"Von Dämonen besessen": So lief der erste Verhandlungstag im Prozess um den Missbrauch auf der Schultoilette

In der Wittelsbacher Grundschule wurde im Herbst 2018 eine Neunjährige auf der Schultoilette vergewaltigt. Nun hat der Prozess gegen einen 22-Jährigen begonnen.

Er könne sich an die Tat nicht erinnern, erklärt der 22-Jährige am Dienstag vor dem Augsburger Landgericht. Ihm wird vorgeworfen, im vergangenen Herbst in eine Grundschule eingedrungen zu sein und dort in einer Toilette ein neunjähriges Mädchen vergewaltigt zu haben. Der Fall sorgte über die Grenzen Augsburgs hinaus für Entsetzen. Was in der Anklageschrift stehe, sagt der Mann auf der Anklagebank, decke sich aber mit dem, was ihm die Stimmen eingeredet hätten.

Immer wieder ist während der Verhandlung die Rede von „Wahnvorstellungen“, einer „wirren Gedankenwelt“, „psychotischen Zügen“ und „Realitätsverlust“. Der Angeklagte halte sich wahlweise für Gott oder Satan, glaube, er sei „von Dämonen besessen“. Ob der junge Mann im dunkelroten Pulli zuhört, ist nicht klar. Er hält den Kopf mit den an den Seiten kurz geschorenen schwarzen Haaren gesenkt, blickt kein einziges Mal auf. Als der Richter ihn fragt, ob er der Verhandlung aufmerksam folge, bejaht der junge Mann.

Staatsanwaltschaft: 22-Jähriger ist "für die Allgemeinheit gefährlich"

Laut Anklage leidet der 22-Jährige an einem „paranoid-halluzinatorischen Syndrom im Rahmen einer paranoiden Schizophrenie“. Die Staatsanwaltschaft kommt außerdem zu dem Schluss, „dass von ihm infolge seines Zustandes erhebliche rechtswidrige Taten zu erwarten sind und er deshalb für die Allgemeinheit gefährlich ist“.

Der Mann hat der Anklageschrift zufolge am 23. Oktober die Wittelsbacher Grundschule betreten, sein Opfer zunächst angesprochen und das Mädchen schließlich gegen dessen Willen in die Toilette gezogen. Dort zog er das Kind, das vor Angst weinte aus, und versuchte, sie zu vergewaltigen, heißt es in der Anklage. Als diese Versuche trotz „erheblicher Krafteinwirkung“ misslangen, weil das Mädchen sich versteifte und verkrampfte, sei er schließlich mit einem Finger in sie eingedrungen. Er habe erst von ihr abgelassen, als ein Lehrer in die Toilette kam, der nach der damals Neunjährigen sehen wollte. Die Anklage lautet auf Vergewaltigung und schweren sexuellen Missbrauch von Kindern. Zudem werden dem 22-Jährigen aufgrund von vier anderen Fällen Nötigung, Körperverletzung, Hausfriedensbruch und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte vorgeworfen.

Der Mann war bereits einmal im Gefängnis. Während der polizeilichen Vernehmung nach dem Vorfall in der Grundschule habe er immer wieder gesagt, dass er Angst habe, dorthin zurück zu gehen, berichtet ein Polizeibeamter, der den 22-Jährigen ebenso wie das Opfer vernommen hatte. Der Angeklagte habe die Tat nie aktiv bestritten, habe aber auch keine Angaben gemacht, was in der Toilette passiert sei. Er habe lediglich berichtet, dass ihm Stimmen befohlen hätten, in die Schule zu gehen und das zu machen. Was er mit „das“ genau meine, habe er nicht sagen können oder wollen, erzählt der Polizist.

Kurz nach der Tat habe der 22-Jährige sehr desorientiert gewirkt, sagt der Lehrer, der den Mann nach der Tat in der Toilette überwältigt hatte, vor Gericht. „Er hat immer wieder gefragt, wo er ist und wie er dorthin gekommen ist“, schildert der Zeuge. Außerdem habe der Angeklagte gesagt, Dämonen hätten von ihm Besitz ergriffen. Aus Sicht des Lehrers habe das wie eine Ausrede gewirkt: „Ich dachte, er will sich rausreden.“

Gericht zeigt Videoaufzeichnung der Vernehmung des Mädchens

Das Mädchen hingegen erzählte sehr genau, was in der Toilette passiert war. War sie kurz nach dem furchtbaren Vorfall in der Schultoilette noch „in Tränen aufgelöst“, wie der Lehrer berichtet, habe sie während der polizeilichen Vernehmung detailliert geschildert, was ihr widerfahren war. „Sie war aufgeregt, aber sehr offen“, sagt der Polizeibeamte vor Gericht. „Und für ihr Alter war sie sehr gut in der Lage, den Sachverhalt zu erklären. Sie war tapfer und hat sich nicht viel anmerken lassen, aber ich denke schon, dass es in ihr gearbeitet hat.“

Das Gericht zeigt schließlich auch eine Videoaufzeichnung von der Vernehmung des Mädchens. Es sitzt im grauen Pulli und mit zwei Zöpfen auf einem Holzstuhl vor einer weißen Wand. Die Neunjährige blickt offen in die Kamera, beantwortet geduldig und möglichst genau jede behutsam formulierte Frage des Polizisten.

Offen, lebensfroh, klug – so schildert auch die Mutter die heute Zehnjährige. Nach der Tat habe das Kind eine Weile nicht neben fremden Männern sitzen wollen. Sonst scheint sie das schreckliche Erlebnis aber gut verarbeitet zu haben, so die Einschätzung der Mutter.

Die Verhandlung gegen den 22-Jährigen geht am Donnerstag weiter.
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