Wider das Vergessen: Die Halle 116 und Augsburgs Umgang mit dem schweren Erbe

Ein auf Trauer modifiziertes Symbolfoto der Halle 116. (Foto: Verein Amerika in Augsburg // Max Lohrmann)
 
Halle 116 (Foto: Zur Verfügung gestellt von Dr. Bernhard Lehmann)
 
Das Sheridan-Areal war Teil des amerikanischen Kasernengürtels. (Foto: Zur Verfügung gestellt von Bernhard Kammerer)
 
Witold Scibak nach seiner Befreiung im Kinderheim bei Indersdorf. (Foto: Zur Verfügung gestellt von Dr. Bernhard Lehmann)
 
(Foto: Zur Verfügung gestellt von Bernhard Kammerer)
 
Das Bild zeigt eine Luftaufnahme der Wehrmachtskaserne, die am 25. April 1945 bei einem amerikanischen Luftangriff aufgenommen wurde. (Foto: Zur Verfügung gestellt von Bernhard Kammerer)
 
(Foto: Bluespots Production)
 
Zwangsarbeiter bei Messerschmitt (Foto: Zur Verfügung gestellt von Dr. Bernhard Lehmann)
 
Der amerikanische GI Carl Vernon Sheridan wurde posthum mit der Medal of Honor ausgezeichnet und nach ihm wurde das Sheridan Areal benannt. (Foto: Zur Verfügung gestellt von Bernhard Kammerer)
 
(Foto: Zur Verfügung gestellt von Bernhard Kammerer)

Erst Wehrmachtskaserne, dann KZ-Außenlager, schließlich Fahrzeuglager der US Army – die Halle 116 auf dem Areal der Sheridan Kaserne blickt auf eine bewegte Vergangenheit zurück und soll in Zukunft vor allem der Erinnerung an die Opfer der Nazi-Herrschaft dienen.

Die Halle 116 liegt auf dem Gebiet der Sheridan-Kaserne und war bis 1998 die größte von der amerikanischen Armee genutzte Fläche in Augsburg. Die Sheridan-Kaserne der Amerikaner kennen die meisten, doch seine vielfältige Geschichte ist nur wenigen bekannt. Auf den zuvor landwirtschaftlich genutzten Flächen am Westrand von Pfersee wurden im Zuge der nationalsozialistischen Hochrüstungspolitik in den Jahren 1934–36 die Neue Infanteriekaserne (General-Kneußl-Kaserne) im Nordwesten des Geländes, die Luftnachrichtenkaserne südlich des Mittleren Weges, die Heeresnachrichtenkaserne im Nordosten des Geländes zwischen Mittlerem Weg und Grasigem Weg errichtet. Nach Kriegsende wurde das Areal von der US-Army genutzt, zusammengefasst zur Sheridan-Kaserne.

Vorgeschichte der Halle 116

1936 wurde das Hallengebäude als Teil einer Kaserne errichtet, um für den Nachrichtendienst der Luftwaffe und der Wehrmacht genutzt zu werden. Später fand sie als Gerätehalle und Garage Verwendung. Nach der Bombardierung der Augsburger Messerschmitt-Werke 1944 wurden Zwangsarbeiter dieses Rüstungsbetriebs dort einquartiert. Nach dem Ende der NS-Diktatur 1945 wurde das Gebäude zur Unterbringung von 2400 DPs (Displaced Persons, die als Folge des Krieges ihre Heimat verlassen mussten und nicht dorthin zurückkehren konnten) genutzt.

Außenlager des Konzentrationslagers Dachau

Nach der Bombardierung der Augsburger Rüstungsbetriebe und der Messerschmitt-Werke am 25. Februar 1944 wurde die Halle 116 (jetziger Name) zur Unterbringung von männlichen Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen mit Stacheldraht vom restlichen Kasernengelände abgetrennt. Der riesige Innenraum der Halle wurde mit Drahtzäunen in acht Blöcke unterteilt, in denen jeweils etwa 200 Gefangene schlafen mussten, wenn sie nicht in den Betrieben im Augsburger Stadtgebiet zur Zwangsarbeit eingesetzt waren. Laut Berichten von Zeitzeugen gab es auch einen „Babyblock“ für kleine Buben, einen Block für Funktionshäftlinge und ein „Krankenrevier“, das auch von anderen Zwangsarbeiterlagern in der Region genutzt wurde. Das Augsburger Lager galt im schwäbisch-bayerischen Raum und Allgäu als Hauptlager.

