"Katastrophale Zustände": Ehemaliger Leiter des Nordfriedhofs wegen Betrugs und Untreue vor Gericht

Der ehemalige Leiter des Nordfriedhofs, CSU-Mann Gerd Koller, muss sich wegen Betrugs und Untreue vor dem Schöffengericht verantworten. Er wird verteidigt von Richard Beyer und Franziska Zeumer (von links). Foto: Monika Grunert Glas

Augsburg - Haben städtische Mitarbeiter des Nordfriedhofs in die eigene Tasche gewirtschaftet? Diese Frage ist noch immer offen. Es waren einmal sechs Angeklagte, vier davon Vorstandsmitglieder beziehungsweise Chef der Innenstadt-CSU. Nun ist nur noch einer übrig, dem vorgeworfen wird, im Zuge von Grabauflösungen in die eigene Tasche gewirtschaftet zu haben. Gerd Koller, der ehemalige Leiter des Nordfriedhofs, muss sich seit gestern wegen gewerbsmäßigen Betrugs in 13 Fällen sowie gemeinschaftlicher Unterschlagung in acht Fällen verantworten. Die anderen, ein Steinmetz und vier Friedhofsmitarbeiter, haben zumindest die erste Instanz schon hinter sich.

Eigentlich sollte neben Koller gestern noch ein Friedhofsarbeiter die Anklagebank drücken. Doch das Verfahren gegen den 29-Jährigen wurde Ende vergangener Woche gegen Zahlung einer Geldbuße in Höhe von 2000 Euro eingestellt. Kollers Verteidiger, Rudolf Beyer, wurde von diesem Umstand gestern Morgen überrascht. Er fragte Staatsanwältin Yvonne Möller, wie das sein könne. Gewerbsmäßiger, gar bandenmäßiger Betrug sei ein Verbrechenstatbestand. Diesen könne man eigentlich nicht so einfach einstellen. Die Staatsanwältin erklärte, bei dem betroffenen Arbeiter habe es sich "um das kleinste Licht" gehandelt, die Bandenmäßigkeit sei bei ihm "zumindest fraglich" gewesen. Als der Verteidiger ihr vorwarf, die Einstellung des Verfahrens sei "offensichtlich rechtswidrig" erfolgt, gab sie keine weiteren Stellungnahmen ab.

Gerd Koller ist in Augsburg kein Unbekannter. Der CSU-Mann war trotz laufender Ermittlungen im Sommer 2017 zum Vorsitzenden der Innenstadt-CSU gewählt worden. Seit Anklage gegen ihn erhoben wurde, lässt der 66-Jährige das Amt ruhen.

Ein Zeuge - er hatte die Ermittlungen ins Rollen gebracht - stellte gestern die Friedhofsverwaltung als einzige Vetterleswirtschaft dar. Er allein habe sich gegen die "Schwarzarbeit" der Kollegen gestellt, die alle miteinander und mit Gerd Koller verbandelt seien. Er habe die illegalen Machenschaften mit seiner Kamera dokumentiert, sich dazu auch "nach Feierabend auf den Friedhof geschlichen." Die Situation sei "nicht mehr auszuhalten" gewesen: "Das war Wahnsinn, was da ab ging."

Während andere Arbeiter sagten, sie hätten sich von dem 40-Jährigen regelrecht belauert und verfolgt gefühlt, meinte dieser, er sei täglich gemobbt worden und Koller habe das gedeckt. Insgesamt hätten "katastrophale Verhältnisse" auf dem Friedhof geherrscht, etwa habe man beim Ablassen der Särge auf viel zu dünnen Brettern stehen müssen. Mehrfach habe er das kritisiert: "Passiert ist nichts." Eine Führungskraft könne "weder lesen noch schreiben" und sei "Alkoholiker".

Er habe Koller schließlich an einem Freitag im Mai 2015, nachdem er angeblich erneut Kollegen beobachtet hatte, die während ihrer Arbeitszeit an einer Grabumrandung werkelten - "Das darf nur ein Steinmetz, da bin ich explodiert" - auf seine Beobachtung aufmerksam gemacht und verlangt, dieser solle es der Stadt melden. Koller habe versucht, ihn zu beruhigen: Er solle das übers Wochenende überdenken, um am Montag zu einem weiteren Gespräch in sein Büro zu kommen. Der 40-Jährige kehrte daraufhin nicht mehr auf den Friedhof zurück. Er wurde wegen psychischer Probleme bis zum Jahreswechsel krank geschrieben und arbeitet inzwischen in einem anderen Ressort.

Gegen einen Steinmetz und drei städtische Angestellte war schon im Juni verhandelt worden. Richterin Ulrike Ebel-Scheufele verurteilte die Männer zu Bewährungsstrafen zwischen neun und 21 Monaten sowie Geldauflagen zwischen 2000 und 4000 Euro, außerdem Schadenersatz. Die Urteile sind jedoch noch nicht rechtskräftig. Die Friedhofsangestellten attestierten Koller gestern einhellig, dieser habe nichts davon gewusst, dass sie sich - in ihrer Freizeit, nach dem Dienst oder in Pausen - ein kleines Zubrot mit Grabauflösungen verdienten. Auch mit dem Weiterverkauf gebrauchter Grabsteine habe der Friedhofsleiter nichts zu tun gehabt. Ein Polizeibeamter sagte, zunächst habe man Gerd Koller als Zeugen betrachtet, sei dann aber davon ausgegangen, dass dieser von Amts wegen Kenntnis der Vorgänge auf dem Nordfriedhof gehabt haben müsse. Zudem hätten Grabbesitzer, die Ruhestätten auflösten, berichtet, sie hätten darüber mit dem Leiter gesprochen.

Der Prozess vor dem Amtsgericht wird am kommenden Montag fortgesetzt. (
Von Monika Grunert Glas)
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Elias Sylvester aus Augsburg - Süd | 04.10.2018 | 11:36  
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