Erinnerungskultur als Streitthema: Initiative "Denkort" wehrt sich gegen Privatisierung der Halle 116

Misstrauen prägte die Diskussion, Kulturreferent Thomas Weitzel (2.v.r.) hatte eine schweren Stand. Foto Blöchl
 
Seit Jahren ein Streitobjekt - die Halle 116. Die Zukunft ist unklar. Foto Blöchl
Augsburg: Halle 116 |

Zum Ende des Zweiten Weltkrieges war die Halle 116 ein Außenlager des Konzentrationslagers Dachau. Wie man in dem Gebäude in der ehemaligen Sheridan-Kaserne einen würdigen Erinnerungsort schaffen könnte, darüber gibt es seit Jahren Diskussionen. Bereits 1985 stand das Thema zum ersten Mal auf der Tagesordnung. „Passiert ist bisher nichts“, wie es Harald Munding, Sprecher der Initiative Denkort, nun während eines Treffens im Bürgerhaus Pfersee drastisch ausdrückte. Die Teilnehmer kamen zusammen, um über die geplante Privatisierung und künftige Nutzung der Halle zu diskutieren. 

Nicht gerade vertrauensvoll war die Stimmung im Bürgerhaus. Anlass für das Treffen war die vom Stadtrat mit 51 zu vier Stimmen beschlossene Privatisierung des Areals. In Anwesenheit von Kulturreferent Thomas Weitzel, den Stadträten Volker Schafitel (Freie Wähler), Alexander Süßmair (parteilos) und Verena von Mutius (Grüne) gab es teils heftige Kritik an der Stadtverwaltung, die Beschlüsse des Stadtrats mehrfach nicht umgesetzt habe.
So gab es 2009 und 2016 Beschlüsse, die ohne Konsequenzen blieben. Professor Philipp Gassert von der Universität Augsburg hatte 2016 ein Konzept zur Nutzung der Halle als Erinnerungsort vorgelegt, auch dieses sei bisher nicht umgesetzt worden, kritisierten die Teilnehmer nun. Um gewisse Sicherungen herbeizuführen, läuft derzeit ein Antrag, das Ensemble unter Denkmalschutz zu stellen. „Dieser Antrag verzögert das Verfahren aber erheblich“, merkte Weitzel an.


Verträgt sich Gewerbe mit Erinnerungskultur?

Eine ziemlich heftige Diskussion zu Beginn drehte sich um die Eigentumsverhältnisse des Geländes. Es scheint sich derzeit noch in Treuhandbesitz zu befinden und müsste von der Stadt erst angekauft werden. Im ursprünglichen Bebauungsplan war das Gebiet als Gemeinbedarfsfläche ausgewiesen, durch den Beschluss des Stadtrats wird es jetzt zum größten Teil in eine Gewerbefläche umgewandelt. Ein privater Investor scheint auch bereit, das Gelände zu erwerben und zu entwickeln. Mit keinem Wort kam allerdings zur Sprache, um welche Art der Nutzung es sich handeln soll.
Auch wenn sich alle über die Notwendigkeit und Wichtigkeit von Orten der Erinnerungskultur, insbesondere auch der Nazizeit und der Zeit des kalten Krieges, einig waren, bei den Formen und Möglichkeiten der Halle 116 gingen die Meinungen weit auseinander. Marcella Reinhardt vom Verband der Sinti und Roma in Schwaben plädierte leidenschaftlich für einen Ort, der insgesamt als Teil von Erinnerung und Denkanstoß fungieren soll. Die Einrichtung eines Bildungs- und Begegnungshauses wäre dabei zu prüfen. Auch andere Teilnehmer plädierten dafür, die gesamte Halle mit dem Umfeld zu entwickeln und zu gestalten. In der gewerblichen Nutzung des größten Teils der Halle und des Umfeldes sahen sie eine unauflösliche Konfliktsituation.
Während Schafitel und Süßmair die Kritik unterstützten, verteidigte von Mutius den Stadtratsbeschluss, weil dadurch zumindest zwei Schotten des Gebäudes, also etwa 25 Prozent der Fläche als Ausstellungs- und Begegnungsort gesichert würden.
Weitzel wies auf die konzeptionellen Probleme hin, die beim „Bespielen“ einer Fläche von 4000 Quadratmetern auftreten könnten. Für das Wort „Bespielen“ erntete er einige Kritik. Zustimmung fand hingegen seine Aussage, dass das Gutachten von Professor Gassert „eine Leitplanke für die künftige Nutzung eines Teils des Gebäudes“ sein werde. Das Konzept sieht vor, durch die Halle einen Geschichtspfad zu legen, der die Entwicklung das Baus von seiner Entstehung als Teil einer Nazikaserne über die Verwendung als KZ-Außenlager, bis zu seiner Nutzung durch das US-amerikanische Militär dokumentiert. Weitzel betonte auch, dass die Stadt keine Organisation oder Gruppe gefunden habe, die die inhaltliche Gestaltung übernehmen würde.

Rücknahme des Stadtratsbeschlusses gefordert.

Das Ergebnis des Treffens war eindeutig. Die Initiative fordert, die Halle als Gemeinbedarfsfläche zu sichern und den Beschluss des Stadtrats entsprechend zu revidieren. Das Grundstück und die Halle sollten dann umgehend in das Eigentum der Stadt Augsburg gebracht werden. Nur dadurch könne sichergestellt werden, dass in dem Gebäude eine Nutzung erfolgt, die die Vergangenheit des Baus würdigt und die Pläne der Stadt, hier einen Lern- und Gedenkort zu schaffen, ermöglicht.
Das weitere Vorgehen soll während eines Treffens am 19. Februar ebenfalls im Bürgerhaus beraten werden.
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