteils aus Kraft- und Ausdauer. Je näher der Kampf rückt, desto boxspezifischer werden die Einheiten und statt einmal wird zweimal am Tag trainiert. Drei bis vier Wochen vor einem Kampf beginnt die spannendste Phase, wie Tina Rupprecht selbst sagt, nämlich die Vorbereitung mit Sparringspartnern.

Sparring mit den Freundinnen

Oft stehen ihr dabei ihre Freundinnen und ebenfalls Weltmeisterinnen Eva Voraberger und Raja Amasheh zur Verfügung. Voraberger besitzt den Gürtel der WBC im Bantamgewicht und Amasheh den der WBO im Fliegengewicht. So auch vor dem Titelkampf am 16. Juni, als die beiden dann möglichst den Stil der bevorstehenden Gegnerin Yokasta Valle aus Costa Rica nachahmen sollten, damit sich Rupprecht schon darauf einstellen und eventuell eine Taktik zurechtlegen konnte. In der letzten Woche vor dem Kampf passiert nichts mehr, sagt sie. "Da zählt es, sich zu regenerieren und voll auf den Kampf zu fokussieren." Wenn es dann so weit ist und sie mit der Kontrahentin im Ring steht, "ist mir der Rest völlig egal. An dem Abend bin ich voll in meinem Kampf", erklärt Rupprecht.

Während des Kampfes gegen Valle, hatte sie immer das Gefühl, dass sie es schaffen könnte, berichtet die Siegerin. Nach der sechsten Runde bestätigte sich ihr gutes Gefühl, denn bei der WBC findet nach der sechsten Runde ein Open Scoring statt, bei dem die Ringrichter die bisherigen Ergebnisse der Runden an die Trainer geben. In der Ecke erfahren so dann die Boxerinnen vor der siebten Runde, wie die Wertungen momentan aussehen. "Ich dachte mir, einfach cool bleiben und es weiter durchziehen", sagt Rupprecht. Obwohl die Costaricanerin zehn Zentimeter größer ist und über eine höhere Reichweite verfügt, konnte "Tiny Tina", wie Christina Rupprechts Kampfname lautet, den Kampf für sich entscheiden. "Ich bin meistens die Kleinere, muss darum mehr arbeiten, aber das ist mein Stil. Ich komme gut mit großen Gegnern klar", sagt die Weltmeisterin.

Mit dem Triumph ging für sie ein Traum in Erfüllung. Aber gleichzeitig wisse sie, dass sie sich nicht auf dem Erfolg ausruhen dürfe. Sie lebt ihr Sportlerleben nach dem Motto "Always train like the challenger", "das heißt, dass ich jetzt noch härter trainieren muss als zuvor, damit ich meinen Titel auch behalte".

Ihr Ziel: Nummer eins

Neben der Titelverteidigung, die im Oktober oder November ansteht, hat "Tiny Tina" noch ein großes Ziel. Sie möchte die Nummer eins der Weltrangliste werden. Eigentlich hat dieses Ranking gar nicht so eine große Bedeutung, denn ganz vorne stehen die Boxer, die am meisten Kämpfe austragen, erklärt sie. Dabei ist aber zu beachten, dass besser Platzierte sich dann auch etwa gleich gut platzierte Gegner aussuchen müssen, ergänzt sie. Dies sei allerdings alles eine Frage des Geldes, denn Kämpfe gegen höher gelistete Boxerinnen kosten mehr Geld. "Wenn ich beispielsweise gegen die Nummer 50 der Welt boxe, dann kann es sogar sein, dass ich Punkte verliere, obwohl ich gewinne", erläutert sie das Ranglistensystem. Wer also Nummer eins werden will, muss mehrere Kämpfe gegen ebenbürtige Gegner gewinnen. Dies sei ein langfristiger Prozess sagt "Tiny Tina", die mit ihrer bisherigen Bilanz hoch zufrieden ist, denn "die Nummer eins hat schon 30 Kämpfe. Ich habe erst acht Profikämpfe und bin schon auf Rang sechs."

Besonders stolz ist sie auf den Weltmeistertitel, weil es die Krönung der Leistung des gesamten Teams sei, erzählt sie. Seit 2005 gibt es den Boxclub Haan und bereits seit 2006 hat sie dort als Amateurin ihre Karriere gestartet. Von Anfang an ist Alexander Haan ihr Trainer und Promoter. "Es war ein harter Weg aber wir haben es aus eigener Kraft geschafft, ohne uns zu verkaufen", berichtet Rupprecht stolz. Denn es gebe auch hin und wieder Versuche von Promotern, sie abzuwerben, aber "ich werde hier nie weggehen", beteuert Tiny Tina überglücklich und strahlt über das ganze Gesicht.

Wie sie zu ihrem Kampfnamen "Tiny Tina" kam

Ihr Kampfname entstand eher durch Zufall, erzählt sie. Ein Bekannter, der ab und an über ihre Kämpfe berichtet, habe sie in einem Text so betitelt. Anschließend sei es aber wieder untergegangen. Bei einer WBC-Convention in Baku im vergangenen Jahr als Tina Rupprecht im Rahmen des Charity-Projekts "WBC Cares" Kinder in Schulen besuchte oder ähnliche Aktionen durchgeführt wurden, nannte sie eine Organisatorin aus Amerika die ganze Woche über nur "Tiny Tina". Das habe sich bei ihrem ganzen Team eingeprägt und Tina hat sich gedacht, "ach das ist ja ganz süß, das passt" und trat künftig im Ring unter diesem Namen auf.

Auch bei ihr komme es manchmal vor, dass sie keine Lust auf Training habe, dies sei auch ganz normal sagt sie, aber das dauert nicht lange und ist schnell wieder vorbei, da sie ein klares Ziel vor Augen habe: Titelverteidigung und Nummer eins der Weltrangliste werden. Bis auf die größere Aufmerksamkeit der Medien habe sich für sie seit dem Titelgewinn nicht viel verändert, sagt sie. "Ich möchte auch gar nicht anders behandelt werden als zuvor", betont Rupprecht.

Jungen Frauen, die ebenfalls eine Boxkarriere anstreben, rät sie, dass die Mädels immer an sich glauben müssen, nicht von Rückschlägen unterkriegen lassen und immer weiter machen sollen. Der Fleiß zahle sich aus, wenn man ein Ziel habe und genau wisse, wohin der Weg gehen soll, sagt sie.
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