Wie Harry S. zum Täter wurde: Pädophiler Kinderarzt sagt vor Gericht aus

Harry S. mit seinem Verteidiger Moritz Bode vor dem Landgericht: Am zweiten Verhandlungstag sprach vor allem der Angeklagte selbst.

Augsburg - Der Angeklagte selbst beginnt seine Ausführungen vor dem Landgericht mit einer Frage: "Wie kann es passieren, dass jemand, der gute Startvoraussetzungen hat, schließlich solche Taten begeht? Das interessiert wohl die meisten." In den folgenden Stunden berichtet der 43-Jährige am Dienstag von seiner Kindheit, der Entwicklung seiner Sexualität, seiner Entscheidung, Kinderarzt zu werden, und dem sexuellen Missbrauch von rund 20 Jungen.

Der unscheinbare Mann mit der randlosen Brille und der Halbglatze, der nun erneut vor Gericht sitzt, wurde 2016 unter anderem wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern zu einer Haftstrafe von 13 Jahren und sechs Monaten und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Weil der Bundesgerichtshof dieses Urteil nach einem Revisionsantrag gekippt hat, wird der Fall nun erneut vor dem Augsburger Landgericht verhandelt. Die Verteidigung hofft, dass der 43-Jährige aufgrund einer Schuldunfähigkeit diesmal ein milderes Urteil bekommt.

Ihn selbst beschäftige die Frage, wie es zu den Taten kommen konnte, seit seiner Inhaftierung, sagt der Mediziner. Er spricht ruhig und langsam, wendet sich ausschließlich dem Richtertisch zu. Sein Erklärungsversuch setzt bereits in seiner Kindheit an. Er sei eigentlich glücklich und behütet aufgewachsen, berichtet der 43-Jährige. Prägend seien vor allem weibliche Familienmitglieder gewesen: Seine eher ängstliche Mutter, die stets versucht habe, ihn vor allem Unangenehmen zu bewahren, und seine Oma, eine starke unabhängige Frau, die als Flüchtling aus dem Sudetenland nach Deutschland kam. Von ihr habe er gelernt, dass man Probleme selber lösen müsse, "dass Hilfe suchen nicht unsere Art ist". Er habe bereits als Kind oft Angst gehabt, dass die Menschen ihn fallen lassen würden, wenn er nicht ihren Vorstellungen entspreche. Das sei auch in der Pubertät so geblieben. "Ich war angepasst und brav. Und wo ich nicht angepasst und brav war, habe ich gelogen oder nichts gesagt."

Zu dieser Zeit, also mit etwa 13 Jahren, habe S. entdeckt, dass er sich zum gleichen Geschlecht mehr hingezogen fühlte, als zu Mädchen. "Das habe ich nie jemandem erzählt und auch mir selbst nicht eingestanden. Ich dachte, wenn ich das sage, bricht in meinem Elternhaus alles zusammen", schildert der Angeklagte. Zudem sei es auf der reinen Jungenschule, die er besuchte, "die Hölle gewesen, wenn man den Stempel 'homosexuell' hatte". Ein Klassenkamerad habe sich wegen der Anfeindungen das Leben genommen.

Mit etwa 17 Jahren dann bemerkte S. weitere Neigungen an sich: Im Schwimmbad, so erzählt er, sei ihm aufgefallen, dass er "genauer hinschaue", wenn sich Kinder umzogen, dass er "mit Gefühlen hinschaue". Etwa zwei Jahre später habe er eine Fernsehsendung über Kinderpornografie gesehen, sich zum ersten Mal selbst solche Bilder im Internet besorgt. "Das war der Beginn dieser Serie an Straftaten", resümiert S.

Homosexuelle Erfahrungen habe er nie gehabt, er habe das Thema immer weggeschoben. "Das ist nicht zu mir durchgedrungen", sagt der Kinderarzt noch, dann kommen ihm die Tränen. "Ich merke erst jetzt durch die Aufarbeitung: Das sind Dinge, die früher nicht sein durften." Stattdessen habe er sich damals "in eine Parallelwelt" geflüchtet", die Pädosexualität.

Der Vorsitzende Richter Roland Christiani hakt genauer nach. Warum hat S. entschieden, die Homosexualität, die legal und heutzutage weitgehend akzeptiert sei, nicht zuzulassen, sich aber strafbar gemacht, indem er seine Pädophilie auslebte? "Das war keine bewusste Entscheidung", rechtfertigt sich der 43-Jährige. Die Übergriffe auf die Kinder seien ein Parallelweg gewesen, der sich entwickelt hätte, weil er seine Bedürfnisse unterdrückt habe.

