Niemals aufgeben

Tim Hofmann (links) und Dominik Rankl vor der Graffiti-Wand im Jugendzentrum

Jugendzentrum und Streetwork: Die Soziale Arbeit mit Jugendlichen bringt Höhen und Tiefen. 

„Jeden Tag kommen mindestens 30 Jugendliche ins Jugendzentrum, am Wochenende manchmal über 80“, erzählt Dominik Rankl, während er auf einem aus Paletten gebauten Sessel im Erdgeschoss des Jugendzentrums (Juz) sitzt. Er leitet das Juz an der Jahnstraße seit Herbst letzten Jahres. Rankls frühere Stelle als Streetworker hat Tim Hofmann im November 2018 übernommen. Die Jugendlichen kennen Rankl und Hofmann, weil sie sich einmal im Jahr in allen Bobinger Schulen vorstellen. Beide sind auch bei den Schulabschlussfeiern dabei, fast wie Verwandte. Träger des Hauses und der Streetwork-Arbeit ist der Kreisjugendring Augsburg-Land.
In Bobingen wohnen über 3000 Jugendliche. Um die 300 von ihnen nutzen das Juz als Treffpunkt, von der 13-jährigen Mittelschülerin bis zum 24-jährigen Berufstätigen mit Fachabitur. Rankl kennt alle mit Namen, die Atmosphäre ist familiär. Manche Besucher kommen täglich, manche hin und wieder, alle sind willkommen. „Es hat sich eingebürgert, dass sich alle gegenseitig mit Handschlag begrüßen, Erwachsene und Jugendliche, und alle fühlen sich wohl damit“, so Rankl weiter. Die jungen Leute spielen Dart oder Billard, hören Musik oder ruhen sich aus. Es gibt einen Nebenraum mit Sofa und Spielkonsole für diejenigen, die eine Pause brauchen. Im Keller gibt es einen großen Raum mit Sesseln und einer Musikanlage. Hier hat schon ein Tanzkurs stattgefunden und ein Graffiti-Künstler hat mit den Jugendlichen eine Wand gestaltet. Vor kurzem ist ein Bayerisch-Rapper aufgetreten, danach war „Open Mic“, das heißt, das Mikrophon war frei gegeben für eigene Rap-Versuche – die Jugendlichen waren begeistert, wie Hofmann berichtet.

Wer Hunger hat, lernt kochen

Im Erdgeschoss gibt es eine Küche mit nagelneuer Ausstattung, die von der Stadt finanziert wurde. Zweimal in der Woche wird gemeinsam gekocht. Die Jugendlichen kaufen ein, kochen, spülen ab und bekommen dafür ein gutes Essen umsonst. Rankl versucht, den Jugendlichen nahezubringen, dass auch fleischlose Gerichte gut schmecken und dass man die Zutaten auch unverpackt kaufen kann. Die Kochaktionen sind beliebt, „weil sie so hungrig sind“, vermutet Rankl. Auch Obst und Reiswaffeln, die täglich kostenlos angeboten werden, sind am Abend aufgegessen. Da das Juz neben der Zweifach-Turnhalle an der Jahnstraße untergebracht ist, lag es nahe, den Jugendlichen zu bestimmten Zeiten eine „offene Halle“ anzubieten, damit auch diejenigen, die nicht Mitglied in einem Verein sind, Sport treiben können. Wer mitmachen will, schließt sich der Whatsapp-Gruppe an, in der die Termine bekannt gegeben werden. Oft wird Fußball gespielt, aber es werden auch gern andere Sportarten ausprobiert. Eine Zeit lang hat eine große Gruppe intensiv den Trendsport Parkour trainiert, einer Art Hindernislauf mit Springen, Klettern, Kriechen und Balancieren.
Das Juz ist dienstags bis donnerstags von 15:00 bis 19:30 Uhr geöffnet, freitags und samstags von 15:30 bis 20:30 Uhr. Hinzu kommt die Mittagsbetreuung von Mittelschülern der siebten bis neunten Jahrgangsstufe dreimal pro Woche von 13 bis 14 Uhr. Die übrige Arbeitszeit muss ausreichen für die Organisation von Projekten wie dem Streetwork Action Day oder Partys an Wochenenden, von Ausflügen mit den Jugendlichen, etwa zum Europa-Park Rust, für Teambesprechungen mit dem Kollegium am Ort und mit Kollegen aus dem Landkreis und vom Kreisjugendring, für die Kooperation mit den Sozialarbeitern der Schulen, dem Familienbüro, der Jugendhilfe im Landratsamt und dem Quartiersmanagement. Auch Umgestaltungen im Juz zusammen mit Jugendlichen wollen geplant und vorbereitet werden. 2018 wurden die Räume gestrichen, die nun aussehen wie neu. Die Sessel aus Paletten wurden in einer dreitägigen Aktion gemeinsam mit Jugendlichen gebaut. Wenn mit Schleif- und Bohrmaschinen gearbeitet wird, steht neben jedem Jugendlichen ein Betreuer. Im Moment wird das alljährlich in den Sommerferien stattfindende „Stadtbauspiel“ vorbereitet, für das viele ehrenamtliche Helfer gebraucht werden. Wer als Betreuer mitmachen will, bekommt von Rankl eine Bescheinigung, mit der man beim Arbeitgeber die Freistellung für ehrenamtliche Tätigkeit beantragen kann.

