Kriegshaber Geschichten: Händler in Kriegshaber - Tante Emma war ein Onkel Pepi

Gemischtwarenladen von Otto Bauer, im Bild mit seiner Familie, Obere Osterfeldstraße, 1931 Foto: Archiv von Bernhard Radinger.
 
Kolonialwarenladen der Lina Fischer in der Lenzstraße, um 1930, Foto: Archiv Bernhard Radinger

Bis in die 1960er Jahre waren kleine Läden mit einem an die Bedürfnisse der Nachbarn angepassten Sortiment an jeder Ecke Kriegshabers zu finden.

Die Arbeitswelt war eine andere vor etwa 100 Jahren. Noch nicht üblich waren lange Pendelwege zum Arbeitsplatz. Das Lehrerkollegium, aber auch der Schulhausmeister wohnten im Schulhaus oder in dessen unmittelbarer Nähe. Gemeindebedienstete lebten im alten Zollhaus, in dem damals unter anderem das Standesamt Kriegshaber untergebracht war. Viele Handwerker mussten nur eine Türe weiter gehen, um von der Stube in ihre Werkstatt zu kommen. Auch Händler hatten ihr Geschäft und die Wohnung nicht selten im gleichen Haus und sehr oft waren sie auch die Eigentümer des Anwesens. August Munk verkaufte in seinem Besitz in der Krähgasse neben vielem anderen Spielwaren. Die Witwe Anna Neumayer hatte ein Haus in der Hauptstraße, der heutigen Ulmer Straße, und bot dort Wachswaren feil. Johann Scheurer verkaufte Schreibwaren und besaß gleichzeitig eine Buchdruckerei. Schneidermeister Ludwig Baur war auch als Schuhhändler gemeldet. Der Schirmmacher Michael Lindner verkaufte seine Produkte im eigenen Haus. Alleine 26 „Spezereihändler“ waren im Adressbuch von 1913 vermerkt.
Nicht selten wurden Waren an die Kunden ausgeliefert und vor allem für Kaufleute, die mit Kohle handelten, konnte dies zur anstrengenden Plagerei werden. Die Einnahmen ließen oft auf sich warten, denn „Anschreiben lassen“ war eine gängige und von den Händlern geduldete Praxis unter den Kunden.

Spezerei

Wer Einkaufen ging, hatte keine weiten Wege. Es gab zahlreiche kleine Läden für alle Dinge des täglichen Bedarfs. Bürstenhändler, Eier- und Butterhändler, so genannte Käufler und Gemischtwarenhändler, waren nur einige der in Kriegshaber ansässigen Kaufleute. In der Oberen Osterfeldstraße steht das Gebäude noch, in dem 1931 Otto Bauer seine Obst- und Spezereihandlung hatte. Es ist heute ein reines Wohnhaus, der nächste Markt ist ein Discounter in der Ulmer Straße. In der Nähe befinden sich immerhin noch ein Schreibwarengeschäft und eine Bäckerei-Filiale. Bei Herrn Bauer und seiner Familie gab es sechs frische Landeier zum Preis von 50 Pfennig, das Pfund Zwiebeln kostete zehn Pfennig und Maggi-Suppen waren gerade reduziert für zehn Pfennig zu haben. Bananen, Orangen, Erdnüsse und Backpflaumen wurden auf dem handgeschriebenen Schild vor der Türe angepriesen. Bauer verkaufte auch bündelweise Holz und viele Drogerieartikel. Das mittelalterliche Wort Spezerei bedeutet „Gewürzwaren“. Im süddeutschen Raum wurde ein Gemischtwarenhandel oder Kramerladen vor noch nicht langer Zeit als „Spezereihandlung“ bezeichnet. Die Waren wurden in Großgebinden angeliefert und kannen-, tüten- oder glasweise abgefüllt. Die Behälter brachte die Kundschaft selbst mit. In einer Zeit der Rückbesinnung gibt es erste Versuche, dieses früher alltägliche Geschäftsmodell in Augsburg wieder einzuführen – zur Vermeidung von Kunststoffmüll.

Verschwundene Individualität

Gleich um die Ecke, in der Lenzstraße hatte zur gleichen Zeit Lina Fischer ihren Kolonialwarenladen. Frau Fischer hatte bereits eine Partnerschaft mit Edeka. Auch hier steht das für das Viertel typische kleine Einfamilienhaus noch – ohne die Spur eines Tante-Emma-Ladens, dafür aber mit Garagenanbau.
Gegenüber der Dreifaltigkeitskirche – dort wo heute ein hohes Haus die Sparkasse beherbergt – hatte um 1920 der Gemischtwarenhändler Pepi Bayer sein Geschäft. Laut Beschriftung über dem Eingang gab es hier Kolonial- und Konditoreiwaren, Zigarren und Zigaretten und glasweisen Ausschank von Likör. Ausdrücklich wurde noch einmal Rauch- und Kautabak erwähnt. Tee, Kathreiners Malzkaffee und Seifen hatte Pepi Bayer in seinem Sortiment. Emailleschilder, die auf Flohmärkten unserer Zeit sehr gefragt sind, dienten als „Reklame“-Plakate. Die Familie posierte für den Fotografen sogar in den Fenstern des Hauses.
1985 machte Fotograf Bernhard Radinger Bilder vom Haus in der Ulmer Straße 224. Es hielt wohl wie die benachbarte Synagoge einen Dornröschenschlaf, bevor es saniert wurde und heute ein „Bierstüberl“ beherbergt. Obst und Schokoladen und sicher viele andere Delikatessen gab es hier. Wenn man genau hinschaut, entdeckt man den Namen der letzten Inhaberin: Bertha Würsching. 1913, kurz bevor Kriegshaber nach Augsburg eingemeindet wurde, war hier Kreszenz Würsching gemeldet – als Bewohnerin, Hausbesitzerin und Käuflerin.
1910 hatte Anna Katzenschwanz ihren Gemüsestand beim Gasthof zum Prinzregenten aufgebaut – in der Ulmer Straße, Ecke Rockensteinstraße – und ihre Ware ansprechend dekoriert. Mit im Bild ist ihre Tochter, die vielleicht wegen der hübschen (neuen?) Tasche in ihren Händen so stolz in die Kamera schaut. Frau Katzenschwanz arbeitete auch als Leichenfrau und wohnte am Berg. Das vergleichsweise neue Bild von 1969 zeigt den Zeitungskiosk von und mit Barbara Hämmerle an der gleichen Stelle. Heute sind auch solche frei stehenden Kleingeschäfte weitgehend aus dem Stadtbild verschwunden, was möglicherweise mit der Energieversorgung und Heizbarkeit zu tun hat. In Italien und Griechenland sind sie in Städten überall bis heute präsent.
Die Hauptstraße, heute Ulmer Straße, hatte um 1900 noch einen sehr dörflichen Charakter. Links und rechts der Straße vor dem Anwesen des Händlers Georg Zech kann man Abwassergräben erkennen. Eine Kanalisation war also noch nicht gebaut. Die Familie Zech war 1913 nicht mehr in Kriegshaber gemeldet.
In den 1960er und 70er Jahren verschwanden die kleinen Geschäfte zunehmend aus dem Straßenbild – in Kriegshaber genauso wie in ganz Deutschland. Inzwischen sind sogar zu Fuß erreichbare Supermärkte in den Stadtteilen auf dem Rückzug und werden von weniger mobilen Bürgern schmerzlich vermisst.
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