Geschichte einer Flucht: Wie Familie Shecho nach Augsburg kam und wie es für die syrischen Kurden nun weitergeht

Kamiran Shecho und seine drei Kinder Ibrahim, Muhammad und Fatima an der Küste von Izmir bevor sie mit dem Schlauchboot Richtung Griechenland fuhren. (Foto: Privat)
 
Familie Shecho ist vor kurzem nach Lechhausen in eine eigene Wohnung gezogen. Kamiran Shecho ist 40 Jahre alt. Seine Frau Haifa und er haben vier Kinder. Muhammad (10 Jahre), Ibrahim (6) und Fatima (8) kamen in der syrischen Heimat auf die Welt. Der jüngste Sohn Jusef (1) ist in Augsburg geboren. (Foto: Florian Handl)
 
Kamiran Shecho arbeitet in Augsburg für die Direktwerbung Bayern und verteilt unter anderem auch die StadtZeitung Augsburg.
 
Ausgangspunkt der Flucht der Familie Shecho war die syrische Stadt Al-Hasaka (grüner Pfeil). Von dort aus flohen sie vor ISIS nach Arbil – deutsch Erbil (1) im kurdischen Teil vom Irak. Der Weg nach Europa führte mit dem Bus durch die Türkei über Diyabakir (2), Izmir (3) und Cesme (4). Auf der griechischen Insel Chios (5) betrat die Familie Checho zum ersten Mal europäischen Boden. Eine Fähre brachte sie nach Split (6). Mit Bussen kamen sie nach Stationen in Ljubljana (7), Klagenfurt (8) in Augsburg an. (Foto: © OpenStreetMap contributors, @ Omniscale)

Der syrische Kurde Kamiran Shecho und seine Familie lebten zwei Jahre unter der Herrschaft des ISIS in Syrien bevor sie zuerst in den Irak und später über die Türkei und die Balkanroute nach Deutschland flohen. Seit drei Jahren lebt die Familie nun in Kriegshaber. Wir sprachen mit Familie Shecho über das Leben in ihrer alten Heimat, die Flucht nach Deutschland und wie ihr Leben in Augsburg aussieht. 

StadtZeitung: Woher kamen Sie und wie sah Ihr Leben vor der Flucht aus?
Shecho: (Antwortet auf Deutsch) Meine Heimatstadt ist die syrische Stadt Al-Hasaka. Al-Hasaka liegt im kurdischen Teil Syriens nahe der türkischen Grenze. Meine Muttersprache ist kurdisch und in der Schule wurde arabisch gesprochen. Ich arbeitete zwölf Jahre lang als Vertreter für Pampers. Meine Frau Haifa war Buchhalterin, bevor sie dann für unsere Kinder zu Hause blieb. Wir hatten ein gutes Leben und ein schönes Haus.

StadtZeitung: Und dann kam der Bürgerkrieg.
Shecho: Von den Anfängen des Bürgerkrieges haben wir nicht viel mitbekommen. In den kurdischen Gebieten ging das Leben ganz normal weiter. Bis auf einmal der ISIS (Anmerkung der Redaktion: Die Terrororganisation Islamischer Staat im Irak und in Syrien) auftauchte und große Gebiete Syriens eroberte, darunter auch meine Heimatstadt. 

StadtZeitung: Was bedeutet es unter der Herrschaft des ISIS zu leben?
Shecho: Man lebt in ständiger Angst und ist der Willkür dieser Verbrecher ausgesetzt. Wir Kurden lebten einen moderaten Islam, wir tanzten gerne und hörten Musik. Unsere Frauen gingen arbeiten und mussten sich nicht verhüllen. Unter der Herrschaft der Islamisten war alles, was unser Leben ausgemacht hat, verboten. Die Schulen wurden geschlossen, die Firmen – besonders ausländische – machten zu und man verlor seine Arbeit. Alle Waren und das Geld wurden von ISIS und seinen Anhängern beschlagnahmt. Unsere Frauen mussten sich komplett verschleiern und durften das Haus nur in Begleitung eines männlichen Familienmitgliedes verlassen. Und verlassen durften wir unser Haus nur mit Genehmigung der Terroristen. Musik und Tanz sowie westliche Literatur und Filme waren natürlich auch verboten. Im Namen des Islam wurden wir jeden Tag von angeblichen Dienern des Propheten terrorisiert. Sittenwächter überprüften die Einhaltung der Scharia – bei Verstößen gab es drastische Strafen wie öffentliches auspeitschen, Prügelstrafe oder man wurde ermordet.  

StadtZeitung: Wie überlebt man eine solche Schreckensherrschaft?
Shecho: Indem man unsichtbar wird und sich anpasst. Unter dem ISIS zu leben, heißt für ISIS zu arbeiten. Einfache Arbeit, aber nur so bekommt man Essen und Wasser zum Überleben, oder man flieht.

