Pferseer Geschichten: Vom Spielen mit Licht - Kino in Pfersee

Für Filmvorführer gab es zahlreiche Vorschriften. (Foto: Sergey Ishkov,123rf.com)
 
Diese Postkarte von 1911 zeigt den Vorgängerbau des Walfisch Gasthauses auf der linken Seite. Hier befanden sich ab 1913 die Bavaria-Lichtspiele. Bild: Verlag Anton Hieber
 
Das Gasthaus Walfisch 1926 Foto: Georg Funk. Verlag Anton Hieber
 
Im Anbau des heute ältesten Gebäude aus der Gründerzeit in der Augsburger Straße befand sich ab 1926 das Odeon-Kino.

Ab Anfang des 20. Jahrhunderts konnte man in Pfersee ins Kino gehen. Mit den heutigen Multiplex-Tempeln hatte das noch nichts gemeinsam. Dennoch öffnete sich für das Publikum ein Tor zur großen weiten Welt. Leicht hatten es die Betreiber nicht.

Ein neues Medium begann vor rund 120 Jahren die Welt zu erobern. Bilder gerieten in Bewegung und jeder wollte sie sehen. Aus der Anfangsphase mit wandernden Kinematographentheatern durch Wirtshäuser entstand bald die Idee, stationäre Filmtheater zu schaffen.

Meist entstanden sie in Gastwirtschaften und man hatte harte Auflagen zu erfüllen, wenn man das neue spannende Vergnügungs-Medium dauerhaft einer Öffentlichkeit zugänglich machen wollte. Besondere Ventilationseinrichtungen und das Aufstellen eines Schalenbrunnens waren vorgeschrieben. Steile Treppen und feuergefährliche Vordächer mussten ersetzt werden. Wer im Gegenzug seine Fremdenzimmer aufgab, verlor seine Lizenz zum Ausschank von Branntwein und Likör, denn nun war sein Betrieb keine Gastwirtschaft mehr, sondern eine Schankwirtschaft.

Strenge Vorschriften

Gezeigt werden durften nur durch die Königliche Polizeidirektion in München zugelassene Filme und das auch nur mit einer Erlaubniskarte, die in einem Register eingetragen war. Ausdrücklich als „unstatthaft“ eingeordnet waren Filme über die Passionsgeschichte. Für die Genehmigung musste der Kinobetreiber seine Filme mindestens zwei Tage vor der geplanten Vorführung dem Stadtmagistrat vorlegen, wo sie dann vorab gesichtet wurden. Auch die Ankündigung per Plakat oder Handzettel war streng geregelt. Der Inhalt wurde behördlich geprüft und das Verteilen vor dem Kino an Passanten war verboten.

Die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts entstandene Technik der bewegten Bilder war faszinierend, aber auch störungsanfällig. Die verwendeten Lampen waren brandgefährlich. Deshalb mussten sie in speziellen mit Asbest ausgekleideten metallenen Kästen gesichert werden, die unter anderem die Verbreitung von Funken verhindern sollten. Auch der Technikraum selbst musste feuersicher und für Unbefugte unzugänglich gestaltet werden sowie gut zu belüften sein. Löscheimer und -decke gehörten zum Standard. Ein Notausgang für den Filmvorführer war Vorschrift.

Wer Filme vorführen wollte, musste nachweisen können, dass er mit den Besonderheiten der Ausrüstung und Vorsichtsmaßnahmen zur Brandverhütung vertraut ist. Außerdem sollte er auf dieser verantwortungsvollen Position “… in Bezug auf Charakter, Nüchternheit und Verlässigkeit die erforderlichen Garantieen für einen geordneten Betrieb bieten“. So steht es in den polizeilichen Bedingungen von 1913 zum Betrieb eines Lichtspieltheaters.

Lichtspiele in Pfersee

Im November 1913 waren bereits sieben Augsburger Lichtspieltheater aktiv, die insgesamt 35 Leute beschäftigten. Eines davon waren unter der Leitung von Johann Voggenauer die Bavaria-Lichtspiele in der Augsburger Straße 1. Direkt an der Wertachbrücke, dort wo heute noch das hohe markante Gebäude der ehemaligen Walfisch Bierhallen den Standort dominiert, stand ein kleines Gasthaus, das zum ersten Pferseer Kino umgebaut worden war. Was wir heute unter Kino verstehen, war noch weit weg: Man saß auf harten Holzbänken in einem schmalen Saal und sah kurze flimmernde Stummfilme mit Klavierbegleitung. Dem Publikum wurden Landschaftsdokumentationen mit „herrlichem Panorama“, „reizende“ Komödien und Dramen gezeigt, die als „Hochkomisch“, „Äußerst spannend“ oder „Urgelungen“ eingestuft wurden.