Die Lebensumstände der in der Halle 116
untergebrachten Zwangsarbeiter

Die Gefangenen arbeiteten in zwei 12-Stunden-Schichten, das heißt die Strohsäcke in der Halle 116 waren Tag und Nacht belegt. Die Frühschicht bei Messerschmitt begann um 6 Uhr. Die Häftlinge mussten zuvor durch Pfersee zur Lokalbahn an der jetzigen Hans-Adlhoch-Straße laufen, von dort aus ging es mit der Bahn – falls sie überhaupt fuhr – zum Schichtbeginn in Haunstetten. Abends nach der Rückkehr mussten die geschundenen Arbeiter stundenlang auf dem Appellplatz stehen, wo Strafen und vermutlich auch Hinrichtungen vollzogen wurden. Die Firmen mieteten die Häftlinge für vier bis acht Reichsmark pro Tag von der SS, wo auch das Geld verblieb. Dass die Zwangsarbeiter der Halle 116 fast ausschließlich in Rüstungsbetrieben arbeiten mussten, war beispielsweise für die sowjetischen Häftlinge besonders tragisch, da sie deswegen nach der Rückkehr in ihre Heimat häufig als Landesverräter beschimpft und diskriminiert wurden.

Todesfälle

Während jüdische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter vorwiegend in die Lager nach Kaufering im Süden Augsburgs verbracht wurden und dort einer besonders menschenverachtenden Behandlung mit einer Todesrate von über 30 Prozent unterzogen wurden, können über die Todesfälle in den Augsburger Lagern nur wenige Angaben gemacht werden, da bis zum Herbst 1944 die Toten in das Stammlager Dachau verbracht wurden. Die Todesursachen in Augsburg waren Misshandlungen, Seuchen, Luftangriffe. Wegen der Überlastung des Krematoriums in Dachau wurden dann die Leichen im Krematorium im Augsburger Westfriedhof verbrannt, später nur noch in Massengräbern beigesetzt. Vor der Befreiung Augsburgs am 23.4.1945 wurden rund 2000 Häftlinge auf einen „Evakuierungsmarsch“ gezwungen, die Kranken wurden nach Dachau gebracht. Die Todesopfer auf dem Marsch in Richtung Schwabmünchen sind bei Schwabstadel, Klimmach, Bergheim und Schwabmünchen beerdigt.

Halle 116 nach dem Krieg

Ab 1946 wurde das Gebäude von der US-Army als Teil einer Kaserne mit verschiedenen Nutzungen belegt und erhielt die Gebäudenummer 116. Das Gebäude wurde hauptsächlich als Fahrzeughalle genutzt. Im ersten Stock befand sich die Bücherei mit Lesesälen. Bis 1998 wurde das Gebäude in hervorragendem Zustand gehalten. In einer Bürgerwerkstatt, welche die neue Nutzung des Sheridangeländes begleitet, wurde deutlich, dass die Geschichte der Kaserne und speziell die der Halle 116 in angemessener Form gewürdigt werden muss.

Zeitzeuge Witold Scibak erinnert sich

Der Pole Witold Scibak kam im März 1945 als Zwangsarbeiter in die Augsburger Außenstelle des KZ-Dachau in der Halle 116. Nach fast 70 Jahren kam Witold Scibak wieder nach Augsburg und teilte seine Erinnerungen mit den Historikern und den heutigen Nachfahren seiner Peiniger und das ist bemerkenswert – ohne Hass.


Der Leidensweg des heute 89-jährigen katholischen Polen Witold Scibak, einem ehemaligen Bau-Ingenieur und Uni-Dekan, begann nach der Niederwerfung des Warschauer Aufstands im Oktober 1944, als die Nazis seine Familie nach Deutschland deportierten. Schwester und Mutter kamen ins KZ Ravensbrück, Witold und sein Vater ins KZ Sachsenhausen. Später, getrennt von seinem Vater, musste er in das KZ Bergen-Belsen, dann ins Dachauer KZ-Außenlager Horgau und von dort nach Augsburg. Er selbst hatte sich dafür gemeldet. Anfangs kam ihm die Blechschmiede in Horgau im Vergleich zu Bergen-Belsen wie ein „Erholungsheim“ vor. Ab Anfang März 45 musste der 15-Jährige nach Augsburg und Zwangsarbeit bei der Firma Messerschmitt leisten. Zwölf Stunden am Tag, in Tages- und Nachtschichten. Zur Arbeit nach Haunstetten marschierten die Zwangsarbeiter durch Pfersee zum Lokalbahngleis in der Nähe der Adlhochschule. Von dort wurden sie mit der Lokalbahn zum Werk in Haunstetten transportiert.