Sexuelle Erfahrungen mit Frauen hat der 43-Jährige durchaus gemacht. Mit 16 auf einer Klassenfahrt erste Küsse und Streicheleinheiten, die ihm aber "eigentlich nicht so richtig gefielen", während seiner Zivildienstzeit ein Besuch im Bordell, mit dem er nach wie vor nur Ekel verbinde, während dem Studium schließlich Sex mit einer Kommilitonin, bei dem er ebenfalls gemerkt habe, dass es nicht das sei, was er eigentlich wollte. Spätere Beziehungen zu Frauen verliefen rein platonisch.

So auch im Fall einer Lebensgefährtin, deren Sohn zugleich auch eines der Opfer von S. ist. Er habe die Familie durch seine Arbeit beim Roten Kreuz kennengelernt. Ein anderes Mitglied habe ihn zunächst öfter wegen seiner beiden Enkel um medizinischen Rat gefragt, schließlich habe dieser ihn zu sich nach Hause eingeladen, wo S. auf die restliche Familie traf. "Es hat sich eine Freundschaft entwickelt", erzählt der Kinderarzt. Zu den beiden Jungen und zu ihrer Mutter.

Als diese enger wurde, habe man gemeinsame Ausflüge unternommen. So etwa auch einmal nach Nürnberg, mit einer geplanten Übernachtung im Hotel. Er habe sich das Zimmer mit einem der beiden Söhne geteilt. Nachts habe er ein starkes Beruhigungsmittel aus dem Notfallkoffer geholt, den er als Arzt stets in seinem Wagen hatte. Er habe es dem Jungen verabreicht, ihn ausgezogen, gestreichelt und schließlich versucht, den Analverkehr mit ihm durchzuführen. Davon hat S. auch Fotos angefertigt, die die Polizei später auf seinem Rechner fand. Er habe von dem Bub abgelassen, als dieser Aufwachreaktionen zeigte. Mit der Mutter des Jungen hingegen, mit der sich im Lauf der Zeit eine Beziehung entwickelte, habe er keinen Geschlechtsverkehr gehabt, berichtet der Angeklagte. "Ich habe immer Ausreden erfunden, schließlich behauptet, ich sei asexuell."

Dennoch habe die Pädophilie während der Beziehung viel weniger Raum in seinem Leben eingenommen. Schließlich, so berichtet er, habe er bei der Hotline "Kein Täter werden" angerufen, über seine Neigungen gesprochen und gefragt, was er machen könne. "Leider blieb es bei dem Anruf", sagt S. Weitere Hilfe suchte der 43-Jährige nicht. "Ich wollte nicht meine Arbeit als Kinderarzt, mein Ansehen, meine Geltung, die Sympathien verlieren. All das hatte ich außerhalb der Arbeit nicht." Dass S. an seinem Arbeitsplatz nie übergriffig geworden war, wertete das Gericht während der ersten Verhandlung als Zeichen dafür, dass er sich kontrollieren konnte. Wie der Arzt nun einräumte, habe die Pädophilie an seinem Arbeitsplatz aber durchaus Raum eingenommen. "Anfangs konnte ich beides noch gut voneinander trennen, später hatte ich oft meinen Laptop dabei und habe mir auch in der Arbeit Bilder angeschaut." Auch seine Entscheidung, überhaupt Kinderarzt zu werden, sei sicher von seiner Zuneigung zu Kindern beeinflusst gewesen, gibt er nun an. Sie sei nicht der einzige Grund gewesen, aber er habe sich in der Kinderklinik von Anfang an wohlgefühlt, weil er von Kindern umgeben gewesen sei.

Neben der Haftstrafe und der Sicherungsverwahrung war auch ein lebenslanges Berufsverbot Teil des ersten Urteils gegen den 43-Jährigen. Die Verteidigung hofft, dass das am Ende des neuen Prozesses nicht mehr der Fall sein wird und S. wenn auch nicht als Kinderarzt, so doch wieder als Mediziner arbeiten darf. Der Prozess gegen den Kinderarzt geht am heutigen Mittwoch vor dem Landgericht weiter. (
Von Kristin Deibl)
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