Der Himmel voller Trompeten: Bernd Dorfner ist Augsburgs letzter Blechblas-Instrumentenbauer

 

Augsburg - Von der Decke hängen Trompeten, Posaunen, Waldhörner und sogar eine Tuba, dazu allerlei Bauteile. Darunter sitzt ein Mann an einem mit Werkzeugen und Pflegemitteln überfüllten Tisch. Er trägt ein T-Shirt und Jeans, die von Hosenträgern an ihrem Platz gehalten werden. Seine Finger sind schwarz von einem Messingputzmittel. Es ist ein Mann, der seinen Beruf aus tiefster Seele liebt: Auch noch mit 75 Jahren steigt Bernd Dorfner beinahe täglich von seiner Wohnung hinunter in die Werkstatt an der Grabenstraße in Oberhausen. Er ist ein Perfektionist. Mit geradezu Zen-artiger Geduld zwirbelt er winzige Schräubchen, bringt sie mit einer Säge, die er selbst hergestellt hat, auf die richtige Länge, schleift so lange mit speziellem Öl an einem Ventil, bis es passt. Tröpfchen für Tröpfchen. Mit Billig-Instrumenten aus Asien kann er freilich nichts anfangen. Bei Bernd Dorfner gibt es noch echte Handwerksqualität. Die Frage ist nur, wie lange noch. Denn leider ist kein Nachfolger in Sicht.

Als Sohn eines Vaters, der Professor für Trompete am Salzburger Mozarteum war, kam Bernd Dorfner natürlich schon als Kind zur Musik. Alle dachten, er müsse ein ähnliches Genie werden, wie der Papa. Doch sein Talent liegt eindeutig im Handwerklichen. Als der Vater 1957 zum Instrumentenbauer Kurt Scherzer nach Augsburg musste, bot er an, dort nach einer Lehrstelle für den Filius zu fragen. So kam dieser mit 15 Jahren nach Augsburg und lernte das Handwerk von der Pike auf. Mit seinem Gesellenstück wurde er Kammer-, Landes- und Bundessieger.

Dass er Österreicher ist, hört man kaum noch: "Ja mei, man passt sich halt an", sagt er. 1961 übergab Scherzer den Betrieb an seinen Meister, doch auch dieser hörte 1997 auf. Dorfner selbst machte sich 1976 selbstständig. "Jetzt bin ich der einzige Blechblas-Instrumentenbauer in Augsburg", berichtet er.

Natürlich spielte Bernd Dorfner auch selbst in einer Kapelle. Zu den schwäbischen Blechbläserbuben nach Gersthofen schickte ihn einst sein Chef, und diesen blieb er noch treu, als er schon längst kein Bub mehr war, sondern ein gestandenes Mannsbild. "Mit dem Moped bin ich zwischen Augsburg und Gersthofen gependelt. Fünf Mark weis' hab ich das abbezahlt", erinnert er sich. Aus den Bläserbuben gingen um 1980 die Schwäbischen Musikanten hervor. Bei diesen spielte Dorfner - am liebsten Big-Band-Musik mit der Trompete - bis es wegen seiner Parkinsonerkrankung nicht mehr ging.

In der kleinen Werkstatt mit angeschlossenem Geschäft geht die Arbeit nie aus. In ein gutes Instrument, das schon mal mehrere Tausend Euro kosten kann, investiert der Besitzer eben auch, um es instand zu halten. Von Trompeten für 100 Euro aus Asien hält Dorfner gar nichts: "Glump", sagt er kurz. Wichtig findet er, dass Kinder nicht zu früh mit dem Musizieren beginnen: Erst, wenn die Schneidezähne gewechselt haben. Und dann sollte man weder das billigste Instrument nehmen, noch ein teures, sondern ein mittelklassiges: "Ein guter Klarinetter holt auch aus einer miesen Klarinette noch war raus, aber ein Anfänger kann das nicht. So verlieren die Kinder schnell den Spaß daran", hat er erfahren. Oft widmet sich Bernd Dorfner auch nach 18 Uhr und am Wochenende den Instrumenten. Vielleicht ist es deshalb so schwer, einen Nachfolger zu finden? "Die jungen Leute heute wollen doch alle um 16 Uhr Feierabend haben", glaubt der 75-Jährige. Aber wenn der Beruf Passion ist, so wie bei ihm, dann fällt der Verzicht auf Freizeit nicht schwer. Dann merkt man den gar nicht.

Ine Dorfner ist Holländerin. Die 63-Jährige lernte ihren Mann 1974 bei einem bayerischen Abend kennen, der veranstaltet wurde, als die Gersthofer Musikanten in den Niederlanden gastierten: "Ich wusste gleich, er ist der Richtige." Die Grundschullehrerin gab ihren Beruf auf und zog nach Augsburg. Das Paar bekam eine Tochter, Bernadette, auch diese ist Lehrerin. Zwar liebt auch sie die Musik, sie spielt Klarinette, in Papas Fußstapfen wollte sie jedoch nicht treten: "Vielleicht, weil sie gesehen hat, wie das ist: Das Geschäft geht immer vor", meint Ine Dorfner. In der Multi-Kulti-Gesellschaft von Oberhausen hat sich die Familie immer wohl gefühlt. In dieser Seitenstraße der Zollernstraße ist es ruhig und beschaulich, man möchte kaum glauben, dass es nur wenige Hundert Meter bis zur belebten Ulmer Straße sind. Und die Enkel? Der älteste ist Max, mit seinen neun Jahren "hilft" er genauso wie sein jüngerer Bruder Michael liebend gern dem Opa in der Werkstatt. Doch für einen potenziellen Nachfolger ist er einfach noch viel zu jung. Bis er so weit ist: "So lange geht das nicht mehr hier", murmelt Bernd Dorfner unter seinem Schnurrbart hervor. Diesen trägt er seit vielen Jahrzehnten, beim Spielen hat er ihn nie gestört: "Die Trompete geht unten rein", meint er und grinst.

Zwei Lehrlinge hat er selbst ausgebildet. Beide sind dem Metier jedoch nicht treu geblieben. Der eine fährt jetzt Lkw, die andere wechselte ins Büro. Mit den Lehrlingen, das war so eine Sache. Um junge Leute auszubilden, hätte Dorfner sicher die Geduld, aber eventuell nicht die Nerven: "Wenn ich etwas dreimal sagen musste, hat es mir gelangt", sagt er trocken.

Und so macht Bernd Dorfner eben weiter. Er spielte mit dem Gedanken, zum Jahresende Schluss zu machen. Aber warum, wenn es noch geht und Spaß macht? Genug Arbeit hat er, denn allzu viele seiner Zunft gibt es nicht mehr. Mit seiner Frau Ine gönnt er sich ab und zu einen Urlaub im Wohnwagen, beide lieben sogar das Wintercamping. Doch beide freuen sich auch, wenn sie dann nach den Ferien das Geschäft und die Werkstatt wieder aufsperren können. (Von Monika Grunert Glas)
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