Hilfe für Heuschnupfen-Patienten: Augsburger Uni-Zentrum für Gesundheitswissenschaften plant Pollen-App

Sagen dem Heuschnupfen den Kampf an: Claudia Traidl-Hoffmann, Direktorin des Unikat, Geografin Franziska Häring, Geografin Ulrike Koller vom Helmholtz Zentrum München und Jens Brunner vom Lehrstuhl für Health Care Operations. Foto: Kristin Deibl

Mehr als 5000 Birken stehen in Augsburg. Im Frühjahr blühen sie, verteilen ihre Pollen und quälen so manchen mit juckenden Augen und laufender Nase. Das Universitäre Zentrum für Gesundheitswissenschaften am Klinikum Augsburg (Unikat) unter Leitung von Dr. Claudia Traidl-Hoffmann sammelt die Pollen und untersucht sie in einer bislang bundesweit einmaligen Studie. Deren Ergebnisse fließen in die Entwicklung einer App ein, die Allergiker mit relevanten Informationen versorgen soll.

Rund 40 Prozent der Bevölkerung leiden unter einer Pollenallergie, erläutert Traidl-Hoffmann die Relevanz der Untersuchungen. Und auch Nicht-Allergiker seien oftmals sensibilisiert und litten unter Symptomen. Die Direktorin des Unikat, Chefärztin der Augsburger Umweltambulanz und Professorin der TU München warnt davor, die Allergie zu bagatellisieren. Viele Patienten seien massiv in ihrer Lebensqualität eingeschränkt.

Umweltgifte erhöhten die Aggressivität der Pollen noch zusätzlich, erklärt Traidl-Hoffmann. "Der Klimawandel ist ein zentrales Thema in der Allergieforschung", sagt die Medizinerin. In Interaktion mit dem Helmholtz Zentrum in München lasse man Birken im Gewächshaus wachsen und setze die Pollen verschiedenen Umweltfaktoren aus. "Dann schauen wir, ob sich die Allergene verändern." Für Schadstoffe wie Stickoxide und Ozon etwa könne man nun nachweisen, dass die allergene Wirkung verstärkt würde.

Der "Davos-Effekt"

Die Wissenschaftler des seit 2013 bestehenden Unikat haben in ihren Studien aber auch Faktoren identifiziert, die sich positiv für Allergiker auswirken. Um herauszufinden, wo für Patienten eine sichere Umwelt herrscht, greift das Zentrum auf die Daten von Pollenmonitoren an verschiedenen Standorten zu. Neben Messgeräten in Augsburg liegt eines davon etwa auf der Zugspitze. In dieser Höhe sei die Pollen-Belastung deutlich geringer, erläutert Traidl-Hoffmann. Die Symptome von Patienten aus Augsburg, die man auf die Zugspitze gebracht habe, seien massiv zurückgegangen. Zurück in der Stadt, hätten sie wieder zugenommen.

Ähnliche Ergebnisse habe man nun für Davos nachgewiesen. Der Kurort weise eine hundertfach geringere Luftbelastung auf als Augsburg. Asthma-Patienten gehe es nach einem Aufenthalt in dem Davoser Reha-Zentrum deutlich besser, sagt Allergologin Traidl-Hoffmann und spricht von einem "alpinen Effekt, möglicherweise sogar einem Davos-Effekt. Dennoch lehnen die Rentenkassen Höhenluftkuren für Allergiker meist ab, während teurere Medikamente bezahlt werden".

App soll Allergikern den Alltag erleichtern

Das Zentrum kooperiert auch mit dem Lehrstuhl für Health Care Operations, der die Pollen mittels Bilderkennung identifiziert und klassifiziert. Pünktlich zur kommenden Pollen-Saison soll eine App Allergiker mit gezielten Informationen versorgen, kündigt Lehrstuhl-Inhaber Jens Brunner an. "In der Vergangenheit waren keine aktuellen und kurzfristigen Messungen möglich, was Prognosen schwierig macht. Das wollen wir ändern." Mit Hilfe der Pollen-Vorhersage sollen Allergie-Patienten Aktivitäten im Freien und die Einnahme von Medikamenten besser planen können. "Proaktiv therapieren ist besser, als reaktiv therapieren", erklärt Traidl-Hoffmann. "Denn man braucht weniger Medikamente."

Die App soll zunächst über den Pollenflug für die beiden Folgetage informieren. Längerfristig hat das Unikat aber größere Pläne: Allergiker sollen individuelle Informationen erhalten, wann und wo ein Aufenthalt im Freien möglich ist und wann Medikamente eingenommen werden müssen. "Wir wollen ein Ampel-System einfügen", schildert Traidl-Hoffmann. "Das ist momentan noch nicht möglich. Wir brauchen zunächst personalisierte Informationen."

Mit Fahrrad und GPS-Gerät

Um diese zu gewinnen, verfolgt das Unikat seit rund drei Jahren in einer Studie 20 Allergie-Patienten sowie, in einer Kontrollgruppe, 20 Menschen ohne nachgewiesene Allergie. Die Probanden geben täglich Informationen zu ihrem Gesundheitszustand ab und werden regelmäßig medizinisch untersucht. Zudem werden auch Schadstoffe in der Luft gemessen. Diese Informationen sollen ebenfalls irgendwann mit einfließen.

"Ein engmaschiges Netz wird es wohl erst in ferner Zukunft geben", erklärt Geografin Franziska Häring, die als Doktorandin am Unikat arbeitet. Sie leitet im Zuge ihrer Doktorarbeit die umweltmedizinische Birkenstudie 2018. Mit Fahrrad und GPS-Gerät ausgestattet, ist sie durch die Stadt gefahren und hat jede der mehr als 5000 Augsburger Birken kartiert. Doch nicht die Pflanzen in Augsburg allein seien ausschlaggebend. "Pollen reisen weit, und Wind und Wetter spielen mit rein." Bis man also die Belastung auf die Straße genau angeben könne, werde es wohl noch eine Weile dauern.
Weitere Informationen zum Zentrum und zum aktuellen Pollenflug finden Interessierte unter www.unika-t.de.
(Von Kristin Deibl)
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.