Klavierklänge für die Seenotrettung: Augsburg soll sicherer Hafen werden

Aeham Ahmad am Piano (Foto: Marko Petz)
 
Die 1600 Papierboote erinnerten an die über 1600 dieses Jahr im Mittelmeer ertrunkenen Menschen (Foto: Julia Hübinger)
Augsburg: Elias-Holl-Platz |

Am Samstag, den 15. September, kamen 350 Menschen zu einer Kundgebung der ganz besonderen Art: Aeham Ahmad, der bekannte „Pianist aus den Trümmern“ spielte ein Konzert auf einem Klavier, welches in einem Flüchtlingsboot aus dem Mittelmeer stand. Dazu gab es eine Lesung aus seinem Buch „Und die Vögel werden singen“. Um das Boot standen 1.600 Papierboote, stellvertretend für die im Mittelmeer allein dieses Jahr ertrunkenen Menschen. Mit seiner eindrücklichen Musik und seinem klaren Appell für die Seenotrettung setzte Ahmad, der selbst übers Mittelmeer geflohen ist, ein beeindruckendes Zeichen und unterstützte so den im Stadtrat vorliegenden Antrag „Augsburg muss ein sicherer Hafen werden“. Aufgerufen zu der Kundgebung hatte die Seebrücke Augsburg.

Dieses Zeichen könnte nicht dringender sein: Die Seenotrettung im zentralen Mittelmeer ist auf ein unverantwortliches Minimum reduziert worden. Die Todeszahlen sind erschreckend, mehr als 1.600 Menschen sind dieses Jahr ertrunken, die Dunkelziffer ist weit höher.

Augsburg muss sicherer Hafen werden

Seitdem Italien keine Schiffe mit geretteten Flüchtlingen mehr anlegen lässt, bis sich andere Staaten zur Aufnahme von Geflüchteten bereit erklären, ist die Seenotrettung so gut wie zum Erliegen gekommen. Um das Sterben im Mittelmeer zu verhindern, bedarf es einer europäischen Lösung und mehr Seenotrettung statt einer Kriminalisierung dieser. Dabei ist auch die Zivilgesellschaft gefordert. Die Städte Bonn, Düsseldorf und Köln haben sich als parteiübergreifende Initiative schon als sichere Hafenstädte erklärt und ihre Bereitschaft verkündet, Geflüchtete aus dem Mittelmeer aufzunehmen. Diesem Beispiel folgten Potsdam, Regensburg, Solingen, Osnabrück und Bielefeld. Auch im Augsburger Stadtrat liegt ein Antrag vor, die Friedensstadt zum sicheren Hafen zu machen.
Im Rahmen der Kundgebung wurde zudem dem Stadtrat ein offener Brief überreicht, den zahlreiche, teils prominente Unterstützer*innen unterzeichnet hatten. Die Forderung an den Stadtrat darin lautet: „Machen Sie Augsburg zu einem sicheren Hafen!“

Plädoyer für grundlegende Menschenrechte

Die Kundgebung der Seebrücke Augsburg fand in Zusammenarbeit mit Amnesty International Augsburg, dem Augsburger Flüchtlingsrat, Augsburg Postkolonial, dem Grandhotel Cosmopolis und dem zivilen Seenotrettungsverein ResQship statt. Friedrich Reich von ResQship berichtete ergreifend von seinen Erlebnissen auf dem Mittelmeer. Ein anderer zentraler Punkt der Reden war die Brisanz der Thematik: „Bei der Seenotrettung und beim Asylrecht geht es nicht irgendwelche Dinge, die wir Menschen einfach so zusprechen oder auch verwehren können. Es geht um das fundamentale Recht auf Leben und auf Asyl. „Das Recht, Rechte zu haben“ ist das grundlegendste aller Menschenrechte. Hüten wir uns davor, diese Menschenrechte selektiv anhand von Herkunft oder Hautfarbe zu vergeben. Denn damit beschädigen wir in erster Linie unsere Menschlichkeit“, sagte Seraja Bock von der Seebrücke Augsburg.

Der Pianist aus den Trümmern

Sehr eindrücklich war das Statement des syrisch-palästinensischen Pianisten Aeham Ahmad zur Seenotrettung. Bekannt geworden ist er als der „Pianist aus den Trümmern“ – sein Bild mit dem Klavier inmitten eines zerbombten syrischen Flüchtlingslagers ging um die Welt. Als die Lage in Syrien immer schlimmer wurde, hatte er sein Klavier auf die Straße geschoben, um gegen den Hunger und die Verzweiflung zu spielen. Doch der IS verbrannte sein Klavier und Ahmad musste 2015 aus Syrien fliehen. Auch er kam mit dem Schlauchboot übers Mittelmeer und will den Menschen, die die in Not sind, eine Stimme geben.

Offener Brief an den Stadtrat
Nach dem Friedensfest, auf dem der Lifeline-Kapitän Claus-Peter Reisch einen eindrucksvollen Auftritt hatte, schloss sich die SPD der Forderung der Seebrücke an und beantragte im Stadtrat, dass Augsburg ein sicherer Hafen werden solle.
Der offene Brief an den Stadtrat, den die Seebrücke Augsburg am Ende der Kundgebung den anwesenden Stadträten überreichte, greift diese Forderung auf. Unterzeichnet worden war der Brief von über 40 bekannten regionalen und teils auch überregionalen Vertreter*innen aus Kultur, Religion, Politik und Wirtschaft sowie von verschiedenen Organisationen. Die Seebrücke hatte alle Stadträte zur Kundgebung und anschließenden informellen Gesprächen eingeladen. Die CSU-Fraktion blieb jedoch geschlossen der Veranstaltung fern. Der Austausch mit Vertreter*innen von SPD, Bündnis 90 die Grünen und Polit-WG verlief sehr gewinnbringend und machte allen deutlich: Der Stadtrat muss handeln und Augsburg zum sicheren Hafen machen.

Seenotrettung ist nicht verhandelbar
Für die Menschen, die am Samstag auf die Straße gingen und ihre Solidarität zeigten und für alle, die sich momentan europaweit für die Seebrücke einsetzen, ist klar: Das Sterben im Mittelmeer muss aufhören. Menschen aus Seenot zu retten ist niemals ein Verbrechen und Seenotrettung ist deshalb nicht verhandelbar.



Über die Seebrücke:
Die Seebrücke ist eine internationale Bewegung, getragen von verschiedenen Bündnissen und Akteuren der Zivilgesellschaft, die sich mit Menschen auf der Flucht und Seenotrettungsorganisationen solidarisieren. Weitere Infos unter: https://seebruecke.org/
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