10.000-Bewohner-Viertel in Augsburg-Haunstetten: „Wollen nicht die Gelüste der Münchner befriedigen“

Auf diesen Feldern und Wiesen soll das neue Quartier entstehen. Foto: Stadt Augsburg, Geodatenamt; Geobasisdaten, Bayer. Vermessungsverwaltung 2015

Das neue Baugebiet in Haunstetten Südwest nennt die Stadt „entscheidend für Augsburg“. Auch deshalb sollen die Augsburger mitreden, wie das Viertel einmal aussehen wird. Baureferent Merkle macht derweil klare Ansagen: 30 Prozent der Gebäude sollen in sozialem und einkommensorientiertem Wohnungsbau entstehen. Man wolle auch jungen Augsburger Familien die Chance auf ein Eigenheim im Stadtgebiet ermöglichen. 

Es rumort im Verwaltungsbau am Rathausplatz. Eine Baustellen-Kakophonie bricht sich durch die schmalen Gänge im vierten Stock Bahn. Es wird renoviert. Schwere Geräte wummern, ächzen, dröhnen: Die passende Geräuschkulisse für einen Termin, der von einem Bauvorhaben handelt, das die Zukunft der Stadt prägen soll: Das neue Quartier im Südwesten Haunstettens, in dem einmal 10.000 Menschen wohnen sollen.

Allein die Dimension des Areals ist gewaltig: Mit 180 Hektar ist es fast dreimal so groß wie das Gelände der ehemaligen Sheridan-Kaserne. Dieses Gebiet zu entwickeln, "ist für ganz Augsburg entscheidend", sagte Christian Käßmaier vom Stadtplanungsamt. Baureferent Gerd Merkle sprach von einem Projekt für die nächste und übernächste Generation. Und es sei maßgeblich, um die Preisstabilität in der Stadt aufrecht zu erhalten: "Die kommenden zehn bis zwölf Jahre können wir noch mit Bauland abdecken."

Mehr Platz für die Tram durch zweispurige Haunstetter Straße?

Spätestens dann soll in Haunstetten Südwest alles startklar sein. Hetzen lassen möchte sich die Stadt davon nicht. Es soll etwas Gescheites werden, etwas Zukunftsfähiges. Man wolle, sagte Merkle, "nicht das machen, was man halt immer schon gemacht hat". Schließlich werde das Gebiet bis ins Jahr 2050 etappenweise bebaut. Um zu erörtern, wie das Wohnen der Zukunft aussieht, weilten kürzlich Experten aus ganz Europa in der Stadt, deren Ideen Merkle verblüfften: "Witzige Sachen, über die man heute im ersten Moment irritiert ist, die utopisch klingen."

Supermärkte, die auf dem Dach das Gemüse anbauen, das sie unten verkaufen, zum Beispiel. Oder ob die Haunstetter Straße nicht zwei- statt vierspurig sinnvoller wäre, mit einer parallel zur Tramlinie 3 verlaufenden Linie 2 sowie Fahrradstreifen. "Das Verkehrsaufkommen zeigt, das ginge", ergänzte Merkle, der erwartet, dass sich der individuelle Verkehr stark verändert.

5000 Arbeitsplätze sollen in Haunstetten Südwest entstehen

Man dürfe jedenfalls vorab keine Vision verbieten, forderte Merkle, der nur eine grobe Vorgabe nannte: Ein Drittel Wohnen, ein Drittel Arbeiten - 5000 Stellen sollen entstehen - ein Drittel Grünflächen. Wie genau der Dreiteiler gestaltet wird, darüber sollen zunächst die Augsburger diskutieren. Bis ins Jahr 2020 hinein sind mehrere Bürgerinformationen und -werkstätten geplant, die erste am Mittwoch, 16. Mai. Die Stadt fährt dabei zweigleisig. Ein Teil der Veranstaltungen betrifft das neue Quartier, ein anderer beschäftigt sich mit dem "alten Haunstetten".

Ein wichtiger Aspekt, ist Haunstetten mit 30.000 Einwohnern doch bereits der zweitgrößte Stadtteil Augsburgs. "Und diese Menschen werden eine Menge neuer Nachbarn bekommen", sagte der für diesen Part zuständige Tobias Häberle vom Planungsamt, der sicher ist, dass das bestehende Haunstetten vom neuen Quartier profitieren wird. Eben deshalb sollen neu und alt verzahnt entwickelt werden.

Merkle: "Es darf kein Reichenviertel werden"

Wer diese neuen Nachbarn sein werden, darüber gab Merkle einen Abriss - und wurde plötzlich erstaunlich deutlich. "Es darf kein Reichenviertel werden", mahnte er. Einkommensorientierter Wohnungsbau sei "zwingend drin" in den Plänen, mindestens 30 Prozent der Bauten. Auch junge Familien aus Augsburg wolle man bei Grundstücken und Wohnungen bevorzugen. "Es bringt ja nichts, mit dem Baugebiet die Gelüste der Münchner zu befriedigen", betonte der Baureferent, der zusammenfasste: "Sonst hätten wir was falsch gemacht."

Ohnehin arbeite man wider die Fehler der Vergangenheit. Man habe in den 90ern in Haunstetten städtebauliche Fehlentscheidungen getroffen, auch er selbst, räumte Merkle ein, der im Stadtteil aufgewachsen ist. "Wir haben alle Nahversorger in die Gewerbegebiete verlagert. Das war falsch, allein weil unsere Gesellschaft immer älter wird."

Ende der 2020er Jahre, so der Plan, sollen die ersten Häuser errichtet werden. Dann wummert, ächzt und dröhnt es in Haunstetten Südwest.
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U. Becher aus Königsbrunn | 09.05.2018 | 08:24  
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