Diskussion über Süchtigentreff in der Branderstraße: "Wenn wir gar nichts machen, wird es auf keinen Fall besser“

Ist die Branderstraße der richtige Standort? Vertreter der Stadtregierung und Akteure, die in das Konzept des Süchtigentreffs eingebunden sind, diskutierten am Freitag mit Oberhauser Bürgern auf einem Infoabend im Pfarrheim St. Thaddäus.
 
Der neue Standort für die geplante Einrichtung liegt direkt am Oberhauser Bahnhof.

Durch einen betreuten Treffpunkt möchte die Stadt Augsburg die Süchtigenszene vom Oberhauser Bahnhof in den Griff bekommen. Doch wohin mit der Einrichtung? Und bezieht sich das Konzept eigentlich auf die richtige Zielgruppe? Darüber diskutierten am Freitag Vertreter der Stadtregierung mit Oberhauser Bürgern auf einem Infoabend.

Als Anwohner des Oberhauser Bahnhofs macht man einiges mit. Es sei nicht angenehm, „in der Tiefgarage über Fäkalien zu stolpern“, sagt ein junger Mann. Eine Frau, die sich als beruflich in der Sozialen Arbeit tätig vorstellt, erklärt: „Ich möchte nicht jeden Tag den Notarzt holen und auch in meinem Privatleben noch jeden Tag Sozialarbeiterin spielen müssen.“ Als Oberhauser sei man leidensfähig, beschreibt sie. „Wir sind geduldig, aber irgendwann ist das erschöpft.“

Beide Redner sind wohl auch deshalb zu dem „Infoabend zum Betreuten Treff in Oberhausen“ gekommen, um ihrem Ärger Luft zu machen. Und sie konfrontieren die Vertreter der Stadt Augsburg, die zu der Veranstaltung ins Pfarrheim St. Thaddäus unweit des Oberhauser Bahnhofs eingeladen haben, mit kritischen Fragen. Mit den Alkoholikern könne man leben, sagt der Mann. Die Trinker seien nicht, was die Anwohner am meisten belaste. „Die Drogenszene mit ihren harten Drogen, die ist das Problem.“ Es werde die falsche Zielgruppe angegangen, wirft er Ordnungsreferent Dirk Wurm vor.

Das vom Ordnungsreferat erarbeitete Konzept stellt zu Beginn der Veranstaltung Janina Hentschel vom Kommunalen Präventionsrat vor. Mit dem Süchtigentreff soll den Betroffenen ein Aufenthaltsraum geboten werden, an dem sie Alkohol konsumieren können, Betreuung durch Sozialarbeiter der Drogenhilfe erhalten und „über eine niedrige Schwelle in die Hilfsangebote der Stadt kommen können“. Der Bereich des Helmut-Haller-Platzes, an dem sich die Szene derzeit aufhält, werde entlastet, so der Plan.

„Sind wir am Helmut-Haller-Platz denn keine Wohngegend?“

Das Gesamt-Konzept erfährt an diesem Abend einiges an Zustimmung unter den rund 100 Interessierten – aber auch Ablehnung. Das „Kernproblem der Drogensüchtigen“ bleibe, betont der Anwohner – und fordert die Bestrafung und Verdrängung der Szene. Drogen seien ja schließlich auch nicht legal.

Er störe sich zudem daran, dass der neue Standort für den Treff, die ehemalige Apotheke an der Branderstraße 60 direkt am Oberhauser Bahnhof, so sein Eindruck, offenbar schon beschlossen sei. Der Info-Abend in St. Thaddäus ist zunächst der einzige Termin, den die Stadt angesetzt hat. Für die 500 Meter vom Haller-Platz entfernte Dinglerstraße 10, die sich das Ordnungsreferat zuerst als Örtlichkeit für den Treff herausgesucht hatte, gab es Ende des vergangenen Jahres drei Info-Abende. Nach einigem Hin und Her entschied sich der Stadtrat im Dezember gegen die Dinglerstraße. Neben der weiten Entfernung, und den damit verbundenen Bedenken, dass die Betroffenen das Angebot nicht annehmen würden, war ein weiteres Argument gegen das Gebäude, dass es inmitten eines Wohngebiets liegt. „Sind wir am Helmut-Haller-Platz denn keine Wohngegend?“, fragt die Anwohnerin und Sozialarbeiterin empört.