Die Zuschauer wurden in lockerer Atmosphäre bewirtet und Zwischenrufe gehörten dazu. Zweimal pro Woche wechselte üblicherweise das Programm, die Eintrittspreise lagen bei etwa 25 bis 55 Pfennigen.

1913 gab es noch weitere Anträge für Kinematographentheater in Pfersee: eines in der Schwalbenstraße im Gasthaus 7 Schwalben, ein weiteres in der Balanstraße 9, dem Weißenburger Hof. In den 1950er Jahren folgte dieses Haus einem neuen Trend: Es wurde zum Tanzlokal umgebaut und lockte die Jugend mit Musik aus Amerika, später als Discothek Casino-Club.

Tarifvertrag

Zahlreiche Angestellte hielten ein Kinematographentheater am Laufen. Neben den bereits erwähnten Vorführern waren in den frühen Kinos Musiker, Maschinisten, Türsteher, Kassierer und Kassiererinnen sowie Hilfsarbeiter beschäftigt. Für sie alle gab es einen Manteltarifvertrag, der Arbeitszeiten, Entlohnung und Urlaubsanspruch regelte. Interessant: In den weniger luxuriösen Vorstadtkinos in Augsburg hatten die Beschäftigten auch einen kleineren Verdienst und weniger Urlaubstage. Innerhalb von vier Wochen hatte man zwei Tage frei.

Mehr Ernst gefordert

Schon mit Beginn des Ersten Weltkrieges wurden in den Kinos auch „stets die neuesten Aufnahmen vom Kriegsschauplatz“ gezeigt. Der Krieg veränderte 1915 die Vorschriften. Die Armee hatte das Sagen und verkündete einen Erlass „Mehr Ernst“, was für die Lichtspieltheater bedeutete, dass sie sich bei der Filmauswahl und vor allem der Werbung für ihr Angebot umstellen mussten. „Überflüssige und schreiende Reklame“ wurde untersagt.

Dazu gehörten als aufdringlich empfundene Ankündigungen in Anschlägen mit Beschreibungen, die einen „hochaktuellen“ oder „urkomischen“ Film versprachen genauso wie die Begriffe „Sensationsdrama ersten Ranges“ oder „Zum Totlachen“. Sie wurden als marktschreierisch und unwahr eingestuft und sollten einer „vornehmen Ruhe im Lichtspielreklamewesen Platz machen“. Grelle Farben oder gar französische oder englische Sprache auf Plakaten galten ab sofort als geschmacklos.

Gegen den Schundfilm

Parallelen zur heutigen Kritik an neuen Medien finden sich 1920, als zahlreiche Jugend- und Studentenverbände auch in Augsburg eine Ortsgruppe des Essener Vereins „zur Bekämpfung des Schundfilms“ gründeten.
Ungestraft und ungehindert würde die beste Volks- und Jugendkraft zerstört, klagte der Verein.

Man hatte es sich zur Aufgabe gemacht, einerseits durch Aufklärungsarbeit das schlechte Kino entschieden zu bekämpfen, Einfluss auf die zuständigen Behörden auszuüben und gleichzeitig den guten Film zu pflegen und zu fördern.

Deutsche Filmzeitung

Eine Wochen-Zeitschrift für das gesamte Lichtspielwesen war die Deutsche Filmzeitung. In dieser Fachzeitschrift inserierten Filmverleiher ihre neuesten Werke und Hersteller von Projektoren ihre „Kinomaschinen“.

Die neuesten Filme wurden vorgestellt. Im November 1928 war die Krise des deutschen Kulturfilmes das Titelthema. Darin wurden Kinobetreiber animiert, Aufbauarbeit für kulturell wertvolle Filme zu leisten, weil einerseits das Kino noch immer von vielen als nicht kulturfördernd wahrgenommen werde, andererseits die Lichtspielhäuser unter hohen behördlichen Auflagen zu leiden hätten. Man forderte Kreativität und Mut zu wertvollem Programm von der Fachleserschaft, um mehr Publikum und vor allem einen besseren Ruf zu bekommen. Ein weiterer Artikel beschäftigte sich mit der Musikalität des stummen Filmes, der zu dieser Zeit gerade zugunsten der neuen Tonfilme zurücktreten musste.

Ein wenig Anlauf musste der Tonfilm nehmen, bis er sich etwa 1928 durchsetzen konnte. Auch für diese neue Variante gab es nicht nur Begeisterung. Komponisten, Musiker und Artisten hatten Angst um ihre Arbeitsplätze. Die Filmindustrie war zunächst nicht so richtig interessiert und Kritiker wetterten gegen die „Konservenbüchsen-Apparatur“: „Der Tonfilm verdirbt Gehör und Augen! Der Tonfilm wirkt nervenzerrüttend!“ Technisch waren 1930 viele Kinos in der Lage, Tonfilme zu zeigen. Dennoch waren noch längere Zeit Kinoorgeln und Orchester im Einsatz.

