Nur ein guter Freund? Mutmaßlich letzter Zuhälter der ermordeten Prostituierten sagt vor Gericht aus

Im Fall des Prostituiertenmordes hat nun der mutmaßliche letzte Zuhälter des Opfers ausgesagt. (Foto: Symbolbild/ Sebnem Ragiboglu / 123rf.com)

Einst stand er selbst im Fokus der Ermittlungen: Paolo Z.*, nach eigenen Angaben lediglich ein fürsorglicher Bekannter der getöteten Prostituierten Angelika Baron, nach Aussage mehrerer Zeugen ihr letzter Zuhälter. Eine ihrer Nachbarinnen sollte 1993 sogar ein Mordgeständnis aus ihm herauslocken. Die Polizei verkabelte die Frau und schickte sie mit Paolo Z. zum Kaffeetrinken. Ohne Ergebnis. Als der mittlerweile 54-Jährige jetzt im Zeugenstuhl Platz nimmt, in schwarzer Lederjacke und um den Hals eine dicke Goldkette, machen sich die zahlreichen Zuschauer selbst ein Bild von dem Mann mit portugiesischen Wurzeln.

Er versucht, wie schon kurz nach der Tat, als er behauptete, sie gar nicht zu kennen, seine Rolle im Leben der Angelika Baron möglichst herunterzuspielen und zieht sich damit einige Ermahnungen der drei Richter zu: „Die Wahrheit wäre nicht schlecht, sonst fahren Sie heute nicht mehr heim.“ Die Richter belehren ihn zudem, er müsse nichts sagen, was ihn selbst belasten könnte. Er gibt sich kooperativ.
Er habe die Prostituierte 1988 kennengelernt, als er, neben seiner Lehre zum Maschinenschlosser Taxifahrer, sie regelmäßig zu ihrem Standort chauffierte. Ob er ein Verhältnis mit ihr hatte? Ob er ihr Zuhälter war? Nein, behauptet er, stets nur „ein Freund“ gewesen zu sein: „Sie war nicht mein Typ. Und ich war ja damals verheiratet.“ Vielleicht zweimal sei es zu Sex gekommen, räumt er nach strengen Nachfragen dann doch noch ein, aber „nicht richtig“. „Wie der amerikanische Präsident, oder was?“, bezweifelt ein Richter diese Aussage.
Ein 52-Jähriger, der meint, selbst einige Jahre als Zuhälter der Getöteten bekannt gewesen zu sein, mit der er in Gersthofen zusammenlebte, hatte über Paolo Z. schon 1993 ausgesagt: „Er war mein Nachfolger. Ihr Zuhälter. Alles andere ist Stuss. Als er Anschi kennenlernte, hat er mit Taxifahren aufgehört und mehr Geld gehabt als zuvor.“ Die Prostituierte habe dem Mann einen Mercedes finanziert.
Paolo Z. hingegen behauptet, er habe den dunkelroten 50 000-D-Mark-Wagen ebenso wie seine 7000 Mark teure Computeranlage selbst bezahlt. Eventuell habe sie ihm „etwas dafür geliehen.“ Dass ihr Konto, wie die Richter wissen, auf seinen Namen lief? „Sicher nicht!“, sagt Paolo Z. Ob sie ihm Geschenke machte? Er greift an die Goldkette um seinen Hals: „Mal kleinere, mal etwas größere.“ Warum er einen Schlüssel zu ihrer Wohnung hatte? „Damit ich ihr etwas bringen kann, wenn sie im Krankenhaus ist.“
1991 schloss Angelika Baron eine Unfallversicherung zugunsten von Paolo Z. ab. „Das wollte ich gar nicht“, behauptet dieser, er sei davon ausgegangen, die Frau habe diese Klausel wieder geändert. „Sie reden sich hier um Kopf und Kragen“, ermahnt ihn ein Richter. Tatsächlich fragte Paolo Z. nie nach einer Auszahlung, wie der Versicherungsagent von damals berichtet. Dieser lebt nun im gleichen Dorf wie Angelika Barons Nachbarin, die Paolo Z. damals zum Geständnis bringen sollte. Deren Ex-Mann ist übrigens bei der Kripo. Der Makler kommt mit Rechtsanwalt Felix Dimpfl als Zeugenbeistand. Inzwischen sind etwaige Ansprüche verfallen. 100 000 D-Mark sollte Paolo Z. im Falle von Angelika Barons Unfalltod bekommen. „Weil ich ihr oft geholfen habe“, erklärt er.
Vier Tage vor ihrem Tod erteilte Angelika Baron Paolo Z. Generalvollmacht. Warum? Dazu könne er nichts sagen. Ob er die Prostituierte jemals geschlagen habe, sogar massiv, wie mehrere Zeugen berichtet hatten? „Niemals“, gibt er sich entrüstet. Vielleicht mal „geschubst“. Paolo Z. lebt inzwischen in der Schweiz. Er ist vorbestraft wegen häuslicher Gewalt sowie Förderung der Prostitution. Seine Ehe scheiterte. „Haben Sie ihre Frau gewürgt?“, fragt ein Richter. „Dafür wurde ich verurteilt, aber es gab keine Beweise“, sagt Paolo Z.
Am Dienstag, 8. Januar, geht der Indizienprozess weiter.

Viele Spuren und Indizien:
- An Angelika Barons Leiche wurden mehrere DNA-Spuren gesichert, darunter, an ihren Socken, die des Angeklagten Stefan E. Dass er am letzten Tag im Leben der Prostituierten ihr Freier war, bestreitet er nicht. Doch mit ihrem Tod will der 50-jährige Angeklagte nichts zu tun haben.

- Ebenfalls an Angelika Barons Socken und ihrer Weste fand sich DNA, nicht ausschließbar von ihrem Ex-Freund, worüber dieser sich außerordentlich erstaunt zeigte. Er habe seit Jahr und Tag keinen Kontakt mehr zu Angelika Baron gehabt, erklärt er dem Gericht. Wie pflegte die 36-Jährige ihre Wäsche? Diese Frage stand deshalb ebenfalls auf der Agenda der Richter. Übereinstimmend sagten ihre Bekannten aus, sie sei eine sehr reinliche Frau gewesen. Täglich habe sie die Kleidung weitgehend komplett gewechselt, jedenfalls das Übliche, eben wie Unterwäsche und Socken. Ein Nachbar wusch für sie.

- Auch Sperma eines Unbekannten entdeckten die Ermittler in der Scheide der Toten sowie in einem benutzten Kondom am Fundort der Leiche. Wer hat es hinterlassen? Und wie konnte es zu den Spuren kommen, wenn Angelika Baron angeblich immer ein Kondom benutzte?

- Angelika Baron wurde mit einem gut 20 Zentimeter langen Möbelfuß geschlagen, glauben die Ermittler. Auch dieser fand sich am Fundort der Getöteten. Er soll Stefan E. gehört haben. In dessen Auto habe der immer gelegen, erinnerte sich plötzlich ein Zeuge im vergangenen Jahr. Man habe ihn gebraucht, um Erdlöcher zu graben. In diesen habe man Marihuana entzündet, um dann über ein Rohr reihum zu inhalieren.
Paolo Z. hat am Tattag Möbel gekauft und montiert. Als die Richter ihm jetzt den Möbelfuß zeigen, mit dem Angelika Baron geschlagen wurde, sagt er, diesen habe er noch nie gesehen. Tatsächlich durchsuchte die Polizei damals die Wohnung des Mannes. „Aber sie haben nichts gefunden“, berichtet Paolo Z. „Hätten sie denn etwas finden können?“, fragt ein Richter. Paolo Z. verneint.
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