Cold Case Prostituiertenmord: Jetzt haben die verdeckten Ermittler ausgesagt

Angelika Baron arbeitete als Prostituierte. Sie wurde 1993 getötet.
 
Mit diesem Möbelfuß sollen Angelika Baron schwere Schädelverletzungen zugefügt worden sein. Gehört er wirklich, wie ein Zeuge behauptet, zu einem Tisch? Fotos: Polizei/Archiv Aichacher Zeitung

Am Montagvormittag saßen, man darf annehmen, irgendwo in Augsburg, zwei maskierte Männer vor einer Kamera. Chris und Bernd sind Polizeibeamte. Und als solche arbeiteten sie als verdeckte Ermittler im Fall des Prostituiertenmords. Sogar ihre Stimmen wurden verfremdet, als sie jetzt per Videoübertragung dem Schwurgericht erläuterten, wie sie auf den nun angeklagten Stefan E. angesetzt waren. Um sie zu schützen - angeblich bestünde bei einer Enttarnung Gefahr für Leib und Leben, zumal einer noch aktiv ist - wurde die Öffentlichkeit während ihrer Vernehmungen ausgeschlossen.

Es war ein Cold Case. Ein uralter, bislang nicht gelöster Fall. Nach dem Mord an der Prostituierten Angelika Baron im September 1993 verliefen die Ermittlungen zunächst im Sande. Obwohl die Polizei sich mit Fotos (siehe oben) an die Öffentlichkeit gewandt hatte und 5000 D-Mark für Hinweise ausgelobt waren. Erst 2016, als routinemäßig alte Fälle durchforstet wurden und man damals an der Leiche gesicherte DNA mit der Datenbank abglich, gab es plötzlich einen Treffer. Stefan E., so stand nun fest, hatte an Angelika Barons Kleidung Sperma hinterlassen.

Stefan E.? Er lebte am Rand der Innenstadt und war bislang nicht als Gewaltverbrecher aufgefallen. Man hatte seine Daten lediglich nach Drogendelikten gespeichert. Aber nachdem Stefan E. erst einmal in den Fokus der Polizei geraten war, ließ man wenig unversucht, um den 50-Jährigen als Mörder zu überführen. Die Beamten gruben sich durch die alten Akten und ließen Stefan E. abhören. Sie befragten Leute aus seinem Umfeld, machten Prostituierte von damals ausfindig und ihre alten Zuhälter. Und es wurden ab Dezember 2016 zwei verdeckte Ermittler auf den Verdächtigen angesetzt.

Chris und Bernd sollten sich sein Vertrauen erschleichen. Angeblich bezogen die beiden eine Wohnung in seiner Nähe, zumindest einer von ihnen traf sich mehrmals pro Woche mit Stefan E. Sie ließen kaum etwas unversucht, um dem Mann, der nicht einmal ahnte, dass gegen ihn ermittelt wurde, ein Geständnis zu entlocken. Man zog gemeinsam durch Kneipen und spielte sich auf mit angeblichen Schandtaten. Die Undercover-Cops behaupteten, einiges auf dem Kerbholz zu haben. Stefan E. hielt dagegen und prahlte mit Morden, die es gar nicht gab. Nicht aber mit der Tötung von Angelika Baron.

Als er schließlich direkt auf die Prostituierte angesprochen wurde - der Agent behauptete, er habe Kontakte aus dem kriminellen Milieu, die ihm gesteckt hätten, dass Stefan E. Hauptverdächtiger sei - sagte er, er habe mit der grausamen Tat nichts zu tun. Im Gegenteil, bei einem Telefonat mit einem Bekannten beklagte er sich, dass er zu Unrecht im Visier der Polizei sei. Bis heute gibt Stefan E. lediglich zu, Angelika Barons Freier gewesen zu sein. Insofern könnte man das Fazit ziehen, dass der aufwendige Einsatz der verdeckten Ermittler in dieser Hinsicht rein gar nichts brachte. Stefan E. ist außerdem wegen der Vergewaltigung einer Bekannten angeklagt. Dazu sagte er den Agenten, "die Alte" wolle ihm Ärger machen.

Dennoch kam Stefan E. im November 2017 in Untersuchungshaft. Damals hatte sich noch nicht einmal der Zeuge gemeldet, der nun behauptet, der Möbelfuß, die Tatwaffe, habe ganz bestimmt Stefan E. gehört. Er sei dabei gewesen, als man ihn von einem Tischchen abbrach. Mehrere andere Zeugen bezeichnen diesen Mann als Schwätzer, Angeber, Wichtigtuer. Immerhin konnte er den BMW, den Stefan E. vor 25 Jahren fuhr, gut beschreiben. Die Verteidigung verlangt jetzt aber ein Gutachten, zu was für einem Möbel das Beinchen wirklich gehörte.

Man hatte also nur die DNA-Spuren, als man den 50-Jährigen vor über einem Jahr einsperrte. Zumal sich an der Toten weitere, bis heute unbekannte DNA gefunden hatte, war das etwas dünn, fand man vielleicht bei der Strafverfolgungsbehörde. Nun schickte man einen der verdeckten Ermittler zu einem Treffen in die Haftanstalt. Doch auch dabei entlockte der Agent Stefan E. kein Geständnis.

Die meisten der mehr als 120 Zeugen haben nun ihre Aussagen gemacht. Langsam neigt sich der Prozess seinem Ende entgegen. Vermutlich wird das Urteil früher als Ende April fallen.
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.