Sechs Monate im "beTreff": Besucher und Stadt ziehen erstes Fazit zum Drogentreff in Oberhausen

Im "Betreuten Treff" am Oberhauser Bahnhof können Alkohol- und Drogensüchtige seit einem halben Jahr Hilfe in Anspruch nehmen. Täglich nehmen über 120 Personen das Angebot wahr. Foto: Patrick Bruckner

Etwa zwei Dutzend Menschen tummeln sich an diesem Tag vor dem Gebäude in der Branderstraße, rauchen und trinken noch ehe sie sich verabschieden und ihrer Wege gehen. Die Situation rund um den Oberhauser Bahnhof war seit Jahren problematisch. Anwohnern zufolge sei es immer wieder zu nächtlichen Lärmbelästigungen und Sachbeschädigungen durch die Alkohol- und Drogenszene gekommen. Die Stadt Augsburg reagierte und beschloss, einen "Betreuten Treff" für das entsprechende Klientel einzurichten. Diese Einrichtung wurde am 15. Juni zunächst als zweijähriges Pilotprojekt eröffnet. Wie wird die Anlaufstelle von den Alkohol- und Drogensüchtigen angenommen und ist das Konzept der Stadt Augsburg aufgegangen?

Täglich nehmen rund 120 bis 160 Drogensüchtige im "beTreff" das Angebot des Sozialdienstes Katholischer Männer (SKM) und der Drogenhilfe in Anspruch, so die Mitarbeiter vor Ort. Viele Gäste der Einrichtung berichten, dass Alkohol die Einstiegsdroge gewesen sei, mit der sie teilweise schon im Alter von zwölf Jahren in Kontakt gekommen seien. Im Laufe der Jahre dann gerieten sie über Marihuana und diverse Partydrogen an härtere Drogen wie Heroin. Der Übergang sei dabei meist fließend.

"Im Freundeskreis tauchte die Droge 'Schorre' auf", sagt ein 33-jähriger Mann, der jeden Tag 90 Kilometer aus dem Donau-Ries mit dem Zug bis zu seinem Substitutionsarzt nach Augsburg fährt. Man komme in bessere Stimmung und es mache Spaß, sagt er über den Konsum von "Schorre". Erst nach einiger Zeit und mehrmaligem Konsum habe er festgestellt, dass es sich dabei um Heroin handle. "Es war aber nie der Gruppenzwang", betont er und erklärt: "Ich dachte, dass jeder seine Erfahrung selber machen muss und bin damit auf die Schnauze gefallen, wie jeder andere auch".

Betreuter Treff wird von den Süchtigen gut angenommen

"Die Einrichtung ist eine gute Sache", sind sich die zahlreichen Besucher einig. "Schau doch mal da rüber, da ist nix mehr los", lallt einer seiner daneben stehenden Freunde und zeigt auf den Platz am Oberhauser Bahnhof, wo sie sich früher immer aufhielten. Fast aus dem Gleichgewicht geraten, wird der Mann mit den zwei Schnapsflaschen in den Händen von dem 33-Jährigen aus dem Donau-Ries gestützt.

Im Betreuten Treff, der wie ein Cafébetrieb funktioniert, gelten strikte Regeln. Hochprozentiger Alkohol (Schnaps) sowie das Mitführen und der Konsum harter Drogen sind verboten. Die Hausordnung erlaubt das Mitbringen und Konsumieren geringer Mengen niedrigprozentiger alkoholischer Getränke wie Bier und Wein. In der Einrichtung gibt es diese nicht zu kaufen. Stattdessen können die Gäste Apfelschorle und Limonade für 50 Cent und Wasser für 30 Cent bestellen.

Besucher werden von Sozialarbeitern betreut

Zwei Sozialarbeiter sind für Gespräche, Betreuung und Beratung während der Öffnungszeiten vor Ort. Katrin Wimmer von der Drogenhilfe leitet den beTreff und steht den Süchtigen in persönlichen Dingen, Behördengängen, Vermittlungen an Ärzte und medizinischen Einrichtungen zur Seite. An diesem Vormittag ist eine Anwältin im Betreuten Treff, die die Betroffenen in rechtlichen Angelegenheiten unterstützt.

