Sozialstation stößt an ihre Grenzen

Ulla Holstein und Hans-Peter Roßkopf. Foto: Blöchl
 
Von links: Hans-Peter Roßkopf, Ulla Holstein, Stadtpfarrer Markus Bader, Vorstandsmitglied Gerhard Ketzler. Foto: Blöchl

Personalmangel wird in der Pflege immer mehr zu einem großen Problem. Auf der Generalversammlung der Lechhauser Sozialstation fand die Geschäftsführung deutliche Worte.

Durchaus beeindruckend war die Bilanz, die Geschäftsführerin Ulla Holstein auf der diesjährigen Generalversammlung der Sozialstation vor den zahlreichen Mitgliedern präsentierte. Die Aufgaben und Bereiche, welche die Sozialstation abdeckt, haben sich in den vergangenen Jahren vervielfacht. Die Zahl der Pflege- und Hilfsbedürftigen steigt kontinuierlich, genauso wie die Anforderungen, wie zum Beispiel durch eine neue Dokumentationspflicht von Kassen und Leistungsträgern. Mittlerweile beschäftigt der Verein in Lechhausen 70 Mitarbeiter, 28 Autos sind fast rund um die Uhr im Einsatz.

In der klassischen Pflege sind zwei Gruppen mit 30 Mitarbeiterinnen, mit 14 Autos, beschäftigt. Häusliche Betreuung und hauswirtschaftliche Hilfe wird zunehmend in Anspruch genommen. So soll der schwierige Weg aus der gewohnten Umgebung in eine stationäre Einrichtung solange wie möglich hinausgezögert werden. Dabei hilft auch der Hausnotruf, der seit wenigen Jahren zum Angebot gehört. Auch so können ältere Menschen ihr Zuhause weiter nutzen und wissen, dass sie trotzdem im Notfall auf Hilfe bauen können.

Mobile Rehabilitationsmaßnahmen zählen seit Neuestem zum Repertoire der Sozialeinrichtung. Ergo- und Physiotherapie oder auch Massagen werden bei den Patienten zuhause durchgeführt, der oft beschwerliche Weg in Praxen entfällt dadurch. Dazu gekommen ist auch eine mobile Essensversorgung. Aus dem Krankenhaus Friedberg werden täglich 70 bis 90 Mahlzeiten mit drei Gängen geholt und dann frei Haus geliefert. Auch hier steigt die Zahl derer, die dieses Angebot in Anspruch nehmen, rasant an, vor allem auch wegen der flexiblen und unbürokratischen Möglichkeiten von Bestellung und Lieferung. Nicht zuletzt stellt der an der Sozialstation angedockte Mehrgenerationentreff Lechhausen mit der neuen Leiterin Elke Stolz einen wichtigen Baustein in der sozialen Versorgung im Stadtteil dar. Eine Verbesserung der beengten Situation für die Mitarbeiter in der Geschäftsstelle in der Kantstraße erhofft man sich durch den für Ende 2019 oder Anfang 2020 geplante Umzug in das Gebäude des neuen „Grünen Kranzes“ am Schlössle.

Wirtschaftlich solide, personell am Rande

Positiv das wirtschaftliche Ergebnis – ein kleiner Überschuss erfreute sowohl die Mitglieder als auch Vorstand Hans-Peter Roßkopf. Die Mitgliederzahlen des Trägervereins weisen allerdings eine leicht rückläufige Tendenz auf.

Sorgen, sowohl aktuell aber vor allen in die Zukunft gesehen, bereitet aber vor allem die personelle Situation. Geeignetes Personal zu finden stellt sich sehr schwierig dar, damit steigen die Belastungen der vorhandenen Mitarbeiter. Zunehmende Überstunden und daraus folgend auch Krankheiten sind Folgen, die die Sozialstation vor Probleme stellen. Schnelle Lösungen sind nicht in Sicht. Noch kann man allen Hilfsbedürftigen helfen – man hofft, dass das in Zukunft so bleiben wird.

Geschäftsführerin Ulla Holstein im Interview

Frau Holstein, auf der Generalversammlung haben Sie davon gesprochen, dass „Pflegenotstand bei uns angekommen ist“. Wie meinen Sie das genau?

Ulla Holstein: Uns fehlen derzeit mindestens zwei Fachkräfte, zukünftig brauchen wir noch mehr. Die Mitarbeitersuche gestaltet sich schwierig. Im Gegensatz zu früher gibt es wenig Bewerbungen, es gibt auch wenig geeignete Kräfte. Eine große Anzeige war erfolglos, es gab keine geeigneten Bewerberinnen und Bewerber.

Glauben Sie, dass das an der Bezahlung der Pflegekräfte liegt?

Holstein: Ich glaube es geht um ein tiefer gehendes Problem. Wir zahlen Tarif, angelehnt an den öffentlichen Dienst, mit vielen Zuschlägen, die Bezahlung ist nicht schlecht. Wir würden auch gerne mehr zahlen für diese schwierige und verantwortungsvolle Arbeit, aber dann müssten die Kassen das auch entsprechend refinanzieren.

Wie wirkt sich der Personalmangel auf die vorhandenen Kräfte aus?

Holstein: Die Belastungen steigen, mehr Überstunden fallen an. Wir wollen ja nicht die Qualität der Betreuung vermindern. Wir haben auch viele nicht mehr ganz junge Kräfte, da schlägt sich die Belastung dann auch in Krankheit nieder. Was wiederum bei den anderen zu noch mehr Belastung führt.

Was haben Sie unternommen, um neue Kräfte zu finden?

Holstein: Wie schon gesagt, eine Anzeige war erfolglos. Wir werben um Praktikanten an den einschlägigen Fachschulen in der Hoffnung, dass da auch Nachwuchs bei uns bleibt. Im Übrigen: Auch Männer sind gerne gesehen!

Wie viele Kräfte könnten oder würden Sie einstellen?


Holstein: Derzeit könnten sofort zwei Kräfte eingestellt werden, das wird perspektivisch auch mehr werden.

Was bedeutet es für die Sozialstation, wenn sie keine Kräfte finden?

Holstein: Wir haben es immer geschafft, das Vertrauen unserer Patienten in unsere verantwortungsvolle Arbeit zu erfüllen. Das wollen wir auch weiterhin. Bei der Belastung unserer Mitarbeiter haben wir aber auch eine Fürsorgepflicht, die uns genauso wichtig ist. Beschäftigte dürfen nicht verheizt werden. Wir wollen und werden keine Patienten abweisen. Das ist auch noch nicht passiert. Wenn es aber noch schwieriger werden sollte, geeignetes Personal zu finden, wird es für die Zukunft schwierig, der erwarteten Nachfrage nach Pflege gerecht zu werden.
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