Es gibt so vieles was Witold Scibak gerne vergessen würde und 70 Jahre lang sprach er weder mit der Familie, noch mit Freunden oder den Arbeitskollegen an der Universität Warschau über die grauenhaften Erlebnisse. Erst als das Arbeitsleben lange vorbei war, fand ein Umdenken statt und er dachte: „Ich will der jungen Generation erzählen was ich erlebt habe und was Menschen einander antun können.“ Im Jahr 2015 kam Scibak erstmals seit 1946 wieder in den Landkreis Augsburg, an den Ort der schrecklichen Erinnerungen.

Dass er wieder in die Region gekommen ist und uns an seinen Erinnerungen teilhaben lässt, ist der ehemaligen Lehrerin Anna Andlauer, welche die Geschichte des Kinderheims Markt Indersdorf (Landkreis Dachau) erforschte, und seiner Enkelin Karolina, die Witold auf seiner Reise begleitete, zu verdanken. In dem Kinderheim Markt Indersdorf wurden nach dem Krieg die untergebracht, deren Eltern im KZ ermordet oder in Osteuropa für die Zwangsarbeit im 3. Reich entführt worden waren. Anlässlich des 70. Jahrestags des Kriegsendes präsentierte Anna Andlauer in Warschau ihre Ergebnisse. Witold Scibak besuchte diese Ausstellung und entdeckte sich selbst auf einem der Fotos, zwischen den Bildern anderer Kinder und Jugendlicher, mit denen er einige Monate im Heim verbrachte.

Über die Zeit im KZ-Bergen-Belsen redet Scibak bis heute nicht – zu schrecklich, zu schmerzhaft sind die Erinnerungen an eine Zeit, in der er sich in den elektrischen Zaun werfen wollte, um seinem Leben ein Ende zu bereiten, da er es nicht mehr aushielt zwischen all den Leichenbergen. In dieser Zeit hörte er von der Möglichkeit sich für einen Arbeitseinsatz freiwillig zu melden. Die Reise von Bergen-Belsen nach Süddeutschland zur neu errichteten Außenstelle des KZ-Dachau mitten im Wald bei Horgau (heute Blechschmiede genannt) dauerte 14 Tage. Während dieser Zeit bekamen sie kaum Verpflegung und nur wenige überlebten die Fahrt.

„Kurhaus“ Blechschmiede

Die Überreste des KZ-Außenlagers bei Horgau – heute Blechschmiede genannt – wurden erst vor wenigen Jahren von Ehrenamtlichen ausgegraben. Die geschichtliche Aufarbeitung ist schwierig, denn es gibt nur noch wenig Überreste und so gut wie keine Aufzeichnungen. In der Blechschmiede wurden Tragflächen für die Messerschmitt Flugzeuge, möglicherweise auch für das damals ganz neue Düsenflügzeug, hergestellt. Umso wertvoller sind für Historiker, wie Wolfgang Kucera, die Erinnerungen der Zeitzeugen.

Nach der Zeit im KZ Bergen-Belsen kam Witok Scibak die Blechschmiede wie ein „Kurhaus“ vor. Es gab Matratzen und die Wachmannschaften waren darauf bedacht die Arbeitskraft der Häftlinge und Zwangsarbeiter zu erhalten. Aber auch in Horgau wurde die Bevölkerung um Brot und Nahrung angebettelt, auch in Horgau starben zahlreiche Häftlinge und Zwangsarbeiter. Nach kurzer Zeit wurde der damals 15-jährige Scibak erneut verlegt, diesmal kam er in das KZ-Außenlager Halle 116 im Augsburger Stadtteil Pfersee.

