Füreinander da sein: Einheimische und Asylsuchende treffen sich im Bobinger "Café International"

Arnfried Sittner übt Schreiben mit seinem Schützling.
 
Es wird gemalt und gebastelt im "Café International".

Jeden Freitagnachmittag treffen sich Einheimische und Asylsuchende zu einem „Café International“ in der Alten Mädchenschule

„Wenn Menschen die Ersparnisse ihrer Familie ausgegeben, monatelange Entbehrungen und sogar Lebensgefahr auf sich genommen haben, um hierher zu kommen, dann können wir uns doch nicht hinstellen und sagen: Das war alles umsonst, geht mal schnell dahin zurück, wo ihr hergekommen seid!“ sagt Reinhold Lenski bei einem Gespräch im „Café International“.

Lenski ist einer der Ehrenamtlichen, die den Asylsuchenden mit Rat und Tat zur Seite stehen. Das Café findet jeden Freitag von 16 bis 19 Uhr in der Alten Mädchenschule statt. Man unterhält sich, Kinder malen, man bekommt Kaffee und Kuchen, hilft Kindern bei den Hausaufgaben, übersetzt Briefe von Schulen und Behörden oder spielt zusammen Gesellschaftsspiele. Der Raum wird von der Stadt zur Verfügung gestellt, Träger der Veranstaltung ist der Verein „Bobingen ist bunt“.

Weitere Projekte des Vereins sind eine Lernwerkstatt für Kinder und Erwachsene an jedem Montag von 16 bis 18 Uhr in der Alten Mädchenschule und eine Fahrradwerkstatt, die als Hilfe zur Selbsthilfe gedacht ist. Viele Flüchtlinge haben erst in Deutschland das Radfahren erlernt. In der Werkstatt lernen sie, ein Fahrrad instand zu halten.

Edmund Mannes gehört zum Vorstand des Vereins „Bobingen ist bunt“. Er berichtet, dass augenblicklich fast 200 Asylsuchende und Anerkannte in Bobingen wohnen. Die meisten kommen aus Syrien und Afghanistan, kleinere Gruppen aus Iran, Irak, verschiedenen afrikanischen Ländern und der Türkei. Zum größten Teil sind es Familien mit Kindern.

Laut Internetseite des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) haben 2019 bisher 9746 Menschen in Bayern Asyl beantragt, ein Viertel davon kam aus Syrien. Im gleichen Zeitraum wurde 1,2 Prozent der Antragsteller Asyl gewährt. Ein Bleiberecht erhielten 23,9 Prozent, etwa für die Zeit, bis der Krieg in ihrem Heimatland vorüber ist. Die größte Hürde auf dem Weg zur Integration ist die Wohnungsnot. Wer ein Bleiberecht erhalten hat, soll eigentlich aus der Flüchtlingsunterkunft ausziehen. Da die Wohnungssuche oft vergeblich ist, bleiben die Menschen in der beengten Unterkunft.

Von staatlicher Seite sind das BAMF, die Landratsämter und die Regierungen für Flüchtlinge zuständig. Doch viele Pflichten, die den Asylsuchenden auferlegt werden, sind ohne Hilfe kaum zu erfüllen. Beispielsweise müssen sie sich sofort am Tag ihrer Ankunft in Bobingen beim Landratsamt in Schwabmünchen melden. Doch kennen die Flüchtlinge unser öffentliches Nahverkehrssystem nicht und sprechen kaum Deutsch. Wo niemand zuständig ist, springen die Ehrenamtlichen ein. Sie übernehmen die Begleitung bei Behördengängen oder bei Arztbesuchen. Dabei sind die Sprachkenntnisse eines weiteren Ehrenamtlichen, Dariusch Entessabian, von besonderem Wert, denn er spricht Persisch, was auch von vielen Afghanen verstanden wird.

Neue Erfahrungen im Ehrenamt

„Für mich sind die Flüchtlinge einfach nur Menschen“, sagt Arnfried Sittner. Er hat selbst einige Zeit im Ausland gearbeitet und erinnert sich gut, wie froh er war, als Nachbarn bei ihm geklingelt haben, um ihn einzuladen. „So sollte es doch sein. Die Menschen sollten füreinander da sein, denn Einsamkeit tut niemandem gut. Hier im „Café International“ setzen sich alle an einen Tisch und suchen das Gespräch.“ Er sei eines Tages ins Café gekommen, um seiner Überzeugung Taten folgen zu lassen und habe gesagt: „Ich will helfen, was kann ich tun?“. In dem Moment sei ein Mädchen hereingekommen, das gerade eingeschult worden war, und die Dame neben ihm sagte: „Da kommt Ihre Aufgabe!“ Seither hilft er dem Mädchen bei den Hausaufgaben, spricht mit ihren Lehrkräften und unternimmt Ausflüge zusammen mit ihr und anderen Kindern und Helfern. „Ich hatte gar keine Erfahrung im Umgang mit Kindern und merke jetzt, dass es mir sehr viel Spaß macht. Ich glaube, es wäre auch für viele andere eine Bereicherung, für Menschen aus anderen Kulturen ein guter Nachbar zu sein.“

„Niemand von uns ist dagegen, Kriminelle abzuschieben“, sagt Lenski und fährt fort: „Aber es ist bedrückend, wenn ein guter Kerl, der inzwischen schon Deutsch gelernt hat und sogar nützliche Arbeitserfahrung vorweisen kann, am Ende abgelehnt wird. Bei uns sind in vielen Branchen Arbeitskräfte knapp, und dieser anständige Mensch wird weggeschickt. Das ist für mich schwer verständlich.“ Ulrike Harner, die ebenfalls ehrenamtlich hilft, erläutert: „Viele abgelehnte Asylbewerber können sich zu Hause nicht mehr blicken lassen, da sie die Ersparnisse der ganzen Verwandtschaft für ihre Flucht ausgegeben haben. Sie müssen sich im Herkunftsland ohne ihre Familie durchschlagen, was dort extrem schwer ist. Womöglich werden sie als Betrüger oder Verräter angesehen und müssen sich vor Verfolgung fürchten.“

Andrea Zabelt hat sich für diese Art des Engagements entschieden, nachdem sie sich gefragt hatte: „Was wäre, wenn ich einer dieser Menschen wäre?“. Sie fährt fort: „Viele der jungen Leute, die allein hier ankommen, sind ja fast noch Kinder. Ich will nicht, dass sie sich hier völlig verloren fühlen.“ Weiter erzählt sie: „In den Herkunftsländern hat die Familie einen sehr hohen Stellenwert. Wir Helfer werden nach und nach zu Ehrenmitgliedern der Familien. Das bedeutet, dass sie auch für uns da sind, wenn wir einmal durch eine schwere Zeit gehen. Dann laden sie uns zum Essen ein und versuchen, uns aufzumuntern.“

Wer Interesse daran hat, den Flüchtlingen ebenfalls hilfreich zur Seite zu stehen, ist herzlich eingeladen, sich im „Café International“ zu melden.
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