Neuauflage im Fall Harry S.: Verhandlung gegen pädophilen Kinderarzt beginnt

Der Kinderarzt Harry S. musste sich bereits von November 2015 bis März 2016 vor dem Augsburger Landgericht verantworten. In der nun beginnenden Verhandlung soll die Frage geklärt werden, ob der Kinderarzt vollumfänglich schuldfähig war.

Es war im November 2015, als vor dem Augsburger Landgericht der Prozess gegen Harry S. begann. Den Augsburger Kinderarzt, der mehr als 20 Jungen sexuell missbraucht hatte und dafür letztlich zu einer Haftstrafe von dreizehneinhalb Jahren sowie anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt wurde. Ab Montag sitzt der 43-Jährige erneut in Augsburg vor Gericht. Nachdem der Bundesgerichtshof das Urteil gegen S. aufgehoben hat, soll nun eine andere Kammer des Landgerichts mit Hilfe eines zweiten psychiatrischen Gutachtens über die Schuldfähigkeit des Kinderarztes entscheiden.

Schwerer sexueller Missbrauch, Vergewaltigung, Körperverletzung, Freiheitsberaubung und der Besitz kinderpornographischer Schriften wurden dem Kinderarzt zur Last gelegt. Der 43-Jährige hatte während der vergangenen Verhandlung ein umfassendes Geständnis abgelegt. Er räumte ein, 21 Jungen zwischen vier und zehn Jahren missbraucht zu haben, gab Auskunft darüber, wie er sie in Garagen, Keller oder Hauseingänge gelockt, ihnen kleine Geldbeträge und Playmobilfiguren dafür geboten hatte, dass sie sich auszogen und er Fotos von ihrem Intimbereich schießen durfte oder wie er sie betäubte und vergewaltigte. Seine Taten hatte S. akribisch dokumentiert. Die Polizei fand nach Tatort und Opfername sortierte Bilddateien auf seinem Rechner. Außerdem rund 57 000 kinderpornografische Schriften und Videos.

War das Verhalten des Kinderarztes so krankhaft, dass er sich nicht kontrollieren konnte?

Dass der 43-Jährige die Taten begangen hat, steht auch jetzt nicht in Frage. Wohl aber die Einschätzung der Kammer in Bezug auf seine Schuldfähigkeit. Ein Gutachter hatte dem Angeklagten eine sogenannte Kernpädophilie, also eine krankhafte sexuelle Zuneigung zu Kindern, bescheinigt. Doch aus Sicht des Gerichts habe S. sich durchaus steuern können. „Während seiner Arbeit als Kinderarzt hat er sich nichts zuschulden kommen lassen und wurde stets für sein Verhalten den kleinen Patienten gegenüber gelobt“, begründete der Richter. Eine Unterbringung in der Psychiatrie statt im Gefängnis komme daher nicht in Frage.
Genau um diesen Punkt soll sich nun die erneute Verhandlung drehen, die am Montag beginnt: War der Kinderarzt vollumfänglich schuldfähig oder war sein Verlangen so krankhaft, dass er sich nicht kontrollieren konnte? Um über diese Frage zu entscheiden, hat das Gericht erneut ein psychiatrisches Gutachten angefordert. Sollte sich eine verminderte Schuldfähigkeit bestätigen, würde das Urteil wohl deutlich milder ausfallen. Statt der Haftstrafe und der anschließenden Sicherungsverwahrung könnte der 43-Jährige möglicherweise in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung untergebracht werden. Auch wenn Pädophilie als nicht heilbar gilt, könnte er dann entlassen werden, wenn er gelernt hat, seinen Drang zu kontrollieren und ein Gutachter bescheinigt, dass er keine Gefahr mehr darstellt.
Der Prozess beginnt am Montagnachmittag vor der dritten Strafkammer des Landgerichts. Bislang sind insgesamt 19 Verhandlungstage bis Ende Januar angesetzt.
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