Halle 116 – hat sich kaum verändert


Als Witold Scibak nach mehr als 70 Jahren zur Halle 116 zurückkehrte, erinnerte er sich sofort: „Ja, hier war es. Ich war hinter der dritten Türe von rechts eingesperrt.“ Auch im Gebäudeinneren hat sich kaum etwas verändert, trotz der jahrzehntelangen Nutzung durch die US-Army. „Damals“, so erinnerte sich Scibak, „mussten wir jeden Tag zwölf Stunden im Messerschmitt-Werk arbeiten.“ Jeden Tag marschierten die Gefangenen vor und nach der Schicht zu Fuß zur Fabrik im heutigen Univiertel und zurück zur Halle 116 quer durch die ganze Stadt.

Lebensretter auf Panzern

Eines Tages führte der Fußmarsch die rund 1500 Gefangenen nicht zur Fabrik, sondern sie marschierten den ganzen Nachmittag Richtung Süden. Die Nacht verbrachten die Gefangenen in einem Heustadl bei Klimmach. Am nächsten Tag verbrannten die Soldaten ihre Abzeichen und Dokumente. In der Ferne war das lautstarke Tuckern schwerer Motoren zu hören. Einige der Soldaten flohen, andere ergaben sich dem kurz darauf heranrückenden amerikanischen Panzer und seiner Besatzung.

Die Befreier brachten Witold nach Schwabmünchen und von dort aus kam er kurze Zeit später ins Kinderheim bei Markt Indersdorf. Dort erreichte ihn zwei Wochen später eine erlösende Nachricht des UN-Suchdienstes, der Witolds Familie gefunden hatte – lebendig.

Memory Off Switch



Das Theaterensemble BLUE-SPOTS PRODUCTIONS schuf mit „Memory Off Switch – Der Audio-Walk“ eine moderne Form der Erinnerungskultur. Jeder kann sich den Audio Walk auf seinen MP3-Player oder Smartphone herunterladen und sich selbst auf die Spuren der Zwangsarbeiter begeben.

Der Audio Walk führt die Teilnehmer von der Halle 116 im Sheridan-Viertel zum Standort von Premium Aerotec in der Haunstetterstraße (ehemalige Messerschmittwerke), wo die KZ-Häftlinge als Zwangsarbeiter eingesetzt waren. Diese Wegstrecke, die von den KZ-Häftlingen fast täglich zurückgelegt werden musste, wird durch Audiodateien und kleine Aufgaben künstlerisch aufbereitet, um Geschichte begehbar zu machen. Der Audio Walk schlägt eine Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart und macht die Geschichte persönlich greifbar.

Ein Jahr Vorbereitung

Nur wenige wissen, dass es in Augsburg mehrere Außenstellen des KZ Dachau gab. Das ging dem Team des Theaterensembles BLUESPOTS PRODUCTIONS nicht anders. Erst im Rahmen einer Projektfindung wurde die Theatergruppe von Gerald Fiebig, Leiter des Kulturhauses Abraxas, auf die Halle 116 und das Thema Zwangsarbeiter in Augsburg aufmerksam gemacht. Es gibt wohl in jeder Stadt einen Teil der Geschichte, über den bis heute nicht gerne gesprochen wird. Aber dies muss sich ändern. Denn erneut nehmen populistische Tendenzen zu. Überall radikalisieren und polarisieren sich die Meinungen. Kann die Erfahrung des Schrecklichen uns vor der Wiederholung schützen oder sind die Mechanismen viel tiefer in der Gesellschaft verankert? Wie können wir die Erinnerung aktivieren?

Diesen Fragen ging das Ensemble, welche die Texte für ihre Produktionen selbst schreibt, bei der Recherche zu diesem komplexen Thema nach. Mehr als ein Jahr sollte es dauern bis das Konzept beschlossen, die Texte geschrieben und vertont wurden. Dabei arbeiten im Verlauf des Jahres verschiedene Mitglieder des Teams in einzelnen Projekten zusammen und griffen dabei auf ihre Erfahrungen mit dem unsichtbaren Theater zurück. Beim unsichtbaren Theater wird das Stück ohne Bühnenbilder inszeniert. Die Bilder zu den Texten entstehen im Kopf der Zuhörer. Dafür arbeitete das Ensemble mit den Berliner Spezialistinnen des Künstlerinnenkollektivs hannsjana zusammen. hannsjana entwickelt innovative Vermittlungsangebote für kulturelle Einrichtungen. Sie haben sich auf die Produktion von Sound-Arbeiten spezialisiert, die raumgreifend und interaktiv sind.

