Die Politik ist gefordert

Gastgeber Ulrich Lorenz (links) von der Kinder-, Jugend-, und Familienhilfe freut sich über die Diskussionsrunde der Jugendlichen aus fünf Kontinenten mit (stehend) Marcel Tavares aus Brasilien, Robel Tesfalem aus Eritrea, Toby Jones aus Australien, Rohulla Mohabati aus Afghanistan, dem Organisator Gottfried Morath und Dr. Carsten Witt sowie (sitzend) Moderatorin Parboni Rahman, dem deutschen Studenten Elias Puhle und Aleks David, Student mit serbischen Wurzeln.
 
Marcel (Zweiter von links) bei der Diskussion. Er kommt aus Brasilien und lebt äußerst sparsam. Er verzichtet bewusst auf Konsum.
 
Sieben Jugendliche aus fünf Kontinenten diskutierten kontrovers über die Bevölkerungsexplosion.
Augsburg: Kinder-, Jugend- und Famiienhilfe Hochzoll |

Jugendliche aus fünf Kontinenten mit unterschiedlichen Kulturen und Religionen diskutieren respektvoll über die Weltbevölkerung

Bereits zum fünften Mal kamen Jugendliche unterschiedlicher Kulturen und Religionen in den Räumen der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Hochzoll zusammen und diskutierten friedlich zu Themen des aktuellen Weltgeschehens. Wieder hat Organisator Gottfried Morath vom Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ es geschafft, sieben Jugendliche im Alter von 18 bis 27 Jahren aus fünf Kontinenten in einer Gesprächsrunde zusammenzubringen. Diesmal drehte sich alles um das brisante und komplexe Thema „Bevölkerungsexplosion“.

Die Runde war bunt gemischt: Die Teilnehmer kamen aus Südamerika, Afrika, Europa, Asien und Australien und vertraten die drei großen Weltreligionen. Sie war damit international, multikulturell und interreligiös. Die Gesprächsrunde wurde wieder von der 27-jährigen muslimischen Lehrerin Parboni Rahman sehr souverän moderiert. Sie ist hier geboren, ihre Eltern kommen aus Bangladesch. Das Interesse war sehr groß. Über 30 interessierte Jugendliche und Erwachsene kamen in die Räume an der Karwendelstraße 7 und diskutierten im Anschluss an die Diskussion kontrovers mit. Es gab nur positive Rückmeldungen, sowohl von den Teilnehmern als auch von den Zuhörern.

Heute leben rund 7,5 Mrd. Menschen auf dieser Erde. In 30 Jahren werden es nach den Berechnungen der Fachleute 10 Mrd. sein. Die Zunahme geht in erster Linie auf die Entwicklungsländer zurück, hauptsächlich auf Afrika. Das hat weitreichende Folgen wie zum Beispiel auf die Ernährung, die Rohstoffe, die Energie, das Klima, die Migration und auf den Weltfrieden. Experten gehen davon aus, dass dann 80 Prozent der Menschen in großen und sehr großen Städten mit bis zu 80 Millionen Einwohnern und in Häusern leben werden, die 600 bis 1.000 Meter hoch sind. Hat das auch Vorteile? Die heutige Jugend wird das alles erleben. Sie hat es in der Hand, Einfluss auf diese Entwicklung zu nehmen. Was hat die Jugend zur Bevölkerungsexplosion zu sagen?

An der Diskussion nahmen teil:
• Aleks David (21), jüdischer Student mit serbischer Herkunft,
• Elias Puhle, (21) deutscher Student, Juso-Mitglied, katholisch,
• Robel Tesfalem, (19) seit zwei Jahren in Deutschland, hat sechs Geschwister, FOS-Schüler aus Eritrea, Afrika,
• Rohulla Mohabati, (25) Auszubildender aus Afghanistan, Asien,
• Marcel Tavares, (21) Lehramtsstudent aus Brasilien, Amerika,
• Toby Jones, (18) seit fünf Monaten in Deutschland als Gastschüler aus Australien.

Als erstes hat Aleks David, der jüdische Student mit serbischen Wurzeln, über seine Heimat berichtet. „Aus Serbien wandern die Leute eher ab. Zudem ist die Geburtenrate sehr niedrig und die Sterberate hoch, ähnlich wie in Deutschland“. In Afrika hat die Bevölkerung enorm zugenommen. Australien kommt damit zurecht, es hat große Flächen und genügend Reserven für mehr Menschen. Spielt die Religion eine Rolle? Laut Robel und Rohulla hat sie in Afghanistan und Eritrea keinen Einfluss. Kinder bedeuten in diesen Ländern Reichtum. „Man hat so viele Kinder, wie man ernähren und erziehen kann“, so Rohulla. Gleichzeitig merkte er aber auch an, dass man nur so viele Kinder haben sollte, wie man es sich auch leisten könne. Es gebe zwar viele Kinder in Afghanistan, doch wegen des Krieges wachse die Bevölkerung nicht. Die Bildung spiele dagegen eine große Rolle. Marcel aus Brasilien, ist sehr bescheiden. Er möchte später als Lehrer sein Geld verdienen, obwohl der Verdienst sehr gering sei. Aber für ihn ist Bildung enorm wichtig und das will er Kindern in seinem Land weitergeben. Statussymbole wie ein Auto, ein großes Haus und vieles mehr zählen für den sportlichen jungen Studenten nicht.