StadtZeitung: Also Flucht.
Shecho: Ich hatte eine Frau und drei kleine Kinder – eine Flucht aus unserer Heimat war für uns lange unvorstellbar und zu gefährlich. Aber als die Luftangriffe auf ISIS begannen und die Willkür der Verbrecher zunahm, wurde es zu gefährlich zu bleiben. Im Mai 2013 flohen wir zusammen mit der Familie meines Bruders in den Irak nach Arbil (deutsch Erbil).

StadtZeitung: Also war nicht Deutschland ihr Ziel?
Shecho: Nein. Wir flohen entlang der türkischen Grenze in das Kurdengebiet im Irak. Wir hatten dort in Arbil Verwandte und wir sprachen die gleiche Sprache. Ich wollte dort arbeiten und meine Familie versorgen.

StadtZeitung: Es war sicher nicht leicht aus Syrien rauszukommen. Sie konnten ja schlecht einen Umzugswagen rufen.
Shecho: Nein, wir mussten fast alles zurücklassen. Jeder hatte eine kleine Tasche voll mit Kleidung dabei. Dazu etwas Nahrung und Wasser. Von unserem Besitz konnten wir nur Bargeld und ein paar Erinnerungsfotos mitnehmen. Trotz Ausgangssperre schlichen wir uns nachts aus dem Haus zum vereinbarten Treffpunkt mit dem Schmuggler. Mit dem LKW-Fahrer feilschten wir um den Preis für die Überfahrt. 300 Dollar pro Erwachsener und 100 pro Kind mussten wir bezahlen. Versteckt auf der Ladefläche eines LKW verließen wir unsere Heimat – in ständiger Angst entdeckt zu werden. Zum Glück für uns waren die sogenannten Gotteskrieger des ISIS bestechlich, sonst hätten wir Syrien nie lebend verlassen. Denn eine Entdeckung wäre unser sicherer Tod gewesen.

StadtZeitung: Im Irak kamen Sie dann direkt zu Ihren Verwandten nach Erbil?
Shecho: Wir wurden zuerst in einem Flüchtlingslager untergebracht. Nach einer Überprüfung unserer Papiere erhielten wir für ein Jahr eine Aufenthaltsgenehmigung. In Arbil konnte ich meine Arbeit als Vertreter für Pampers fortsetzen. Das ermöglichte uns das Flüchtlingscamp zu verlassen und eine Wohnung für meine Familie anzumieten. Einen Monat später haben mein Bruder und ich unsere Eltern, die in Al-Hasaka zurückgeblieben waren, nach Erbil nachgeholt.

StadtZeitung: Sie hatten also angefangen in Erbil ein neues Leben aufzubauen. Warum sind Sie dann fortgegangen?
Shecho: Als der ISIS im Juni 2014 die Stadt Mossul eroberte, stellte meine Firma die Arbeit ein. Denn die Waren wurden alle über Mossul transportiert. Somit standen wir vor der Wahl arbeitslos in Erbil zu bleiben oder über die Türkei nach Deutschland zu gehen. Wir entschieden uns im Sommer 2015 für das Risiko nach Deutschland zu gehen, weil wir unseren Kindern eine gute Zukunft bieten wollten und wir nicht sicher waren, ob der ISIS gestoppt werden könne. Aus diesem Grund kam auch nur eine Flucht mit der ganzen Familie infrage.

StadtZeitung: Warum gerade Deutschland?
Shecho: Deutschland ist ein wirtschaftlich starkes Land. Dort wäre die Familie in Sicherheit und ich könnte Arbeit finden, so die Hoffnung damals.

StadtZeitung: Vom Irak nach Deutschland ist es eine lange Reise. Welche Route haben Sie genommen?
Shecho: Für den Transport über die türkische Grenze bis nach Diyabakir zahlten wir 1000 Dollar. Mein Bruder und seine Familie sowie meine Eltern blieben zunächst in Erbil. Für weitere 200 Dollar kamen wir mit dem Bus nach Istanbul. Dort blieben wir zwei Tage. Über Bekannte fanden wir jemanden der uns nach Griechenland bringen konnte. Pro Erwachsenen verlangten die Schlepper 1000 Dollar. Für die Kinder war die Überfahrt umsonst. Am nächsten Tag ging es um 8 Uhr morgens mit drei großen Bussen voller Flüchtlinge nach Izmir.  Am Strand mussten wir bis zum Einbruch der Nacht auf die Überfahrt mit dem Schlauchboot warten. Die Schwimmwesten mussten wir uns am Strand selber kaufen. Bevor wir dann auf die Schlauchboote durften, mussten wir weitere 1000 Dollar bezahlen. Dann ging es los. Sie sagten uns, wir müssten nur immer geradeaus fahren, dann würden wir Griechenland erreichen.