Geschichte selbst erfahren

Das Konzept des Audio Walk sieht vor, dass sich die Teilnehmer die Audiodatei auf einen MP3-Stick oder ihr Smartphone herunterladen, und die zehn Kilometer lange Strecke von der Halle 116 zu den ehemaligen Messerschmittwerken zurücklegen. Entlang der Wegstrecke gibt es insgesamt neun Stationen die mit Audiodateien, kleinen Aufgaben, Markierungen und spielerischen Elementen aufgearbeitet wurden. Die Texte, Lieder und Assoziationen von den fünf Autoren aus Augsburg und Berlin sowie Zeitzeugenberichte reflektieren die historische Dimension des Weges, aber auch, was diese Erinnerung für uns heute bedeutet. Die Audiodateien begleiten den Zuschauer im Gehen und beim Denken. Sie schaffen es, einen persönlichen Zugang zu dem Thema zu eröffnen in dem Bewusstsein, dass die Zwangsarbeiter eben jene Strecke zwei Mal täglich bewältigen mussten – vor und nach einem Zwölfstunden Arbeitstag, oftmals müde, krank und ausgehungert sowie bei jedem Wetter. 

Bei der Premiere am 30. Juli 2017 liefen die Teilnehmer gemeinsam von der Vergangenheit in die Zukunft und stellten sich den Fragen: Was bedeutet es, dass wir diesen Weg gehen? Wohin gehen wir? Gab es Zeugen damals oder haben alle weggeschaut? Konnte man einen Menschenzug von bis zu 2000 Menschen wirklich übersehen? Was ist mit dem Baum am Wegrand und den Vögeln? Haben sie es gesehen? Was sehen wir heute nicht? Wie funktioniert Erinnerungskultur? Ist Erinnern Vergessen? Warum spricht niemand über die KZs in Augsburg? Schämen wir uns noch immer? Was bedeutet es, dass die Zeitzeugengeneration ausstirbt? Was ist seit dem Kriegsende mit der Demokratie passiert? Wo sind wir falsch abgebogen? Mit diesen emotionale Fragen, kombiniert mit multimedialen, modernen und überraschenden Elementen sowie ehrlichen Texte will sich das unsichtbare Theater in das Gedächtnis des Publikums spielen und die Erinnerung lebendig halten. Die Texte enthalten keine drei Stunden voller Zeitzeugenberichte sondern sollen Erinnerung ermöglichen und nicht Schuldgefühle wecken.

Zahlreiche Unterstützer

Unterstützt wurde das Team der BLUESPOTS PRODUCTIONS und hannsjana durch Wolfgang Kucera, Tobias Brenner und Dr. Florian Pressler sowie – in der KZ-Gedenkstätte Dachau – Albert Knoll, Rebecca Ribarek und Ulrich Unseld, die Texte von Zeitzeugen und wissenschaftliche Arbeiten zur Verfügung stellten. Weitere wertvolle Informationen und Einblicke in die Halle 116 erhielten sie von Bernhard Kammerer. Konstruktive Anmerkungen zum Konzept und den Texten steuerten Dr. Benigna Schönhagen, Leiterin des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg-Schwaben und Mitglied der Erinnerungswerkstatt Augsburg, und Barbara Wolf, Architekturmuseum Schwaben, bei. Der Augsburger Historiker Felix Bellaire überprüfte die Texte des Audio Walk auf die Korrektheit der historischen Daten und Fakten.

Diese Unterstützung hatten die Theaterleute auch dringend nötig. Denn selbst heute noch stießen sie auf eine Mauer des Schweigens bei den Firmen. Auch von der öffentlichen Seite stieß das Thema auf breite Ablehnung und es war schwierig Fördermittel zu finden für einen Weg, die Erinnerungskultur auf moderne Weise auch jungen Menschen zugänglich zu machen.

Über das Team

BLUESPOTS PRODUCTIONS ist ein junges, freies und multimediales Ensemble von selbstständigen Schauspielern das schwierige Themen modern, nahbar, innovativ, ungewöhnlich und nachhaltig aufbereitet. Ihre Bühnen sind Museen, öffentliche Plätze, Schwimmbäder und viele mehr. Das Ensemble setzte sich bereits mit schwierigen Themen wie Prostitution, Strafvollzug, Migration, Flucht und häuslicher Gewalt in unterschiedlichen künstlerischen Formaten auseinander und wurde dafür von der Bundesregierung ausgezeichnet.

