Wasser für Augusta Vindelicum

Wasser für Augusta Vindelicum
Die Stadt Augsburg bewirbt sich für die Anerkennung als Weltkulturerbe mit ihrem seit dem Mittelalter einzigartigen System der Wasserwirtschaft, mit ihren Wassertürmen und Kanä-len, die bis heute die Altstadt prägen, mit ihren prächtigen Renaissancebrunnen und techni-schen Meisterleistungen auf dem Weg in die Industrialisierung. Dass die Wasserversorgung der Stadt schon zur Römerzeit ein spannendes Thema war, bewies ein Vortrag des Stadtar-chäologen Dr. Sebastian Gairhos im Informationspavillon 955 in Königsbrunn.
Dass Wasser damals schon reich machen konnte, veranschaulichte im Vorfeld das Ehepaar Renate und Marcus Koppenberger. Die Experimental-Archäologen trugen die Gewänder ei-nes römischen Flussreeders und seiner Gattin. Als Vorbild diente Renate Koppenberger, die die Kleidung detailgenau von Hand angefertigt hatte, das in Mainz gefundene Grabmal des Paares mit seiner figürlichen Darstellung. Sowohl der reiche Schmuck der Dame als auch der Geldbeutel, den der Reeder in der Hand hielt, unterstrichen den Wohlstand der beiden.
Dr. Gairhos begann seinen Vortrag mit dem Hinweis auf die Bedeutung von Wasser für die römische Stadt Augsburg: Es wurde gebraucht für die Thermen und Bäder, für das Gewerbe (zum Beispiel das Walken von Wolle), für den Antrieb der Mühlen und die Entsorgung von Fäkalien. Fließendes Wasser in den Latrinen war damals selbstverständlich!
Die strategisch günstige Lage des römischen Kastells auf der Hochterrasse nahe des Zusam-menflusses von Lech und Wertach hatte einen Nachteil: Von etwa 10 bis 70 n. Chr. lebten dort ca. 3000 Soldaten. Eine kleine benachbarte Siedlung versorgte sie mit Lebensmitteln. Wie aber sollte man all diese Menschen bei einem Grundwasserspiegel von minus zwölf und einem Flusspegel von minus zwanzig Metern mit Wasser versorgen?
Das Trinkwasser kam aus zahlreichen Brunnen, von denen die Archäologen etliche im Stadt-gebiet ausgegraben haben. Für das Brauchwasser jedoch legten die Soldaten einen mehr als 35 Kilometer langen künstlichen Kanal an. Bei Igling stauten sie die Singold auf und leiteten von dort aus das Wasser über die Hochterrasse bis in die Stadt. Bei einem Gefälle von etwa hundert Metern wurde eine Menge von einem Kubikmeter pro Sekunde erreicht, eine enorm hohe Kapazität – und eine technische Meisterleistung, denn ein zu hoher Wasserdruck hätte den Kanal zerstört, und zu wenig Wasser sollte schließlich auch nicht ankommen.
Das Lager brannte ab und wurde nicht wieder aufgebaut. Das Dorf jedoch entwickelte sich weiter und wurde allmählich zur römischen Stadt Augusta Vindelicum.
Einen ersten Hinweis auf den Kanal fand man in Göggingen bei der Bergiusstraße beim Lehmabbau. Im Wald bei Hurlach ist er als Schneise noch deutlich sichtbar. 1970 legte Otto Schneider bei der Ziegelei Föll einen Querschnitt an. Durch mehrere Grabungen, insbeson-dere beim Diako, fanden die Archäologen heraus, dass das Wasser von Südwesten her, bei Heilig Kreuz, in die Stadt geleitet wurde. Dort musste kein Anstieg überwunden werden. Viel Fundmaterial wurde aus den Sedimentschichten geborgen: Keramik, Tierknochen (auch mit Schlachtspuren), Fibeln, Münzen, Armreifen, alles mit einer reichlichen Kalkkruste überzo-gen. Angelhaken lieferten einen Hinweis auf einen möglichen Fischbesatz.
Entlang des Kanals reihten sich wie Perlen an einer Schnur kleine Siedlungen, die einerseits vom Kanal profitierten, andererseits wahrscheinlich auch für seine Pflege und Instandhal-tung zuständig waren. Dazu gehört auch der in Königsbrunn ausgegrabene Vicus mit dem Bad, der wie die anderen auch näher am Wasser als an der Via Claudia lag.
In der Siedlung beim heutigen Fußballstadion fanden die Archäologen Amphoren für Wein aus Rhodos, Austernschalen, Militaria, Fibeln, Toiletten- und Schreibgeräte.
Funde wie Münzen, Fibeln oder Töpferstempel auf Terra-Sigillata-Scherben helfen den Wis-senschaftlern beim Datieren. Der späteste Fund war eine Gürtelschnalle aus der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts. Also war diese römische Wasserversorgung für Augusta Vindelicum mindestens 350 Jahre in Betrieb.
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