Täglich seit der Eröffnung im Juni besucht der 41 Jahre alte Werner die Einrichtung. Er ist seit acht Jahren heroinsüchtig und im Gegensatz zu den meisten anderen Abhängigen, habe es bei ihm nicht mit Joints und Partydrogen angefangen.

Er habe erst bei der Bahn, später als Türsteher gearbeitet und zunehmend Probleme mit seiner Schulter bekommen. Drei Jahre lang habe ihm sein Arzt Morphium verschrieben, bis er plötzlich keines mehr bekommen habe. Auch andere Ärzte hätten es ihm nicht mehr verschrieben. "Von Bekannten hörte ich, dass Heroin den Schmerz lindert und so habe ich es ausprobiert", sagt Werner. Um dauerhaft schmerzfrei zu bleiben, konsumierte er dann regelmäßig Heroin. Mittlerweile ist er wie die meisten anderen Süchtigen vor dem Treff substituiert, er bekommt vom Arzt den Drogenersatzstoff Methadon. Er wolle die Dosierung so weit unten wie möglich halten, sagt Werner und hofft, "bis Mitte 2019 ganz weg zu kommen".

"Menschen, die von der Gesellschaft verstoßen werden"

Der 41-Jährige kennt viele, die regelmäßig in die Einrichtung kommen. So auch eine Frau Mitte 30, die erzählt, dass sie oft die Einrichtung aufsucht, wenn sie jemanden zum Reden brauche und das Geld nur bis Mitte des Monats reiche. "Hier bekomme ich kostenloses Essen und kann mich ein paar Stunden aufwärmen", sagt sie.

Benedikt Tichelmann ist seit einem Jahr Sozialarbeiter bei SKM und hat sich in der Planung für die Stelle beim beTreff beworben. Er möchte den Süchtigen helfen, denn "es sind Menschen, die von der Gesellschaft verstoßen werden" und es könne laut Tichelmann jedem passieren, in die Drogenszene abzurutschen. In dem Klientel fänden sich Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten wieder, einige seien beruflich sehr erfolgreich gewesen, so der Sozialarbeiter. Die Situation am Helmut-Haller-Platz sei durch die Einrichtung entspannter, da sie manche Leute "ein bisschen aufpeppeln", ergänzt er.

Die Drogenszene am Oberhauser Bahnhof sei froh über die Anlaufstelle, sagt Werner. Über die Leiterin der Einrichtung sagt er: "Kati ist 'ne super Frau, sie hängt sich voll rein und schaut, dass sie jedem helfen kann".

Fazit der Stadt Augsburg

Der Ordnungsreferent der Stadt Augsburg, Dirk Wurm, gibt in Rücksprache mit der zuständigen Polizeidienststelle Oberhausen bekannt, dass seit Öffnung der Einrichtung die Situation am Oberhauser Bahnhofsvorplatz spürbar entlastet werden konnte. Trotz der Proteste der Anwohner im Vorfeld der Eröffnung, habe es im Rahmen der monatlichen Bürgersprechstunden bisher keine Beschwerden gegeben. Hin und wieder komme es zu kleineren Zwischenfällen, die das Personal vor Ort aber problemlos in den Griff bekomme, so Wurm. Werner erzählt von einer Situation, als zwei Personen in den Räumen des beTreff versucht hätten zu dealen. Die Sozialarbeiter hätten sie daraufhin rausgeworfen und ihnen Hausverbot erteilt. "Natürlich nur für ein paar Tage, sie sollen ja trotzdem Hilfe bekommen", sagt der 41-jährige Werner.

"Alles in allem ist die Stadt Augsburg mit der Entwicklung des beTreff in den ersten sechs Monaten sehr zufrieden", erklärt Wurm und ergänzt, dass das Ziel nun sein müsse, das Angebot weiter zu entwickeln, um die Nutzer in weiterführende Hilfsangebote zu vermitteln. Ob und für wie lange der beTreff über die geplanten zwei Jahre hinaus weiter betrieben werde, wird der zuständige Fachausschuss im Rahmen einer Evaluierung im Sommer/Herbst 2019 entscheiden, so der Ordnungsreferent.
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