Den Auftrag für Audio Walk zur Halle 116 erteilen sich die jungen Theaterleute selbst. Es war ihnen ein Anliegen die Geschichte zu erzählen und so einen Beitrag zur neuen Geschichtsschreibung zu leisten. Denn sie glauben an die Demokratie, die Menschenfreundlichkeit und daran, dass die Gesellschaft aus Fehlern lernen kann. „Wir wollen Wissen mit Gefühl, Geschichte mit Zukunft und Ängste mit Hoffnungen vermischen“, so Lisa Bühler.

Ausblick

Erinnern findet permanent statt – in der Schule, Dachau, Weimar und vielen anderen Orten, aber nicht in Augsburg. Aus diesem Grund ist das Ensemble dabei das Projekt in Zusammenarbeit mit der Stadt Augsburg für Schulen begehbar zu machen. Der nächste geführte Audio Walk findet am Pfingstsonntag, 20. Mai, 14.30 Uhr statt (Ende ca. 18 Uhr) – vorher sollte bereits die Datei heruntergeladen werden. Wer möchte, kann sich jederzeit selbst auf den Weg machen.
Link zum Download des Audiowalks und weiteren Informationen

Initiative „Denkort“ wehrt sich gegen Privatisierung der Halle 116

Verschiedene Interessensgemeinschaften zanken sich um die künftige Nutzung der Halle 116. Wie es tatsächlich weitergeht, welche Kosten damit verbunden sind und wer diese zu tragen hat, das steht allerdings weiter in den Sternen.

Von Hans Blöchl

Zum Ende des Zweiten Weltkrieges war die Halle 116 ein Außenlager des Konzentrationslagers Dachau. Wie man in dem Gebäude in der ehemaligen Sheridan-Kaserne einen würdigen Erinnerungsort schaffen könnte, darüber gibt es seit Jahren Diskussionen. Bereits 1985 stand das Thema zum ersten Mal auf der Tagesordnung. „Passiert ist bisher nichts“, wie es Harald Munding, Sprecher der Initiative Denkort, nun während eines Treffens im Bürgerhaus Pfersee drastisch ausdrückte. Die Teilnehmer kamen zusammen, um über die geplante Privatisierung und künftige Nutzung der Halle zu diskutieren.

Nicht gerade vertrauensvoll war die Stimmung Ende Januar im Bürgerhaus. Anlass für das Treffen war die vom Stadtrat mit 51 zu vier Stimmen beschlossene Privatisierung des Areals. In Anwesenheit von Kulturreferent Thomas Weitzel, den Stadträten Volker Schafitel (Freie Wähler), Alexander Süßmair (parteilos) und Verena von Mutius (Grüne) gab es teils heftige Kritik an der Stadtverwaltung, die Beschlüsse des Stadtrats mehrfach nicht umgesetzt habe. So gab es 2009 und 2016 Beschlüsse, die ohne Konsequenzen blieben. Professor Philipp Gassert von der Universität Augsburg hatte 2016 ein Konzept zur Nutzung der Halle als Erinnerungsort vorgelegt, auch dieses sei bisher nicht umgesetzt worden, kritisierten die Teilnehmer nun. Um gewisse Sicherungen herbeizuführen, läuft derzeit ein Antrag, das Ensemble unter Denkmalschutz zu stellen. „Dieser Antrag verzögert das Verfahren aber erheblich“, merkte Weitzel an.

Verträgt sich Gewerbe mit Erinnerungskultur?

Eine ziemlich heftige Diskussion zu Beginn drehte sich um die Eigentumsverhältnisse des Geländes. Es scheint sich derzeit noch in Treuhandbesitz zu befinden und müsste von der Stadt erst angekauft werden. Im ursprünglichen Bebauungsplan war das Gebiet als Gemeinbedarfsfläche ausgewiesen, durch den Beschluss des Stadtrats wird es jetzt zum größten Teil in eine Gewerbefläche umgewandelt. Ein privater Investor scheint auch bereit, das Gelände zu erwerben und zu entwickeln. Mit keinem Wort kam allerdings zur Sprache, um welche Art der Nutzung es sich handeln soll.

