Schottdorf-Prozess geplatzt: Neuer Termin nicht mehr in diesem Jahr

Der Prozess vor dem Augsburger Landgericht gegen die Exfrau des bekannten Laborarztes Bernd Schottdorf ist geplatzt. (Foto: Symbolbild/ Sebnem Ragiboglu - 123rf.com)

Wurden beim Labor Schottdorf Hunderte von Kurierfahrern als Scheinselbstständige beschäftigt? Sozialabgaben in zweistelliger Millionenhöhe seien auf diese Weise vorenthalten worden, glaubt die Augsburger Staatsanwaltschaft. Einmal mehr wurde deshalb gegen Laborarzt Bernd Schottdorf ermittelt. Aber kurz nach der Anklageerhebung starb er im April dieses Jahres. Der 78-Jährige erlag einem Krebsleiden. Gestern sollte sich seine Ex-Frau – das Paar wurde 2016 geschieden – als Geschäftsführerin der Schottdorf-Firma Syscomp vor Gericht verantworten. Der Prozess platzte kurzfristig.

Rund 300 Zeugen waren geladen, 5700 Fälle listet die Anklageschrift auf. Der Mammutprozess wäre über Monate gegangen. Wenige Stunden vor Verhandlungsbeginn gab das Landgericht Augsburg die Mitteilung heraus: Wegen einer kurzfristigen Verhinderung einer Richterin müsse das Verfahren abgesetzt werden. Wie aus Justizkreisen durchsickerte, erwartet sie ein Kind.
Das Verfahren sollte vor der zehnten Kammer am Landgericht geführt werden. Diese ist mit drei Berufsrichtern und zwei Schöffen besetzt sowie einer vierten Richterin, die einspringt, wenn ein anderes Mitglied verhindert ist. Ein Kammermitglied fungiert stets als sogenannter Berichterstatter. Ausgerechnet die Juristin, der diese Aufgabe zugedacht war, fällt nun aus.
Ein Berichterstatter managt quasi das Gerichtsverfahren. Er beauftragt Sachverständige und erledigt den Schriftverkehr. Zudem bereitet er die Beratung und Entscheidung der Kammer vor, indem er ein sogenanntes Votum verfasst, das den Sachverhalt beschreibt, streitige und unstreitige Tatsachen auflistet, unterstreicht, worüber noch Beweise zu erheben wären, und mit einem Entscheidungsvorschlag endet. Das Votum ist entscheidend für den Verlauf der Verhandlung, wenngleich es für die Kammermitglieder nicht bindend ist. Am Ende verfasst der Berichterstatter die Urteilsbegründung.
Wie Gerichtssprecher Claus Pätzel mitteilt, sei es aufgrund des umfangreichen Verfahrens unmöglich gewesen, jemanden zu finden, der sich ersatzweise kurzfristig in die Causa Schottdorf hätte einarbeiten können.
Die zehnte Kammer kam zuletzt in die Schlagzeilen, weil der Vorsitzende aufgrund eines Befangenheitsantrags eines Verteidigers einräumte, mit seiner Beisitzerin zusammenzuleben. Seine Vorgesetzten waren darüber informiert, sahen aber keinen Grund, deshalb die Kammerbesetzung, als der Geschäftsverteilungsplan festgelegt wurde, anders zu gestalten. Dürfen zwei Richter einer Kammer, die unabhängig voneinander urteilen sollen, ein Paar sein? Das bezweifeln viele in Justizkreisen. Denn es könnte beispielsweise das Risiko, dass ein Urteil vom Bundesgerichtshof (BGH) kassiert wird, steigern.
Wer Erfolg hat, hat auch Neider. Bernd Schottdorf galt als erfolgreichster Laborarzt Europas. Er revolutionierte die Labormedizin, indem er die effiziente, computergesteuerte Massen-Analyse einführte. Annähernd 1500 Beschäftigte zählt sein Labor in Oberhausen, in dem täglich viele Tausend Proben aus ganz Deutschland untersucht werden. Seit 2004 gehört es zur australischen Sonic Healthcare-Gruppe.
Schottdorf, der Afrika liebte – seit einer Safari in Rhodesien 1977, bei der er schwerst verletzt wurde, weil sein Jeep über eine Mine fuhr, musste er mit großflächigen Narben leben – machte sich auch als Maler und bildender Künstler einen Namen. Er sah sich über Jahrzehnte als Gejagter der Justiz und mied schließlich die Öffentlichkeit. Er zog sich auf sein Schloss Duttenstein bei Dischingen in Baden- Württemberg zurück. Immer wieder wurde er seit den späten 80er Jahren mit Anklagen überzogen, verurteilt wurde er jedoch nie. 2016 beispielsweise ging es um angeblich weit über 100 Fälle des gewerbsmäßigen Betrugs mit einem Schaden von annähernd 80 Millionen Euro. Die Staatsanwaltschaft plädierte auf mehrjährige Haftstrafen und 16 Millionen Euro Geldbuße. Heraus kam ein Freispruch, der auch vor dem BGH hielt.
Wann Gabriele Schottdorf nun auf die Anklagebank muss, steht laut Claus Pätzel nicht fest. Mit einem Neustart des Prozesses sei jedoch „ keinesfalls mehr in diesem Kalenderjahr“ zu rechnen.
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