StadtZeitung: Das heißt, die Männer haben mehrere tausend Dollar für die Überfahrt verlangt und sorgten dann nicht einmal für eine sichere Überfahrt?
Shecho: Ja, genau. Die Männer blieben am Strand und ließen uns allein losfahren.

StadtZeitung: Hatten Sie keine Angst vor der Überfahrt?
Shecho: Wir konnten nicht schwimmen und hatten deshalb große Angst. Nach etwa 90 Minuten erreichten wir die griechische Insel Chios. Dort nahmen uns Helfer in Empfang. Nach einer ärztlichen Untersuchung bekamen wir Kaffee und etwas zu essen. Danach ging es in eines der Flüchtlingscamps. Dort wurden von uns die Fingerabdrücke genommen und Fotos gemacht. Danach erhielten wir neue Papiere. Mit diesen konnten wir das Lager verlassen.

StadtZeitung: Nun waren Sie in Europa angekommen, aber noch nicht an Ihrem Ziel. Wie ging es weiter?
Shecho: Mit einer großen Fähre fuhren wir nach Kroatien. Für die Überfahrt mussten wir 100 Euro pro Person zahlen. In Kroatien bekamen wir wieder neue Papiere und für 30 Euro je Person wurden wir mit Bussen nach Slowenien gebracht. Ebenfalls mit dem Bus durchquerten wir Slowenien bis nach Klagenfurt in Österreich. Dort wurden wir erneut ärztlich untersucht und dann zum Schlafen in einer großen Unterkunft untergebracht. Ein paar Tage später ging es mit Bussen weiter nach Deutschland. Die Fahrt durch Österreich war der erste kostenlose Teil unserer Flucht. Im Oktober 2015 erreichten wir endlich Passau und damit Deutschland – das Ziel unserer Flucht.

StadtZeitung: Wie wurden Sie in Deutschland in Empfang genommen?
Shecho: Die Beamten der Polizei begrüßten uns freundlich und fragten uns als erstes, wo wir herkommen und ob wir in Deutschland bleiben oder in ein anderes Land weiterreisen wollen. Da wir in Deutschland bleiben wollten, wurden wir zusammen mit anderen Kurden und Arabern in einer Turnhalle untergebracht und man nahm unsere Daten auf. Danach erhielten wir zwei neue Papiere. Eines zum Schlafen in der Unterkunft und eines für die Essensausgabe. Bereits am nächsten Morgen ging es weiter nach Augsburg. Nach einer erneuten ärztlichen Untersuchung wurde uns in einer Flüchtlingsunterkunft am Jakobertor ein Zimmer zugewiesen für die ganze Familie. Es gab kein eigenes Bad oder eine Küche für die Familie.

StadtZeitung: Wie ging es dann weiter?
Shecho: Nach zwei Wochen wurde uns in Kriegshaber eine Wohnung zugewiesen in einem Haus in dem schon andere Flüchtlingsfamilien untergebracht waren. (Anmerkung der Redaktion: In dieser dezentralen Asylbewerberunterkunft der Stadt Augsburg wohnte Familie Shecho bis vor kurzem. Nun fand die Familie eine eigene Wohnung in Lechhausen.) Im Juni 2016 bekamen wir eine auf drei Jahre befristete Aufenthaltsgenehmigung. Vor kurzem wurde die Aufnthaltsgenehmigung durch das BAMF um drei Jahre verlängert. In Deutschland war es von Anfang an unser Ziel uns so schnell wie möglich zu integrieren. Damit wir Arbeit finden können, die Kinder in die Schule gehen können und wir unsere neue Heimat kennenlernen. In den Integrations- und Deutschkursen haben wir die deutsche Sprache gelernt und viel über die Kultur, die Gesetze und das Wahlrecht erfahren.

StadtZeitung: Und wie haben Sie dann eine Arbeit gefunden?
Shecho: Bei den Kursen und den Behördengängen wurden wir von vielen Menschen unterstützt, besonders durch Frau Dr. Kaiser, die sich als Kinderärztin im Freiwilligenzentrum Augsburg engagiert. Mit ihrer Hilfe habe ich auch Arbeit gefunden, als ich endlich arbeiten durfte. Seit rund 1,5 Jahren habe ich nun eine eigene Arbeit und ernähre meine Familie. Seit neun Monaten etwa bin ich als Austräger bei der Direktwerbung Bayern angestellt und bringe unter anderem die StadtZeitung zu den Menschen nach Hause.

StadtZeitung: Wenn der Krieg in Syrien endet, wollen Sie dann zurückgehen?
Shecho: Nein. Ich sehe die Zukunft für meine Kinder hier. Sie wachsen mit der deutschen Sprache auf, gehen auf deutsche Schulen und leben hier. Hier herrscht Frieden und die Gesetze gelten für alle. Hier haben die Kinder eine Krankenversorgung und sind in Sicherheit.
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