„Aber nicht nur die Bildung, auch die fehlenden Verhütungsmittel in Entwicklungsländern wie Malaysia spielen eine Rolle“, so Parboni. In Malaysia gebe es zum Beispiel gar keine Verhütungsmittel zu kaufen. In muslimischen Ländern gibt es Verbote. Aleks forderte deshalb: mehr Verhütungsmittel und Bildung für Frauen, mehr Schulen. In Afrika hat die Politik viel Macht, was das Bevölkerungswachstum betreffe. Laut Robel aus Eritrea müsse man dort die Schule besuchen, sonst werde man zum Militär geschickt.

Wie wirkt sich das Bevölkerungswachstum auf den Wohlstand sowie die Rohstoff- und Energiereserven aus?

Elias ist der Meinung, dass wir die Not nur verschärfen in Afrika. Es wäre nämlich genügend da für die Verteilung. „Ein Abgeordneter aus Kenia sagte, dass Know-how wichtiger als Geld ist. Doch wir brauchen die Zuwanderung, um genügend Arbeitskräfte zu haben“. Robel merkte kritisch an: „Aber wie kann man Afrika unterstützen, wenn es einen Diktator gibt?“ Laut Marcel sollte sich jeder fragen, was er für sein Land tun könne. „Häufig gibt es Korruption. Man muss sein Ego auch mal zurückstellen. Die Menschen inspirieren sich gegenseitig.“ Marcel selbst lebt äußerst sparsam und verzichtet bewusst auf elektronische Geräte.

Wir brauchen Einwanderer – in einem gewissen Maße

Der Klimawandel spielt eine große Rolle. Zudem herrscht Fachkräftemangel“, so Elias. „Wir brauchen die Zuwanderer – zumindest bis zu einem gewissen Maß!“ Er wies aber auch darauf hin, dass mehr Menschen in den Entwicklungsländern dagegen zu einer Verstärkung der Migration führen. Wie wirkt sich das aber auch die nationale und internationale Sicherheit aus? In Deutschland werde es Probleme geben, wenn viele Menschen einwandern. „Wir müssen schauen, wie wir damit klar kommen“, so der deutsche Student Elias. „Deshalb müssen wir vorbeugen. Die Politik ist hier gefordert und muss handeln.“ Dass es in jeder Gruppe schwarze Schafe gäbe, sei zu berücksichtigen. Die müssten dann wieder zurück in ihr Land. Die Tendenz zu immer größeren Städten, wie zum Beispiel in Nigeria, sei laut Robel sehr negativ. „Doch hier finden sie eher Arbeit“, sagt Rohulla. Es werde aber mehr Müll und Krankheiten geben.

Bevölkerungsexplosion bietet aber auch Chancen

Hier sind sich die jungen Menschen einig: Man könnte mehr Wissen austauschen. Es gebe mehr Pflegekräfte, vielleicht dann auch mehr Fachkräfte. Die Altersstruktur wird dann auch besser. Diese ist in den Industrie- und Entwicklungsländern sehr unterschiedlich. Schließlich betonen sie den großen Wert der Bildung. Dass man bei der Diskussion sich ausgetauscht hat und es verschiedene Standpunkte gab, fanden alle sehr interessant. Man hat sich gegenseitig befruchtet. Allein seien die angesprochenen Probleme schwer zu lösen.

„Die Grundlage für die Lösung von Problemen ist ein respektvolles Gespräch mit gutem Willen. Für Jugendliche gibt es bisher nur wenige Gespräche dieser Art, schon gar nicht in dieser bunten Zusammensetzung. Jeder soll erkennen, dass ein konstruktives und interessantes Gespräch möglich ist. Und das ist den Jugendlichen heute Abend wieder hervorragend gelungen“, sagt Gottfried Morath. Damit wird ein wichtiges öffentliches positives Zeichen gesetzt. Dieses Jugendgespräch passe sehr gut zum Zweck des Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“, der überparteilich und bundesweit ist. Denn Zweck des Vereins ist es, mit verschiedenen Veranstaltungen an die schrecklichen Auswirkungen von Diktaturen zu erinnern und die demokratisch gesinnten Kräfte zu stärken. „Die Jugendlichen, die Zuhörer und die Zeitungsleser sollen erkennen, dass ein solches respektvolles und friedliches Gespräch möglich ist. Damit wird ein öffentliches positives Zeichen in der Friedensstadt Augsburg gesetzt“, so Morath.

Go Europe – für Frieden und Freiheit

Zum Schluss des interessanten Abends, der auch danach noch zu vielen kontroversen Diskussionen mit den Gästen führte, stellte Dr. Carsten Witt, der sich sehr für Europa einsetzt, sein besonderes Projekt „Go Europe“ vor: Er hat sich vorgenommen, zu Fuß von Lissabon bis nach Tallin in Estland zu wandern. Dabei möchte er für Europa werben. Einen Teil hat er bereits geschafft. Die 5.000 Kilometer lange Strecke ohne Grenzkontrollen und Einschränkungen zurücklegen zu können, sei schon ein Beweis, dass Europa großartig ist. Auf dem Weg nach Tallinn werde er alle europäischen Länder und deren Hauptstädte besuchen, um die Menschen für den Fortbestand eines demokratischen und friedlichen Europas zu begeistern. Er sucht noch Unterstützer für die Verbreitung des Projektes und ist dankbar für weitere Ideen oder Spenden.

Der Termin für die nächste Diskussionsrunde am gleichen Ort steht bereits fest: Am 22. Oktober 2018 um 19.30 Uhr zum Thema „Kann die Demokratie so überleben?“
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