Der nächste Krieg

Während der Zeit des Nationalsozialismus mussten die Kinos sich den Gesetzen der Zeit beugen. Gezeigt werden durften nur noch ideologisch passende Filme von heiler Welt oder deutschem Heldentum. Die Wochenschauen präsentierten heroische Taten von der Front. Und so versuchte man den Betrieb der Lichtspielhäuser so lange wie möglich aufrechtzuerhalten.

Der Jugendschutz

Von den Behörden wurden die Kinos immer argwöhnisch beobachtet – durch Kontrolleure vor Ort. 1933 beschwerte sich einer der eingesetzten Überwacher über die Tatsache, dass man es jungen Leuten nicht immer eindeutig ansehen könne, wie alt sie wirklich sind. Außerdem stellte er einen Suchtfaktor fest. Im Gloria-Palast und im Odeon bemerkte er, dass Burschen und Mädchen sich dort gemeinsam aufhielten, die dort bis zum Schluss blieben und „nervenaufpeitschende Verbrechertaten und bedenkliche Liebesabenteuer“ sehen könnten.

Der Kontrolleur bezeichnete es als „Qual, wie sie jeder Mensch mit gesunden Sinnen empfinden muss, wenn er längere Zeit in einem solchen Raum weilen und die Bilder mit dem geistlosen Text ansehen und die unschöne Musik mit den Nebengeräuschen anhören muss.“

Das Odeon

Trotz aller Kritik über die Jahrzehnte erlebte die Branche einen steilen Aufstieg. Überall in den Städten entstanden ab den 20er Jahren Film-“Paläste“, die in Bauweise und Ausstattung ihrem Namen alle Ehre machten. In Augsburg gehörte dazu beispielsweise das EMELKA. Kino-Architektur war häufig der letzte Schrei. Das Tivoli war gebaut wie eine Filmkamera. Ein kleines Vorstadt-Kino, wie das 1926 eröffnete Odeon im Rückgebäude der Augsburger Straße 16 – der ehemaligen königlich bayerischen Post – konnte da nicht mithalten. In der Innengestaltung war das Lichtspielhaus eher karg, obwohl der Saal schon über einen Balkon verfügte. Dafür waren auch die Eintrittspreise niedriger und für die Pferseer Jugend war das Kino ein Ort der Sehnsucht und ein Tor zur großen weiten Welt. Das Kino war von Inhaber Karl Seibert zusammen mit dem Gloria-Palast, der Schauburg und den Hofbräu-Lichtspielen im Verbund der Vereinigten Lichtspieltheater Augsburg organisiert.

Gerd Sachenbacher erinnerte sich in einer früheren Ausgabe der Pferseer Geschichte(n): „Alle Klassiker waren zu sehen: Von ’Ben Hur’ bis ’Das Wunder von Lourdes’, von ’Die Brücke’ bis ’Das Schweigen’ und die mich immer sehr beeindruckenden Freddy-Quinn-Filme voller große, weite Welt-Romantik. Für 1 Mark 50 konnten die Jugendlichen nachmittags Fox Tönende Wochenschau sehen und Jugendfilme mit Peter Alexander und Peter Weck. Eine tolle Zeit.“

Leo Plaseller, der bis heute in Pfersee lebt, erinnert sich an die Zeit Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre: „Wir sahen ausschließlich Schwarz-Weiß-Filme mit Lilo Pulver, Sophia Loren oder Heinz Rühmann.“ „Sogar den Geruch des Kinos habe ich noch in der Nase“, meint seine Frau Monika. Am beliebtesten waren Western mit John Wayne und anderen Helden. Weil das Kino teuer war, fand man Wege, um Freunde mit hinein zu schmuggeln. Für die großen Filme gab es Programmhefte für zehn Pfennig, die zu Sammelobjekten avancierten. Nach der Vorstellung traf man sich nebenan im italienisch anmutenden Eiscafé von Lotte Schaller.

Kinosterben auch in Augsburg

Unvorstellbare 250 Millionen Kinobesucher wurden 1935 in Deutschland gezählt. Zum Vergleich: Das Statistik-Portal statista nennt für das Jahr 2018 gut 105 Millionen Gäste und listet 2001 als Rekordjahr mit 178 Millionen Kinogängern in Deutschland auf. Das alles trotz Multiplex und Freiluft-Boom.

Einen Knick erlebte die Branche Ende der 1950er Jahre. Fernseher hielten Einzug in Privathaushalte und immer mehr Menschen genossen lieber das „Pantoffelkino“ in den eigenen vier Wänden.

Ein Kinosterben setzte ein, das zuerst die Vorstadt-Häuser traf. Von ihnen konnte sich die Schauburg in Lechhausen am längsten halten. Das Odeon wurde schon in den 60er Jahren geschlossen.
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