Schnittstelle zwischen Jugendlichen und staatlichen Stellen

Für Hofmann ist die Stelle in Bobingen die erste nach seinem Studium der Sozialen Arbeit in München. Er sucht den Kontakt mit Jugendlichen, die nicht ins Juz kommen. Dafür fährt er mit dem Fahrrad zu ihren Treffpunkten auf Plätzen im ganzen Stadtgebiet, auch in den Ortsteilen, und spricht sie dort an. „Gestern bin ich in den Regen gekommen und klatschnass geworden“, berichtet er und lacht. Viele Jugendliche vertrauen ihm, weil er keinen ordnungspolitischen Auftrag innehat und unter Schweigepflicht steht. Hofmann ist selbst noch recht jung, ist aber überzeugt, dass auch ältere Menschen mit Jugendlichen arbeiten können: „Entscheidend ist nicht das Alter, sondern die Einstellung, die eigene Motivation für die Tätigkeit.“ Hofmann ist häufig Mittelsmann zwischen den jungen Leuten und Behörden. Wenn Jugendliche klagen, weil der Skaterplatz Risse hat, bittet er die Stadtverwaltung um eine Reparatur. Gibt es Probleme im Ausbildungsbetrieb, spricht er die Agentur für Arbeit an. Hört er von Suchtproblemen, vermittelt er den Betroffenen an die Drogenberatungsstelle. Er ist ansprechbar zu bestimmten Zeiten im Büro in der Jahnstraße, ansonsten auf seinem Handy.
„Natürlich gibt es Situationen, in denen man der Verzweiflung nahe ist, etwa wenn ein junger Mensch, um den man sich sehr bemüht hat, eine Entscheidung trifft, durch die sein Leben eine Wende zum Schlechteren nimmt. Aber aufgeben darf man niemals. Wer aufgibt, ist falsch in diesem Beruf. Man muss immer weiter seine Arbeit machen“, sagen beide übereinstimmend. Auf der anderen Seite stehen viele kleine und große Erfolge. Dazu zählt Rankl, wenn es gelingt, eine gute Beziehung zu einem Jugendlichen aufzubauen, eine neue Sicht auf die Dinge zu vermitteln oder einem Menschen zu helfen, sein Ziel zu erreichen. Er erinnert sich, einem Jugendlichen bei der Vorbereitung eines Bewerbungsgesprächs geholfen zu haben. Derjenige hat nicht nur die Ausbildungsstelle bekommen, sondern hat sich auch bei Rankl bedankt. „Man darf keinen Dank erwarten oder gar darauf hin arbeiten, das wäre ganz falsch. Aber wenn ein Dank kommt, darf man sich natürlich freuen. Und das hat mich sehr gefreut.“
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