100. Todestag von Friedrich Hessing: Er tafelte mit Kaiser Wilhelm II

Friedrich Hessing bei der orthopädischen Arbeit: Ein kleines Mädchen bedarf seiner Hilfe. Foto: Archiv Hessing-Stiftung

Heute zählen die orthopädischen Hessing-Kliniken im Augsburger Stadtteil Göggingen zu den Spitzenhäusern weit über Deutschland hinaus. Doch ohne ihren vor 100 Jahren - am 16. März 1918 - verstorbenen Gründer Friedrich Hessing gäbe es dieses Prädikat nie und nimmer. Der aus dem mittelfränkischen Schönbronn stammende Schreiner und Orgelbauer - er war das 13. Kind einer kleinen Häuslerfamilie und sah nie eine höhere Schule oder gar eine Universität von innen - kam 1866 nach Militärdienst und Wanderschaft nach Augsburg und gründete schon zwei Jahre später eine orthopädische Werkstätte beim Jakober Tor, die er 1869 ins damals selbstständige Göggingen verlegte.

Bald schuf er hier eine "Gemeinde in der Gemeinde": Anstaltsgebäude, eine eigene Kirche, eine Burg als Gästehaus und das Kurhaus - heute in der europäischen Denkmalliga spielend - entstanden. Und Göggingen wurde - Dank Hessing - um die Jahrhundertwende sogar Kurort. Hessing hatte die einmalige Gabe, Menschen mit orthopädischen Problemen zu helfen oder deren Leiden zu mildern. Seine "geschnitzten" Finger, Arme, Füße und Beine konnten von ihm mit technischem Material so geschickt integriert werden, dass oft wieder "normale" Gebrauchsfähigkeit hergestellt war. Er war ein begnadeter Präzisionshandwerker, der nicht umsonst nach seinem Ableben als "1. Orthopädiemechaniker der Welt" tituliert wurde.

Er war aber auch ein Kaufmann und Organisator, der seinesgleichen suchte. Denn mit der Handwerkskunst alleine wäre er nie zum Multimillionär geworden. So brachte er das Deutsche Kaiserhaus und den Russischen Zarenhof so weit, ihre Portemonnaies kräftig für den Bau der Anstaltskirche zu öffnen.

Aus dem Schreiner wird Friedrich Ritter von Hessing

Viel Adel - besonders aus dem Zarenreich - nahm damals Hessings Dienste in Anspruch und er selbst war insgesamt 25 Mal in St. Petersburg und Moskau, um dort Behandlungen durchzuführen. Und selbst Kaiser Wilhelm II. lud ihn zur Berliner Abendtafel ein. So eine Ehre erhielten damals nur wenige. Grund hierfür war die erfolgreiche Behandlung der Kaisergemahlin nach einem Bergunfall am Königssee. Pech hatte allerdings der amerikanische Eisenbahnmogul Cornelius Vanderbild: Er wollte, dass Hessing nach New York kommt, "koste es, was es wolle". Doch der Herr Orthopäde schrieb cool zurück: "New York - Göggingen ist gleich weit wie Göggingen - New York, also kommen Sie!" Der Milliardär verschmähte aber dann Göggingen, was gar nicht schön von ihm war.

Friedrich Hessing war zudem mit einem ausgeprägten Ego ausgestattet. Einmal auf seine Körpergröße von 1,47 Meter angesprochen, gab er kräftig zurück: "Was hat denn die Größe eines Menschen mit dem Zollstockmaß zu tun!"

Und die ihm ausgehändigten Orden und Auszeichnungen taten ihm gut. Wann wird denn schon aus einem Schreiner ein Königlicher Hofrat oder gar ein Friedrich Ritter von Hessing. Bad Kissingen, Bad Reichenhall, Rothenburg und sein Geburtsort Schönbronn machten ihn zum Ehrenbürger. Nur die Augsburger und selbst die Gögginger hielten sich da vornehm zurück... Und alles, was er hatte, brachte der umtriebige und unverheiratet Gebliebene in eine von der Stadt Augsburg heute noch verwaltete Stiftung ein.

Praktisch war er ja schon veranlagt, der Herr Königliche Hofrat. Fast alles was er hatte, legte er nämlich in der "Schwaben-Währung" - in Grund und Boden - an. Ein schlechtes Geschäft für Augsburg war und ist das auch heute nicht. (
Von Dr. Heinz Münzenrieder)
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2 Kommentare
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Hans Gerhard Christoph aus Gunzenhausen | 24.03.2018 | 16:52  
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Hans Christoph aus Gunzenhausen | 24.03.2018 | 19:24  
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