Auch wenn sich alle über die Notwendigkeit und Wichtigkeit von Orten der Erinnerungskultur, insbesondere auch der Nazizeit und der Zeit des kalten Krieges, einig waren, bei den Formen und Möglichkeiten der Halle 116 gingen die Meinungen weit auseinander. Marcella Reinhardt vom Verband der Sinti und Roma in Schwaben plädierte leidenschaftlich für einen Ort, der insgesamt als Teil von Erinnerung und Denkanstoß fungieren soll. Die Einrichtung eines Bildungs- und Begegnungshauses wäre dabei zu prüfen. Auch andere Teilnehmer plädierten dafür, die gesamte Halle mit dem Umfeld zu entwickeln und zu gestalten. In der gewerblichen Nutzung des größten Teils der Halle und des Umfeldes sahen sie eine unauflösliche Konfliktsituation.

Während Schafitel und Süßmair die Kritik unterstützten, verteidigte von Mutius den Stadtratsbeschluss, weil dadurch zumindest zwei Schotten des Gebäudes, also etwa 25 Prozent der Fläche als Ausstellungs- und Begegnungsort gesichert würden.
Weitzel wies auf die konzeptionellen Probleme hin, die beim „Bespielen“ einer Fläche von 4000 Quadratmetern auftreten könnten. Für das Wort „Bespielen“ erntete er einige Kritik. Zustimmung fand hingegen seine Aussage, dass das Gutachten von Professor Gassert „eine Leitplanke für die künftige Nutzung eines Teils des Gebäudes“ sein werde. Das Konzept sieht vor, durch die Halle einen Geschichtspfad zu legen, der die Entwicklung des Baus von seiner Entstehung als Teil einer Nazikaserne über die Verwendung als KZ-Außenlager, bis zu seiner Nutzung durch das US-amerikanische Militär dokumentiert. Weitzel betonte auch, dass die Stadt keine Organisation oder Gruppe gefunden habe, die die inhaltliche Gestaltung übernehmen würde.

Rücknahme des Stadtratsbeschlusses gefordert

Das Ergebnis des Treffens war eindeutig. Die Initiative fordert, die Halle als Gemeinbedarfsfläche zu sichern und den Beschluss des Stadtrats entsprechend zu revidieren. Das Grundstück und die Halle sollten dann umgehend in das Eigentum der Stadt Augsburg gebracht werden. Nur dadurch könne sichergestellt werden, dass in dem Gebäude eine Nutzung erfolgt, die die Vergangenheit des Baus würdigt und die Pläne der Stadt, hier einen Lern- und Gedenkort zu schaffen, ermöglicht.
Das weitere Vorgehen soll während weiterer Treffen, die ebenfalls im Bürgerhaus stattfinden, beraten werden.

Sonderseiten zur Erinnerungskultur

So langsam scheint bei der Stadt die Erkenntnis zu reifen, dass sie bisher zu wenig für die eigene Erinnerungskultur getan hat. In einer neuen Rubrik informiert die Stadt Augsburg ab sofort auf ihrem Online-Portal über die dunklen Flecken der eigenen Geschichte und erinnert an die Opfer des NS-Regimes. Der Link Augsburger Erinnerungskultur führt zu einem Überblick auf den so genannten „Augsburger Weg“, auf das ehemalige KZ-Außenlager „Halle 116“ und auf den Gedenkraum, der im Unteren Fletz des Rathauses an die im Holocaust ermordeten Augsburger Juden erinnert.

