Augsburgerin schreibt Buch über das Leben und Sterben ihrer unheilbar kranken Tochter

Ein Entdeckerwesen habe sie gehabt, beschreibt Ingrid Krist ihre Tochter. Auf dem Foto aus dem Jahre 2008 hat Katharina gerade einen Kugelschreiber erfolgreich auseinander genommen. Das wissbegierige Kind stellte seinen Eltern viele Fragen. Auch solche, deren Antworten Ingrid Krist viel Überwindung kosteten. Fotos: privat
 
Mit Therapiehund "Wombi" beim Bunten Kreis: Größer als 68 Zentimeter wurde Katharina nie.


Als sie beschreibt, wie sie mit ihrer Tochter den "Himmelskoffer" packte, stockt Ingrid Krist für einen Moment. Dann zählt sie auf, was Katharina alles mit in den Himmel nehmen wollte: Schokopudding, Bücher und natürlich Puzzles. Denn Puzzeln, das sei die große Leidenschaft des Mädchens gewesen. Der Gedanke, dass im Himmel alles gut werde, habe für sie und ihre Tochter überhaupt erst möglich gemacht, diese schwere Zeit irgendwie zu überstehen, erzählt die Mutter. Als die Schmerzen 2009 dann zu stark wurden, habe Katharina gesagt, dass sie nun in den Himmel reisen wolle. Kurze Zeit später starb sie im Alter von fünf Jahren.

Die Leidensgeschichte der Tochter, die freilich auch eine Geschichte ihres eigenen Leids und des Umgangs mit Schicksalsschlägen ist, hat die Augsburgerin Ingrid Krist nun in einem Buch veröffentlicht. "Gott gibt die Nüsse, aber er macht sie nicht auf", lautet der Titel. Um den schweren Prozess, das zu akzeptieren, was man nicht ändern kann, darum gehe es, erklärt sie. Akzeptieren, "auch wenn das eine harte Nuss zu knacken ist".

"Mama, muss ich vor euch sterben?"

Das Schreiben sei auch eine Möglichkeit gewesen, die eigentlich unbeschreibliche Zeit zu verarbeiten. Diese Zeit, die am 23. Januar 2004 mit Katharinas Geburt begann. "Es war das erste Kind. Ein Wunschkind." Im vierten Lebensmonat "haben wir dann erfahren, dass da etwas nicht stimmt", erzählt die heute 46-Jährige. Katharina sei kaum gewachsen und habe Probleme gehabt zu atmen. Es begann eine Odyssee durch Arztpraxen und Kliniken. Eine genaue Diagnose konnte nie gestellt werden. Ursache sei wohl ein genetischer Defekt, der dazu führt, dass der Körper nicht richtig verstoffwechselt. Mit eineinhalb Jahren musste Katharina am Herzen operiert werden. Danach ging es ihr zunächst besser - doch nur für kurze Zeit. 2007 hatte das Mädchen Flüssigkeit in der Lunge. Ein Versuch, das Organ zu entwässern, schlug fehl.

"Wir gingen mit der Diagnose nach Hause, dass Katharina nun sterben wird", beschreibt die Mutter. Doch dann habe "Katharina beschlossen zu leben." Das Kind musste in der Folge zwar 24 Stunden am Tag mit Sauerstoff versorgt werden, dennoch sei Katharina in dieser Zeit vergleichsweise fit gewesen.

"Es war ein Auf und Ab" - die ganzen fünf Jahre über. Durchstehen könne man das nur, wenn man lerne zu akzeptieren, betont Ingrid Krist noch einmal. "Sie war einfach etwas Besonderes" - ein besonderes Kind, vor allem was ihre Lebensfreude und ihren Wissensdurst anbelangte.

"Geistig war Katharina fit, und sie hat immer viele Fragen gestellt." Auch solche, deren Antworten die Eltern viel Überwindung kosteten. "Mama, muss ich sterben?", und "Mama, muss ich vor euch sterben?" Ingrid Krist atmet tief ein. "Anfangs bin ich diesen Fragen immer ausgewichen." Aber irgendwann habe sie dann Ja sagen können, erzählt sie.

Danach sprach sie mit Katharina oft über den Himmel. Und Mutter und Tochter packten gemeinsam den "Himmelskoffer".

Als Katharina im Oktober 2009 starb "war ich am Ende meiner Kräfte", sagt Ingrid Krist. "Es war eine schlimme Gefühlswelt, denn zuerst war ich wahnsinnig erleichtert. Und das wiederum war eine Katastrophe, Erleichterung zu spüren, obwohl meine Tochter gerade gestorben war. Das hat mich wahnsinnig gemacht." Im Laufe der Zeit sei dann die Traurigkeit gekommen - und eine große Leere. "Mit dem Tod von Katharina war auch der Inhalt in meinem Leben weg", sagt die Mutter. Katharina war ihr einziges Kind.

Ingrid Krist arbeitet heute als Kinderkrankenschwester

Auch wenn die Zeit danach noch schwerer war als die Zeit mit Katharina, sie habe das durchstehen müssen, betont Ingrid Krist. Wieder ging es darum, zu akzeptieren - diesmal, dass es irgendwie weitergehen muss. Sie nahm sich vor, so stark zu sein, wie ihre Tochter, die so viel länger bei ihren Eltern blieb, als medizinisch zu erwarten war. "Das ist der Nusskern, den ich mir erarbeitete."

Inzwischen hat die gelernte Industriekauffrau auch wieder einen Inhalt in ihrem Leben gefunden. Sie schulte um. "Für mich stand sehr bald fest, ich möchte jetzt etwas Soziales machen, ich möchte mit dem, was ich in dieser Zeit gelernt habe, etwas anfangen." Ingrid Krist machte eine Ausbildung zur Krankenschwester und arbeitet heute in der Kinderklinik.

Ihr Buch "Gott gibt die Nüsse, aber er macht sie nicht auf" stellt Ingrid Krist am Mittwoch, 20. Juni, von 16 bis 17 Uhr, in den Räumen des Bunten Kreises in Augsburg in der Stenglinstraße 2 vor.
Wer teilnehmen möchte, wird gebeten, sich bei Ingrid Krist unter ingrid.krist@email.de anzumelden
.
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.