Kopfschuss an der Autobahnkapelle: War es Notwehr?

Im Juli 2017 wurde einem 19-Jährigen an der Kapelle St. Salvator bei Adelzhausen in den Kopf geschossen. Nun muss sich der mutmaßliche Schütze vor Gericht verantworten. War es Notwehr? (Symbolbild). (Foto: Pop Nukoonrat/123rf.com)

Verteidiger fordern Freispruch für 41-jährigen Geschäftsmann. Staatsanwalt plädiert auf Freiheitsstrafe und Schadenersatz.

Selbst, wenn man sich in einer Lage befindet, die Notwehr erfordert, darf man sich nicht mit allen Mitteln wehren, sondern stets nur mit dem mildesten, das zum Erfolg führen kann. So will es das Gesetz. Deshalb muss sich derzeit ein 41 Jahre alter Geschäftsmann vor dem Landgericht Augsburg verantworten. Er wurde von einem 19-Jährigen Armbrustschützen auf dem Autobahnrastplatz bei Adelzhausen angegriffen, zog seine Pistole und schoss diesem in den Kopf. Am Montag hielten Staatsanwalt Michael Nißl sowie die Verteidiger Juliane Kirchner und Sascha Straube ihre Plädoyers.

Es geschieht am 31. Juli 2017. Der Geschäftsmann, ein Münchner, dessen Frau und die zwei kleinen Kinder stehen kurz vor der Auswanderung nach Brasilien. Die Wohnung ist geräumt, am Abend hat sich der Mann noch verabredet: Er will seine Waffen, darunter eine Glock, verkaufen. Es ist ihm wichtig, dass alles legal zugeht. Deshalb hat er auch einen Versand abgelehnt, als ihm der angebliche Kaufinteressent auf e-gun.de plötzlich eine andere Lieferadresse nennt. Stattdessen verabredet er sich mit "Jürgen Graf" - der Name ist falsch, wie sich später herausstellt - an der Autobahnkapelle St. Salvator bei Adelzhausen. Und das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Dort, in der Dämmerung, trifft der Münchner auf einen 19-Jährigen mit einer Armbrust. Dieser will die Waffen nicht etwa kaufen - er will sie rauben. Auch Staatsanwalt Michael Nißl ist überzeugt: Der Geschäftsmann wurde in einen Hinterhalt gelockt.

Zunächst entkommt er, denn der 19-Jährige stellt das Treffen als Missverständnis dar. Weil, wie Nißl glaubt, weitere Autofahrer auf dem Parkplatz rasten. Der Geschäftsmann fährt wieder. Doch als die potenziellen Zeugen weg sind, ruft der 19-Jährige den Münchner an. Sein Auto springe nicht an, bittet er um Starthilfe.

Der 41-Jährige dreht tatsächlich um. Obwohl ihm mulmig ist. Er steckt in eine Hosentasche die Glock, in die andere das Magazin. Und sein Gefühl trügt ihn nicht: Kaum beugt er sich über die offene Motorhaube des Mercedes, mit dem der 19-Jährige gekommen ist, steht dieser plötzlich hinter ihm und zielt mit der gespannten Armbrust auf ihn. Reflexartig schlägt er diese weg, der Pfeil löst sich, zischt an ihm vorbei und landet am Rand eines Maisfelds.

41-Jähriger hatte Todesangst

Nun springt der Jüngere auf den Älteren zu, ringt ihn zu Boden, legt sich auf ihn. Der 41-Jährige hat Todesangst. Er wird gewürgt, hat aber die Hände frei. Er tastet nach Pistole und Magazin, lädt durch, überlegt kurz, dem Angreifer in die Schulter zu schießen, doch nein, dann könnte ein Durchschuss ihn selbst treffen. Die Kugel durchschlägt den Kopf des Teenagers. Ab diesem Moment, sagt Staatsanwalt Nißl, ist dessen Leben nie wieder wie zuvor. Der Bursche, überdies Autist, trägt schwere, bleibende Behinderungen davon.

Der Staatsanwalt ist überzeugt, dass es dem 19-Jährigen von Anfang an nur darum ging, an die Waffe zu kommen. Wozu auch immer. Sogar eine Sympathie mit dem IS wird ihm im Prozessverlauf einmal unterstellt. Nißl sagt, an einer Notwehrlage sei nicht zu deuteln. Doch war es erforderlich, dass der Angeklagte dem Angreifer in den Kopf schoss?

Nein, er hätte besser zielen und ihn anderweitig unschädlich machen können. Auch handele es sich nicht um einen Notwehr-Exzess, eine juristische Spitzfindigkeit, wonach straffrei bleibt, wer dermaßen in Panik ist, dass er das Geschehen nicht mehr richtig wahrnimmt und deshalb sozusagen überreagiert.

Der Angeklagte, sagt Nißl, habe den Notruf gewählt und dabei ebenso koordiniert gewirkt wie bei seiner Festnahme später am Abend. Der Geschäftsmann habe die Lage falsch eingeschätzt, mit dem Kopfschuss eine fatale Fehlentscheidung getroffen. Er sei deshalb wegen gefährlicher und schwerer Körperverletzung zu verurteilen. Michael Nißl fordert ein Jahr und vier Monate Haft, ausgesetzt auf zwei Jahre zur Bewährung. Außerdem plädiert er dafür, den 41-Jährigen zur Zahlung von Schmerzensgeld und Schadenersatz zu verurteilen.

Viele Fragezeichen im Kopfschuss-Prozess

Von einer Verkettung unglücklicher Umstände spricht Nebenklagevertreterin Marion Zech. Sie sieht viele Fragezeichen in dem Fall. Warum etwa fand sich keine DNA des 19-Jährigen auf dem Shirt des angeklagten Geschäftsmanns? Warum kein Blut? Der Kopfschuss habe "eine Schneise der Verwüstung" im Gehirn des Jungen angerichtet. Dieser sei nun bis zum Lebensende auf Hilfe angewiesen und habe sich aufgegeben. Er erleide epileptische Anfälle und hoffe, an einem davon zu sterben.

Wer hier Täter und wer Opfer sei, will Rechtsanwältin Juliane Kirchner verdeutlichen. Dass ihr Mandant, der Angeklagte, nun nicht der Nebenkläger sei, sei nur dem Umstand zu verdanken, dass es ihm gelungen sei, die geladene Armbrust wegzuschlagen. Der 19-Jährige habe mit allen Mitteln an eine Waffe kommen wollen, um damit "sich oder andere zu töten".

Der Staatsanwalt übersehe, dass bei dem Gerangel am Boden der Geschäftsmann auch Angst gehabt habe, der Angreifer könnte an die Pistole gelangen und ihn erschießen. "Er durfte tun, was ihm das Leben gerettet hat: Den Schuss abgeben", sagt die Verteidigerin und fordert überdies eine Entschädigung für die dreieinhalb Monate, die der 41-Jährige in Untersuchungshaft verbrachte sowie das Jahr, in dem er Deutschland nicht wie geplant verlassen durfte. Ihr Kollege Sascha Straube verdeutlicht: "Das war ein geplanter schwerer Raub unter Verwendung einer Waffe, ja sogar versuchter Mord." Sein Mandant habe in Lebensgefahr so schießen dürfen, dass der Angriff "sofort, sicher und unzweifelhaft" beendet wurde. Eine andere Möglichkeit als den Kopfschuss habe es nicht gegeben.

Am Mittwochnachmittag wird das Urteil gesprochen.
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