Branderstraße: "Der einzige Weg, den wir angstfrei gehen können"

Anwohner Emil Jarndt, der sich seit vielen Jahren am Oberhauser Bahnhof engagiert, fürchtet, dass die Süchtigen sich künftig an der Branderstraße vor dem Gebäude ansammeln könnten. „Das ist aktuell der einzige Weg, den wir noch angstfrei vor zur Hauptstraße gehen können“, sagt er in seiner Wortmeldung. Eine andere Diskussionsteilnehmerin fragt, was denn aus dem Ansatz geworden sei, die Szene durch einen Standort, der nicht direkt am Bahnhof liegt, zu entzerren. „Wenn von 40 Leuten auf dem Platz 10 bis 20 in den Treff kommen, ist das durchaus schon eine Entzerrung“, antwortet Wurm. „Das wichtigste ist, dass die Leute das Angebot annehmen.“

Wie die Süchtigen angehalten werden sollen, in die Einrichtung zu gehen und nicht davor „herumzulungern“, wie es im Laufe der Diskussion einige befürchten, erläutert Uwe Schmidt von der Drogenhilfe Schwaben. „Unsere Aufgabe ist es, mit den Betroffenen zu sprechen, dass sie hereinkommen. Und das funktioniert auch“, sagt er. Referent Wurm ergänzt, es gebe ja auch noch den Ordnungsdienst, der nachhelfen könne.

Baureferent kündigt „Mitmach-Planung“ für den Haller-Platz an

Neben Wurm ist nahezu die komplette Stadtspitze im Pfarrheim vertreten. Zweite Bürgermeisterin und Finanzreferentin Eva Weber, Sozialreferent und Dritter Bürgermeister Stefan Kiefer, Baureferent Gerd Merkle und Umweltreferent Reiner Erben werben gemeinsam für den Standort Branderstraße und das Gesamtkonzept für den Oberhauser Bahnhof.

Erben erläutert, wie der ehemalige Spielplatz, an dem sich die Szene derzeit aufhält, aufgeräumt und aufgewertet werden soll. Das Grün, das bereits zum Gelände der Deutschen Bahn gehört, soll bis spätestens Ende Februar geschnitten werden, damit die Süchtigen dort nicht weiterhin ihre Notdurft verrichten. Eventuell werde eine mobile Toilette installiert. Baureferent Merkle, der wie er selbst sagt, am Helmut-Haller-Platz in der Vergangenheit „lernen durfte, dass eine falsch angebrachte Bank mitunter sehr viel Ärger auslösen kann“, wünscht sich die Beteiligung der Anwesenden und kündigt eine „Mitmach-Planung“ an. Mit der Umgestaltung des Areals soll sich der Bauausschuss zeitnah befassen. „Wir brauchen beides“, sagt Wurm, „Betreuungsmöglichkeit und gestalterische Maßnahmen“.

„Wir werden die Szene nicht wegbekommen“

Und die Kriminalität? Dagegen gehe man „so oder so vor“, betont Stefan Lanzinger. Er ist Revierleiter der Polizei in Oberhausen und findet: „Mit Betreuungskonzept kann die Situation nicht schlechter werden als ohne. Wenn wir gar nichts machen, wird es auf keinen Fall besser.“

Dass man die Szene nicht verdrängen könne, sondern direkt am Haller-Platz Möglichkeiten finden müsse, das sieht auch ein Teilnehmer so, der sich als Stefan Rummelhagen, Leiter der Suchtstation im Bezirkskrankenhaus, vorstellt. Die Patienten gingen vom Krankenhaus direkt an den Oberhauser Bahnhof, erklärt er. Der Platz sei „der Dreh- und Angelpunkt“.

„Wir werden die Szene nicht wegbekommen“, sagt Rummelhagen. Sein Appell: „Wir müssen vor Ort etwas tun.“
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