StaZ befragt die Stadt

Im Anschluss an die Diskussionsrunde stellten die Kollegen der Augsburg-Redaktion der StadtZeitung eine Anfrage an die Stadt Augsburg:
Wer ist derzeit Eigentümer der Halle 116? Stadt: Die Halle 116 befindet sich im Umgriff der städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme Sheridan Kaserne, die für die Stadt Augsburg treuhänderisch durch die Wohnbaugruppe Entwickeln verwaltet wird; dementsprechend steht das Grundstück samt Halle im Eigentum der Wohnbaugruppe Entwickeln und ist Bestandteil des Treuhandvermögens der Entwicklungsmaßnahme.
Ist ein Verkauf der Halle 116 geplant – Falls ja, gibt es Interessenten? Stadt: Es wurden verschiedene Anfragen an die Wohnbaugruppe Entwickeln bzw. der Stadt Augsburg zu einem möglichen Erwerb des Gebäudes gestellt. Im Rahmen der Gespräche mit Bewerbern wurde darauf hingewiesen, dass aufgrund der geltenden Beschlusslage ein Verkauf der Halle 116 an Dritte nicht vorgesehen ist.
Warum wurde der Stadtratsbeschluss vom 24.11.2016 (Punkt 6) nicht umgesetzt und ein referatsübergreifendes Nutzungskonzept erarbeitet? Stadt: Es wurde seitens der Verwaltung eine Nutzung geprüft, jedoch konnten bislang keine adäquaten Nutzungen von Seiten der Verwaltung für eine Nutzung des gesamten Gebäudes gefunden werden, die auch der Maßgabe des Stadtrates vom 23.07.2009 zur Gewährleistung der Finanzierung der Gesamtmaßnahme entsprechen. Es wird jedoch eine erneute Nachfrage nach einem referatsübergreifenden Nutzungskonzept geben. Das Kulturreferat möchte auf jeden Fall in einem ersten Schritt den Kopfbau und zwei Schotten als Lern- und Erinnerungsort auf Grundlage des Konzepts von Herrn Professor Gassert und der Kommentierung von Herrn Warnecke vom Deutschen Museumsbund sichern und entwickeln.
Warum wurde das Gutachten von Professor Gassert zur Halle 116 nicht weiter verfolgt? Stadt: Das wissenschaftliche Konzept von Professor Gassert ist nach wie vor die wissenschaftliche Grundlage und Leitplanke für eine Entwicklung des Lern- und Erinnerungsortes. Im Hinblick auf die Umsetzung muss dieses jedoch noch bearbeitet werden und bedarf eines gedenkstättenpädagogischen Konzeptes.

Literaturquellen für die Geschichten rund um Halle 116:

Benz Wolfgang, Distel Barbara (Hg): Der Ort des Terrors – Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager Band 2 München 2005
Bürgerhaus Pfersee (Hg.): KZ Außenlager Pfersee. In: Pferseer Geschichtsblätter November 2000 und Internet www.buerger-haus-pfersee.de/Seiten/kzpfers.html
Eiber Ludwig: Protokoll zum Workshop in Augsburg 26.9.2003
Filser K., Thieme H.: Hakenkreuz und Zirbelnuß. Augsburg im Dritten Reich. Bindlach 1993
Geschichtswerkstatt Augsburg e.V.: nicht Stadt nicht Dorf – Leben und Arbeiten in Pfersee, Augsburg 1994
IGM (Hg.): Die alten und die neuen Herren. Dokumente zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Augsburg 1933-45. Augsburg 1988Initiative für Entschädigung von Zwangsarbeit in Augsburg: Internet home.arcor.de/fabian.diewald/iz/
Institut für Zeitgeschichte (Hg.): Kriegsende und Neuanfang in Augsburg 1945. Erinnerungen und Berichte. München 1996
Kucera, Wolfgang: Fremdarbeiter und KZ-Häftlinge in der Augsburger Rüstungsindustrie, Augsburg 1996
Lehmann Bernhard: Arbeiten zum Thema Zwangsarbeiter.
Internet: www.zum.de/Faecher/Materialien/lehmann/ index1024.htm
Nerdinger, Eugen: Brüder, zum Lichte empor. Ein Beitrag zur Geschichte der Augsburger Arbeiterbewegung. Augsburg 1984
Nerdinger, Eugen: Flamme unter Asche. Augsburg 1979
Nerdinger Winfried (Hg.): Bauten erinnern – Augsburg in der NS-Zeit. Berlin 2012
Puvogel, Ulrike; Stankowski, Martin: Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus Band I. Eine Dokumentation. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage, Bonn 1995 (Im Internet unter Bundeszentrale für politische Bildung, Schriften Band 245)
Römer, Gernot: Für die Vergessenen, KZ-Außenlager in Schwaben. Augsburg 1984
Stadtarchiv Augsburg (Hg.): Trümmer Jeeps und leere Mägen. Chronik der Stadt Augsburg 1945-48. Augsburg 1995
Steinbach, Peter; Tuchel, Johannes (Hg): Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur 1933-1945. Bonn 2004. Bundeszentrale f. pol. Bildung. Schriftenreihe Band 438
Steiner, Manfred M.: Zeitzeugen. Gesichter und Stimmen einer Stadt. Augsburg in der NS-Zeit. Augsburg 2001
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