Gutachten im Ursula-Herrmann-Prozess: Der sechste Ton ist verdächtig

Das öffentliche Interesse am Fall Ursula Herrmann ist nach wie vor groß. Michael Herrmann (rechts), der Bruder des ermordeten Mädchens, fordert vom Mörder ein Schmerzensgeld. (Foto: Alfred Haas)

 Die zehnjährige Ursula Herrmann war am 15. September 1981 aus Eching am Ammersee mit dem Fahrrad auf dem Nachhauseweg. Dort kam sie aber nie an. Ein Entführer steckte das Kind in eine Kiste und vergrub diese. Weil sich das Luftloch mit Laub verstopfte, erstickte das Mädchen. Trotzdem wollte der Täter noch zwei Millionen Mark Lösegeld. Werner M. bestreitet die Tat bis heute vehement. Dennoch wurde er 2010 in Augsburg zu lebenslanger Haft verurteilt.

Der mittlerweile 68-Jährige sitzt in einem Lübecker Gefängnis. Der spektakuläre Kindermord vor 37 Jahren hat an Aktualität nichts verloren. Da es schon im Zuge der Ermittlungen Ungereimtheiten gab, zweifeln manche an der (Allein-)Täterschaft des 68-Jährigen.

So auch Ursula Herrmanns Bruder. Er klagt vor dem Zivilgericht. Er möchte noch einmal die Beweisstrecke aufrollen und zudem 20 000 Euro Schmerzensgeld von Werner M., da er während des Mordprozesses einen Tinnitus erlitt. Auch am Donnerstag kamen zur Verhandlung unter dem Vorsitz von Harald Meyer viele Zuhörer und zahlreiche Medienvertreter. Es ging um ein Gutachten von Dr. Dagmar Boss vom Bayerischen Landeskriminalamt (LKA). Sie sollte sagen, ob es sich bei dem bei Werner M. gefundenen Tonbandgerät um das handelt, mit dem damals der Erpresser Forderungen an die Eltern aufgenommen und abgespielt hatte.

Vier Stunden lang gab die Expertin Auskunft auf Fragen von Michael Herrmann und dessen Anwalt Joachim Feller. Rechtsanwalt Walter Rubach, der den verurteilten Mörder Werner M. vertritt, hatte den Diplom-Physiker Bernd Haider mitgebracht. Es ging um das Tonbandgutachten, das die Sachverständige für den Strafprozess 2010 erstellt hatte.

Boss musste auf viele technische Detailfragen antworten. Immerhin war ihr Gutachten einst ein wichtiges Indiz, das dazu beitrug, Werner M. lebenslang hinter Gitter zu bringen. Dagmar Boss trug im Großen und Ganzen Bekanntes vor. Das Grundig TK 248 will M. angeblich auf einem Flohmarkt in Schleswig-Holstein für 20 Euro gekauft haben. Auf dem Gerät sollen Sequenzen zusammengeschnitten worden sein, die dann auf ein kleineres Gerät übertragen wurden, "das man in einer Telefonzelle abspielen" kann. Neun Mal rief der Täter bei Familie Herrmann an, ohne etwas zu sagen. Er spielte lediglich die Verkehrsmelodie des Bayerischen Rundfunks ab. Die bestand damals aus sieben Tönen. "Auffällig ist der sechste Ton, der ist deutlich höher", erklärte die Sachverständige. Zudem habe man Schaltgeräusche festgestellt, "die man sonst auf keinem anderen Gerät gefunden hat".

Wie Boss betonte, seien in 20 Jahren mehrere Hundert Tonbandgeräte überprüft worden. Dass mit dem bei M. gefundenen Tonbandgerät die Melodien überspielt wurden, sei "wahrscheinlich".

Wahrscheinlich? Das ist nur die viert höchste Stufe, monierte Physiker Haider. Die höchste Stufe wäre "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit". "Wahrscheinlich bedeutet 75 Prozent. Das heißt, jedes vierte Gutachten ist falsch", sagte er.

Michael Herrmann zweifelt an dem LKA-Gutachten. Er erkennt das Ergebnis zwar an, "da wurde ja nichts erfunden", denkt aber, dass die Übereinstimmung der Geräusche "reiner Zufall" seien. Die Veränderung des sechsten Tons entstehe je nach Aufstellung des Mikrofons bei der Überspielung des BR-Jingles.

Weil Boss ihr Gutachten trotz der Einwände des Physikers nicht grundsätzlich änderte, schätzte Walter Rubach die Chancen für ein Wiederaufnahmeverfahren nach dem Verhandlungstag als "nicht gerade besser" ein. Sowohl Kläger Michael Herrmann als auch der beklagte Straftäter hoffen, dass durch den Schmerzensgeldprozess noch offene Fragen geklärt werden können. Das Urteil ist für 2. August angekündigt. (Alfred Haas)
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.