Konstantin Wecker und Band bringen Singoldhalle zum Beben

Konstantin Wecker am Flügel
 
Beim Schlussapplaus v.l.n.r.: Konstantin Wecker, Fany Kammerlander, Marcus Wall, Severin Trogbacher, Wolfgang Gleixner und Jo Barnikel

Vor ausverkaufter Halle singt der berühmte Liedermacher Politisches und Poetisches

Das Konstantin-Wecker-Konzert sollte einer der großen Höhepunkte im Jubiläumsjahr der Stadt werden, so war es vom städtischen Kulturamt geplant und die Zeichen dafür standen gut. Der Abend war frühlingshaft warm, die Singoldhalle schon seit Monaten ausverkauft. Irgendwie war es der Leiterin des Kulturamts Elisabeth Morhard trotzdem gelungen, in letzter Minute noch zwei Karten für eine Dame, die am Tag des Konzerts Geburtstag hatte, aufzutreiben. Das Geburtstagskind freute sich über das Geschenk ihres Mannes: „Mir gefallen Weckers Texte, die hintersinnigen genauso wie die radikalen und die lyrischen. Und ich bewundere seine Energie, auf der Bühne und im Leben. Er ist so hoch gestiegen, dann tief gefallen und hat sich wieder nach oben gekämpft – beeindruckend.“
„Poesie und Widerstand“ war der Titel des Programms. Am Beginn des Abends stand der Widerstand. Zur Melodie des vor 50 Jahren entstandenen „Willy“, das er damals gegen den rechten Mob geschrieben hatte und das heute wieder erschreckend aktuell ist, ging es um Flüchtlinge, um weltweite Populismus-Phänomene und um Hass, der aus Selbsthass entsteht - immer wieder von Beifall begleitet. „Das Leben will nicht stramm marschieren, es lädt zum Tanzen ein. Wer mit dem Leben tanzen will, darf nie gehorsam sein“, sang er in „Das Leben will lebendig sein“. Seit 50 Jahren fordert Wecker sein Publikum zu Mut und Ungehorsam auf und dazu, gegen den Strom zu schwimmen. Sein Lied „Die Weiße Rose“ widmete er an diesem Abend Willi Ohlendorf, dem Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus aus Bobingen. In „Der alte Kaiser“ wurde die Musik hochdramatisch, an tragische Opern erinnernd. Möglich machten dies die fünf Spitzenmusiker, mit denen er seit vielen Jahren zusammen arbeitet. Sie glänzten jeweils an mehreren Instrumenten und brillierten in vielen Soli: Fany Kammerlander mit Cello, E-Bass und Gesang, Wolfgang Gleixner an Schlagzeug, Percussion, Gitarre und Mundharmonika, Severin Trogbacher an E- und Akustik-Gitarre und Bratsche, Jo Barnikel an Keyboard und Klavier, Marcus Wall an Violine und E-Gitarre.

"Poesie ist Widerstand"

„Poesie, Zärtlichkeit und Liebe machen allen Diktatoren Angst“, sagte Wecker, „deshalb ist Poesie Widerstand“, und zeigte seine poetische Seite in Liebesliedern an seine Frau, die ihn „so lange ertragen“ habe. „Du warst es, die das Ungereimte in mir zu einem Vers verband“, sang er für sie. Für seinen verstorbenen Vater, einen Opernsänger, dem keine große Karriere gelungen war, sang er: „Du hattest Größe, ich hatte Glück“. Mit einem Abschiedslied an seine erwachsen gewordenen Kinder, die ihn gelehrt hatten, den Zauber in der Welt zu sehen, sprach er vielen im Publikum aus der Seele. Seinen philosophischen Bekenntnissen „Menschen müssen sich verändern, um sich selber treu zu bleiben“ oder „Zwischen Zärtlichkeit und Wut tut das Leben richtig gut“ schien das Publikum einhellig zuzustimmen.
Viele werfen im Alter von 71 Jahren einen Blick zurück auf ihr Leben, so auch Wecker. Und er entdeckt dabei manch Lächerliches. Etwa wie er in jungen Jahren in einer „Protzkarre, einen Pontiac Firebird“ zu seinen Kabarettauftritten gefahren sei und den Widerspruch nicht erkannt habe. „Meine Lieder waren mir damals weit voraus“, sagt er heute. Und er bekennt augenzwinkernd: „Als mein erstes Kind unterwegs war, beschloss ich, mich dem Erwachsenwerden endgültig zu stellen. Ich war damals 50.“
Zwei begeisterte Zuschauerinnen, nach eigener Angabe einige Jahre jünger als Wecker, sagten in der Pause: „Er ist das Sprachrohr unserer Generation“. Wie recht sie damit hatten, zeigte sich wenige Minuten später. Für sein Lied „Empört Euch!“ über egoistische Superreiche und eine Politik, in der „Menschenwürde unter Finanzierungsvorbehalt“ stehe, erntete er langen, tosenden Applaus. Der Text traf offenbar einen Nerv, ebenso wie „Sage nein!“, bei dem der Saal mitsang und –klatschte.
Musikalisch richtig zur Sache ging es in der Geschichte vom bayerischen Blues, dem „Wehdam“. Auf eine harmlose Einleitung folgten Rock-Soli auf E-Gitarre und E-Bass, die den Saalboden zum Beben brachten. Schließlich griff der Meister in die Tasten, ohne sich zu setzen und am Ende landete ein Fuß auf den Tasten – das Publikum stand und tobte. Ein anschließendes Instrumentalstück bot dem Künstler Gelegenheit, wieder zu Atem zu kommen. Kurz darauf ging es wieder in die Vollen, als Wecker italienisch singend durch den Saal ging, wo geklatscht und getanzt wurde. Nach der Verbeugung wurden die Musiker durch Applaudieren, Johlen, Trampeln und Pfeifen noch über eine halbe Stunde lang aufgehalten. Zu den Zugaben gehörte das melancholische „Te voglio bene assai“ von Lucio Dalla, das die Zuschauer beglückt nach Hause schweben ließ.
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